Eines der vergnüglichsten Gerüchte über Hubert Fichte besagt, dass er – wann, bleibt wohlweislich im Unklaren – mit Allen Ginsberg in Berlin nicht nur gemeinsam gelesen, sondern auch afrikanische Tänze aufgeführt habe. Ein Kameramann habe das Ganze festgehalten. Nur leider, leider sei diesem dann das Equipment aus dem Auto gestohlen worden, mitsamt der unersetzlichen Aufnahme, die wohl das einzige Zeugnis dieses Abends in der Autorenbuchhandlung gewesen wäre.[1] Von einer Begegnung zwischen Fichte und Ginsberg, einer gemeinsamen Lesung gar, ist meines Wissens nämlich nichts überliefert, auch nicht von einer etwaigen Neigung Fichtes, seine Erkundungen der afroamerikanischen und afrikanischen Kulturen tänzerisch zum Ausdruck zu bringen. Bekannt ist allenfalls seine Ablehnung jener literarischen Schule, für die der Name Ginsberg steht – und gegen die er sein eigenes Schreiben ausdrücklich in Stellung brachte.[2]

Ein anderes Gerücht, das ich von Zeit zu Zeit gern erzähle, hat seinen Ursprung in einem Copyshop in Hamburg-Uhlenhorst: Dort war um 2010 regelmäßig ein kleiner älterer, durchaus eindrucksvoller Mann anzutreffen, der behauptete, als russischer Universaltheoretiker einigen Ruhm in Frankreich, natürlich auch in den Vereinigten Staaten zu genießen (er habe halt viel am MIT zu tun). In Hamburg lebe er unter falschem Namen, um seine Ruhe zu haben. Hubert Fichte habe er allerdings nicht dort, sondern in Paris kennengelernt, über Michel Foucault (den sein alter Freund Roland Barthes ihm vorgestellt habe), und so hätten sie eines Nachts nach einer Lesung mit dem syrischen Lyriker Adonis über einer schnell zubereiteten russischen Suppe beisammen gesessen – Fichte, Foucault, Jean Genet und Mister X – und bis in den frühen Morgen diskutiert. Foucault allerdings habe den deutschen Schriftsteller gar zu exaltiert gefunden, und auch er selbst habe sich beim abschließenden Frühstück doch über dessen wohlfeil-polemische Bemerkungen zu Jean-Paul Sartre und Claude Lévi-Strauss ärgern müssen.

Die wunderbaren Fotos von diesem im Ganzen entspannten Abend seien bedauerlicherweise gerade nicht auffindbar, irgendwo in Paris müssten sie wohl liegen (er habe dort immer noch eine Wohnung, im selben Haus wie einer seiner ältesten Freunde, der Schauspieler Michel Piccoli – aber das ist eine andere Geschichte). Überliefert ist auch hier vor allem, dass Fichte Sartre und Lévi-Strauss nicht schätzte, Genet sehr wohl (dessen “Flunkereien Fichte gar zu willig auf den Leim gegangen sei, wie Mister X mir anvertraute).

Ähnlich schillernd, wenn auch tiefer ins Gehässige gleitend, sind die Geschichten, die Fritz J. Raddatz über Fichte zu erzählen pflegte – gern in immer neuen, immer wieder tentativ neu pointierten Fassungen wie die von Fichtes berühmter Star-Club-Lesung aus der Palette im Oktober 1966: Dass es den Cheflektor einen “endlosen Cognac-Abend mit dem unwirschen Finanzchef des Rowohlt Verlags gekostet habe, der einfach nicht verstehen mochte, wieso der Verlag seinem Autor eigens für diesen Auftritt eine “lange rote Seidenjacke schneidern lassen musste, berichtete Raddatz 2003 in seinem Erinnerungsband Unruhestifter.[3] Einige Jahre zuvor – bei einer Plauderei mit Studierenden der Universität Hamburg – war es noch ein goldener Umhang gewesen, eine Reverenz natürlich an das goldglänzende Cover, das der Rowohlt-Grafiker Werner Rebhuhn für die Erstausgabe des Romans entworfen hatte.[4]

In diesem Fall gibt’s freilich reichlich Bild- und Filmaufnahmen des Abends: Sie zeigen Fichte in dunklem Hemd, erst mit, dann ohne Lederjacke. Von einer langen roten Seidenjacke, einem goldenen Umhang keine Spur (natürlich auch nicht vom goldenen Umschlag. Das Buch war schließlich noch nicht einmal abgeschlossen, bis zum Erscheinen brauchte es noch gut anderthalb Jahre).

Raddatz‘ Halb- und Schwundwahrheiten über Fichte – die Reihe ließe sich fortsetzen, bis hin zu den unerfreulichsten, gemeinsten, die das Gebaren des Sterbenden betreffen – führen mitten hinein in die Ambivalenz der Fichte-Gerüchte: Klar, Fichte hat selbst nicht gespart mit Raddatz-Anekdoten, schon gar nicht mit literarischen (in denen Raddatz‘ comichaft überzogenes Double “Peter E. Fritsch heißt). Einige Zeit sah es sogar so aus, als würde er zur zentralen Figur eines Romans über Gerüchte, aus Gerüchten, in Gerüchten werden. Man mag Raddatz zugute halten, dass er die Waffen in diesem literarischen Beef nicht selbst gewählt hat (so zumindest stellt er es im Unruhestifter-Band dar, wo er über das “Sammelsurium von Gemeinheiten, Lügen oder auch bösartigst-voyeuristisch notierten wahren Begebenheiten klagt, das in Fichtes nachgelassenen Werken zu finden sei, alles “erlogen, erfunden, umgedichtet[5] – was vielleicht zutreffen mag, auf jeden Fall aber Raddatz‘ eigenen Text gut charakterisiert).

Allerdings hat der so Getroffene schon 1974 in einer gewohnt eiligen Fehllektüre des Romans Versuch über die Pubertät das Gerücht in die Welt gesetzt, Fichte sei einer Abtreibung nur mit Glück entkommen – und es dann über Jahrzehnte mit wachsender Maliziosität wiederholt.[6] “Peter E. Fritschens wiederholte Fehler, falsche Zitate, Skandale!, heißt es dazu in Fichtes nachgelassenem Band Die zweite Schuld (2006): “Alles erkannt haben und das Falsche tun.[7] Darin liegt durchaus Anerkennung: Das Gerücht ist ein Einspruch gegen eine Realität, die ihre Alternativlosigkeit behauptet. Und die Wiederholung ist nicht nur Sturheit, sondern auch strophisches Prinzip. Nicht nur Bosheit, sondern auch Leichtigkeit.

Das trifft, so formuliert, den Kern von Fichtes Prosa, der es ja keineswegs um das geht, was Klappentextdichter gern “schonungslose Ehrlichkeit nennen. Leben wird nicht zu Literatur, indem man versucht, es in seiner ganzen, meist traurigen Abfolge von Tagen, Wochen, Monaten wiederzugeben, nicht, indem man in sich bohrt und bohrt und bohrt, als sei das Schreiben autoanalytischer Tagebau, aber eben auch nicht in einer teleologischen Überhöhung oder plump-selbstgewissen Pointierung. Es braucht – und Fichte wusste das ganz genau – die Unbestimmtheit, das Changieren, das Schillern, die Brüchigkeit. Es braucht das Gerücht, das Fragwürdige, das Falsche, Schiefe, Schrille. Das dünne Eis. Die fragwürdige Oberfläche. Eine Literatur, die ihre Aufmerksamkeit – ihre “Empfindlichkeit, um bei Fichtes Wort zu bleiben – für die Widersprüchlichkeiten der Wirklichkeit schulen will, um diese poetisch zu fassen, wird sich selbst in Widerspruch zu dieser Wirklichkeit begeben müssen. Sie darf sich einer Diktatur der Realität nicht unterwerfen.

Fichte hat sein Leben nicht einfach in Literatur überführt, verwandelt – er hat es in den Strömen seines “roman fleuve aufgelöst. Fichte, der fürchtete, “für eine Welt zu schreiben, “in der es keine Schrift mehr geben wird, keine Leser, wahrscheinlich keine Augen mehr,[8] war ein Autor, der geschrieben hat für ein Zeitalter, das keine Gerüchte mehr kennt, weil es den Impuls aufgegeben hat, sich einer Wirklichkeit zu nähern. Die “Freiheit, das Diskrepante zu schreiben, hat Fichte es im Versuch über die Pubertät genannt: “Sprünge, Widersprüche, das Unzusammenhängende nicht kitten, sondern Teile unverbunden nebeneinander bestehen lassen, mit zwei falschen, übertriebenen Aussagen die Tatsachen anpeilen. / Ich will meine Fehler so unweigerlich begehen, daß sie, wie ungenaue Genübertragungen die Evolution, ein Stil werden.[9]