Pap Samb, genannt Papisto Boy, lebt, solange ich ihn kenne, in Bel Air, am Rande von Dakar.

Er wohnt in einer zeitschriftenbeklebten Hütte.

Eine Nachbarin kocht ihm das Essen.

Wasser holt er sich vom nahegelegenen Friedhof.

Pap Samb ist 27 Jahre alt.

Seine Familie bringt N’Doepkat hervor, Einweihungspriester des Volkes der Serer.

Er muß zum Unterhalt seiner Mutter beitragen und sich und seinen Sohn, der “ein bißchen wächst“, ernähren.

Pap Samb schreibt Gedichte in den Sprachen der Serer, Wolof, Mandinka, Sussu.

Er singt Lieder und spielt auf selbstgefertigten Instrumenten, im Club der Rechtsanwälte, nahe am Meer.

Papisto Boy will malen.

Papisto Boy wollte immer malen.

1976 malte Papisto Boy etwa hundert Meter Fabrikmauer voll.

Er benützte Kreide, Kohle, Erden, Steine, Asche, Kalk.

Er produzierte Strichzeichnungen und Farbflächen, milchig irisierend, durch das Verreiben der Farbstoffe mit dem Handballen – wie es bei uns die Pflastermaler in den 60er Jahren machten und Pap Sambs Vorfahren in Namibia, Zimbabwe, Tassili.

Die Bedeutung der steinzeitlichen Felsenmalereien bleibt dunkel; auch die Motivierungen für Papisto Boys Mauerbilder sind unbekannt.

Es entsteht eine dichte Struktur aus Figuren, Buchstaben, Symbolen: Göttergestalten wie Mami Ouata, Kumba Kastel, die schwarze Schlange, der schwarze Tiger, Monstren.

Eine andre Schicht repräsentiert “Das Senegal von Gestern“.

Hinzukommen Schilderungen des Alltags, Bauern, Koranschüler, Geburt.

Geräte: Beil, Mörser, vor allem Musikinstrumente, Masken.

Auch – kontrapunktisch zu den Gestalten des senegalesischen Pantheons und der Geschichte – People in the News: “Der große Mao“, Paulus VI., der Boxer Mouhamed Ali, Georges Pompidou. Comic Strips sind mit Mickey Mouse vertreten.

Zwischendrin findet sich eine Reihe undeutlicher, wie unbewußter Elemente: herzförmige, vaginale Kauri-Muscheln, eigentlich das alte afrikanische Geld, eine Kalebasse mit Augen, immer wieder Milchartiges.

Papisto Boys große Mauer war, neben der Eleganz und Maestria in Komposition, Farbgebung, Malerhandwerk, ein Atlas der Seele, das gemalte Contenu Mental eines jungen Afrikaners zwischen Negritude und Neokolonialismus.

Die Regenzeit des Jahres 1976 wusch Pap Sambs Bilder wieder weg.

Es blieben schwache Fragmente.

Das hatte er einkalkuliert.

Die Reste sollten palimpsestartig den Untergrund liefern für die Kompositionen des nächsten Jahres.

Der Fabrikbesitzer entzog dem Maler die Erlaubnis, die Mauer zu bemalen.

Papisto Boy ist im Ausland, besonders in der Bundesrepublik, durch Artikel und Reproduktionen bekannter als im Senegal.

Ein finanzieller Erfolg seiner Arbeit bleibt aus.

Durch das Verbot ist es ihm unmöglich, weiterhin Touristen an seiner Mauer entlang zu führen und damit den Lebensunterhalt zu verdienen.

Tafelbild, Gouache, Zeichnung engen ihn ein.

Auch erweist sich Pap Samb einer herrschenden Kulturpolitik gegenüber, die auf dem Gebiet der Malerei noch immer der Ecole de Paris verpflichtet bleibt, als widerborstig.

Die Bedeutung von Papisto Boys Verfahren und Gehalt werden im Senegal nicht gewürdigt.

Wären die Entwicklungshelfer und Psychiater, die Ethnologen und Dichter, die Revolutionäre und Lehrer aus Europa, Amerika, China, Rußland bei ihm in die Schule gegangen?

Da faselt man von Todestrieb und Oedipe Africain – den Seelenbildern des Pap Samb, der die Innerlichkeit und das bourgeoise Kunstverständnis wieder der Umwelt aussetzt, Sonne, Wind, Regen, Müll, Gras und Salz, entzieht man den Boden.

Wann wird der Sozialismus Senegals für seinen wichtigsten Maler und seine Beschwörungen ein paar Mauern übrig haben?

Ich meine es ganz ernst:

Ich bitte die Dichter und Cineasten, das Kultusministerium, die psychiatrischen Vereinigungen, die Kulturinstitute, die Botschaften, die Fabrikbesitzer, die Hauseigentümer, den Sozialen Wohnungsbau um Mauern, daß Pap Samb sie in der Trockenzeit bemalen kann und daß der Regen sie in der Regenzeit wieder wegwäscht und nur einige Menetekel bleiben. Zeichen für neue Zeichen dieses bedeutenden Malers, und er in der nächsten Trockenzeit neu beginnt, Pap Samb, genannt Papisto Boy, vielleicht der erste Maler Afrikas wieder.

[S. 513-515]