Das Webjournal Hubert Fichte: Love and Ethnology (Liebe und Ethnologie) begleitet das gleichnamige Kooperationsprojekt zwischen Goethe-Institut und Haus der Kulturen der Welt, das zwischen 2017 und 2019 mit Unterstützung der S. Fischer Stiftung und des S. Fischer Verlags an den Ausstellungs- und Präsentationsorten Lissabon, Salvador de Bahia, Rio de Janeiro, Santiago de Chile, Dakar, New York und Berlin mit zahlreichen Partner*innen realisiert wird.

Ausgangspunkt für Hubert Fichte: Love and Ethnology ist der umfassende Romanzyklus Geschichte der Empfindlichkeit des Ethnologen und Schriftstellers, der zwischen den frühen 1970er Jahren bis zu seinem Tod 1986 entstand. 19 der 24 geplanten Bände beendete Fichte bis zu seinem Tod weitgehend, weitere fünf blieben unvollendet oder verschollen. Zwischen 1987 und 2006 erschienen so 17 bisweilen fragmentarisch gebliebene Bände, die für eine neue und umfangreiche Rezeption im deutschsprachigen Raum sorgten. Das Projekt Hubert Fichte: Love and Ethnology nimmt einzelne dieser Romane in den Blick, die auf Veranlassung der S. Fischer Stiftung erstmalig übersetzt wurden und deren Rezeption in einigen der Länder, in denen Fichte und die Fotografin Leonore Mau in den 1960er bis 1980er Jahren reisten und forschten, dadurch nun ermöglicht wird.

Fichte war es ein Anliegen, mittels eines intensiv betriebenen Dialogs mit den Künsten und einer in seinem Romanzyklus zum Ausdruck gebrachten Empfindlichkeit und zum Prinzip gemachten Selbstbeobachtung eine neue postkoloniale Weltliteratur und Weltkunst anzuregen. So geht das Projekt Hubert Fichte: Love and Ethnology an zentrale Orte des Black Atlantic (Paul Gilroy), deren afrikanische und afro-diasporische Kulturen Fichtes und Maus Schaffen sowie ihr von einer hohen Dynamik gekennzeichnetes Verständnis der Ethnologie grundlegend prägten.

Ausgehend von Fichtes Roman Eine Glückliche Liebe (1984/88) und dessen Neuübersetzung durch José Maria Vieira Mendes im Verlag Cotovía setzen sich in der Ausstellung Mistake! Mistake Said the Rooster…and Stepped Down from the Duck (23.9.–5.11.2017) die Künstler*innen Gabriel Barbi, Ramiro Guerreiro, Ana Jotta, Euridice Kala und Simon Thompson mit Fichtes und Maus Werk und ihrem Aufenthalt in Salazars Portugal der 1960er Jahre auseinander. In der von Jürgen Bock kuratierten Schau im Lissaboner Ausstellungsraum Lumiar Cité stehen Themen aus Fichtes Roman wie Folter, Menschenrechte und Bisexualität sowie Auseinandersetzungen mit seinen und Maus ästhetischen Zugriffen im Mittelpunkt. Fichtes Bestreben einer Erweiterung des schriftstellerischen Schaffens selbst sowie der Künste generell mit einer Art “totalen Methode” wird bereits in der ersten Projektstation Lissabon herausgearbeitet und prägt alle weiteren Stationen.

Die von Max Jorge Hinderer und Amilcar Packer gemeinsam kuratierte Ausstellung Implosão: Trans(relacion)ando Hubert Fichte im MAM – Museum of Modern Art (7.11.–17.12.2017) in Salvador da Bahia und im Centro Municipal de Arte Hélio Oiticica (25.11.2017–13.1.2018) in Rio de Janeiro nimmt im November 2017 Fichtes 900-seitigen Roman Explosion (1993) in den Blick. Ausgehend von der Übersetzung dieses Herzstücks der Geschichte der Empfindlichkeit durch Marcelo Backes (Verlag: Hedra) entwickeln eine Reihe brasilianischer und internationaler Künstler*innen Arbeiten, die sich mit Fichtes und Maus Forschung zur afro-diasporischen Candomblé-Religion sowie Fichtes – innerem – Konflikt mit dem französischen Fotografen und Ethnologen Pierre Verger auseinandersetzen.

Die von Mario Navarro in Santiago de Chile kuratierte Ausstellung im Museo Nacional de Bellas Artes (13.9.–18.11.2018nimmt 2018 mit einem Chile-Kapitel von Fichte ebenso Explosion zum Ausgangspunkt (in der Übersetzung von Cecilia Pavón, Verlag Metales Pesados) wie auch das 1971 erstmals im Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlte Radiofeature Chile: Experiment auf die Zukunft. Angezogen von Allendes politischem Aufbruch verbrachten Fichte und Mau im Jahr 1972 einige Zeit in dem südamerikanischen Land. Seine Interviews mit Allende und dem ehemaligen Pressesprecher der Regierung Allende, Carlos Jorquera, sind Zeugnisse von Fichtes intensiver Auseinandersetzung mit dem lateinamerikanischen Sozialismus und zentraler Bezugspunkt für das Teilprojekt in Santiago de Chile.

Die Station in Dakar (5.–24.10.2018), eine Zusammenarbeit mit Koyo Kouoh (RAW Material Company, Kuratierung) und Mamadou Diop (Konferenz), geht von Fichtes Buch Psyche aus (Übersetzung: Magueye Kassé, Ibrahima Diagne und Mamadou Diop). Sie nimmt Fichtes und Maus längere Aufenthalte in Benin, Togo, Senegal, Burkina Faso, Guinea Bissau und Tansania in den Blick, außerdem Fichtes dortige Recherchen zu medizinischen und psychiatrischen Heilverfahren.

Die Übersetzung von Die schwarze Stadt. Glossen (1990) ins Englische durch Adam Siegel (Verlag: Sternberg Press) ist Ausganspunkt für die von Yesomi Umolu mit Katja Rivera kuratierte Ausstellung bei Participant INC und im E-Flux Space (3.12.2018–13.1.2019). Zwischen 1978 und 1980 hielt Fichte sich für längere Zeit in New York auf. Dort erlebte Fichte einen Kulminationspunkt seiner Beschäftigung mit afro-diasporischen Kulturen, weil es sie in dieser Stadt alle gibt – doch zum ersten Mal erschienen sie Fichte gemeinsam als eine gegenuniversalistische, zusammenhängende Alternative zur westlichen Kunst. Diesen Ideen ging Fichte in einer Fülle von Interviews mit Künstler*innen, Aktivist*innen und Zufallsbekanntschaften nach.

Die abschließende Berliner Station im Haus der Kulturen der Welt (2019) wird von den künstlerischen Leitern des Projektes Hubert Fichte: Love and Ethnology Diedrich Diederichsen und Anselm Franke kuratiert. Sie greift die Themen und Positionen der sechs Vorgängerstationen auf und konfrontiert sie mit weiteren historischen wie aktuellen Zusammenhängen. Die geplante Ausstellung und Diskursveranstaltungen werden aufgekommene Fragestellungen erweitern und auf die Gegenwart öffnen.