I.

Anthropologie, Ethnologie, Ethologie und die ihnen verwandten Wissenschaften behandeln, unterschiedlich, Verhaltensweisen des Menschen. Unter “Logos” versteht man vor allem “Das Wort”.

Worte sind Verhaltensweisen.

Schon hier ergibt sich eine Antinomie: Der Typus der Beschreibung und der Typus des Beschriebenen gehen unkritisch ineinander auf.

Antinomien können nur poetisch ausgedrückt werden.

Wittgenstein versucht:

“Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.”

Das ist keine mathematische Logik mehr und noch keine Poesie.

Shakespeare sagt:

“Bleischwinge. ”

Rimbaud:

“Bateau Ivre.”

Der Haitianer kennzeichnet seine spätkoloniale Situation:

“Blanc vini vert!” – “Der Weiße wurde grün!”

Oder:

“Wie auch Kratylos, der zischte und mit den Händen zuckte, um auszudrücken, daß er wußte, daß er nicht wußte … ”

(Ich zitierte Aristoteles.)

2.

Wir brauchen eine vergleichende Studie zu Sprachverhalten, zu Aussageweisen, und zwar sollte man dabei umgekehrt vorgehen wie Reineke Fuchs:

Äußern sich nicht Marabous zur Funktionstheorie?

Eichhörnchen zur Psychoanalyse?

Klapperschlangen beraten zum Atommüll?

Pavian, Puter und Floh geben eine neue Zeitschrift heraus.

Ich stecke den Vorwurf des gefährlichen Biologismus, des ungehörigen Darwinismus ein – es setzt ein ptolomäisches Bild des Menschen voraus.

Wenn man das Verhalten des Zivilisierten mit dem Wolf vergleicht, wird, für den, der die Gesellschaften der Tiere kennt, nicht der Zivilisierte beleidigt, sondern der Wolf.

3.

Die Unmenschlichkeit, die Verachtung des Sprachlichen gehen in den Wissenschaften vom Menschen so weit, daß es Forscher gibt, die, ohne auch nur Portugiesisch zu sprechen, über den brasilianischen Synkretismus arbeiten, die von afrikanischen Geisteskrankheiten publizieren, ohne eine afrikanische Sprache zu beherrschen – oder gar zu verstehen.

Da wird der wissenschaftliche Jargon zur Ausdrucksweise des blanken Neokolonialismus. Er verhüllt Zusammenhänge, anstatt sie aufzudecken, er verdrängt seine ideologischen Reflexe, anstatt sie zu reflektieren.

Eine solche Sprache povert aus, quält, und es ist eine Qual, sie aus sich herauszudrücken – so daß endlich die Verursacher der sprachlichen Umweltkatastrophe in ihr mithusten.

In der Nachfolge des Existentialismus und des Strukturalismus entstehen Abhandlungen, denen eine gewisse surreale Komponente nicht abgesprochen werden kann. Da wird der “lächerliche Penis” der Männer gegen den “glorreichen Phallus” der Frauen – ich zitierte wörtlich – in der N’doep-Zeremonie ausgespielt.

Es ist ein unfreiwilliger Surrealismus, der nicht der Befreiung des Psychischen dient, sondern einer heftigeren Klausulierung, einer Auslieferung des “Krankenguts”, der “Versuchsperson” an den Wissenschaftler.

Hält man dagegen die Sprache der frühen Theoretiker, Verhaltensforscher und Ethnographen – Hesiods, der Vorsokratiker, Herodots – ihren Zauber, ihre Disziplin, ihre Leichtigkeit, ihre Fantasie, ihre Freiheit, ihre Knäppe, kurz: ihre Schönheit, dann begreift man, wie heruntergekommen unsere Auseinandersetzung mit der Welt ist, wie heruntergekommen das fade Paukerrokoko unserer Hochschulen und Magazine.

Sie werden einwenden, unsere Welt habe sich differenziert, die Zusammenhänge seien komplizierter geworden, Zeit weniger und teurer – Fachsprachen, Sonderzeichen nur vermöchten noch unsere Realität auszudrücken. Schon die Keilschrift und die Tentrik überliefern Sonderzeichen, Formeln. Hier geht es um die Metasprache, mit der die Formeln eingeführt werden, jene Sprache der Wissenschaft, die uns an jeder Ecke die Realität und die Wirklichkeit verstellt, redundant, pompös, feige, feinsinnig. Wer redet uns da ein, nur durch Fachsprachen sei die Welt noch zu erfassen?

Was wird damit bezweckt?

Die Entmündigung.

Die Entmündigung durch eine Sprache der Wissenschaft.

Nach 2500 Jahren menschlicher Wissenschaft und Wissenschaft vom Menschen haben sich die Verhaltensweisen nicht geadelt.

Sind wir duldsamer geworden?

Achten wir die Lebensformen anderer Völker?

Genügsamer?

Beuten wir den technologisch Unterlegenen weniger aus?

Sprechen wir nun mehr Dialekte?

Lernen wir von den Erkenntnissen der Indianer, der Afrikaner, der Araber?

Von ihren Ernährungsweisen? Ihrer Architektur? Ihrem Städtebau?

Ihrem Gesundheitswesen?

Verachtung, Sklaverei, Hunger, Häßlichkeit, Zerstörungslust sind seit den Vorsokratikern nicht weniger geworden – nur daß unsere Zivilisation jeden in die Verrichtung miteinbezieht und nicht nur die Menschen, sondern die Welt auch, Tiere, Pflanzen, Wasser, Luft.

Die Sprache des wissenschaftlichen Weltbildes hat sich die Welt ähnlich gemacht, und die Verkrüppelungen unserer Welt.

Regressionen der Sprache sind nicht nur Ausdruck von Verhaltensstörungen – sie rufen neue Verhaltensstörungen hervor.

Ich weiß: Wissenschaft muß zwei Postulate erfüllen, soll sie nicht zu verheerender Sektiererei verfallen – das der ungetrübten, genau determinierten Beobachtung und das der logischen Ableitung – im strengen Sinne: das der mathematisch-logischen Ableitung.

Doch heißt dies, wissenschaftliche Sprache dürfe sich auf aseptische Riten zurückziehen, auf quasisyntaktische Litaneien, mit denen sie Unterdrückung bemäntelt?

Ich möchte Sie an die Indianerstämme erinnern, die – guten Glaubens – von Ethnologen befriedet werden, ehe man sie ausrottet, und an das Leid der Strafgefangenen und Geisteskrankheiten, die – freiwillig – neuen Psychopharmaka ausgesetzt werden.

Wissenschaftliche Stringenz oder pekuniäre?

Gäbe es – erkenntnistheoretisch reduziert – nicht vor allem ein Feld, das den Ethnologen zustünde: der Universitätsbetrieb und die wissenschaftliche Tagung?

Wie sicher manchem Psychologen geholfen wäre, wenn er nicht seine Kunden als Karnickel betrachtete, sondern sich selbst.

6.

Die Grundlagen wissenschaftlicher Ausdrucksweise sind durch die Informationstheorie kodifiziert worden; es geschieht ein Blinde-Kuh-Spielen mit dem Unbewußten, dem Unterbewußten, dem Vorbewußten.

Terror und Haß, Heuchelei und Lüge, Übertreibung und Understatement, Andeutung und Ironie, Bildhaftigkeit und Metaphern finden in der Informationstheorie nicht statt – menschliche Information setzt sich allerdings fast nur aus ihnen zusammen.

Wären Wissenschaftler Pennyautomaten für Wahrheit, Ehrlichkeit und Integrität?

Warum beichten in den Wissenschaften vom Menschen immer nur die anderen, wie beim Pfaffen?

Warum schreitet man nicht von einer statischen Auffassung der Wissenschaftlichkeit zu einer dynamischeren fort, zu einer ambivalenten? Also nicht der Schild des Achilles, sondern die Erarbeitung des Schildes des Achilles und die Entwicklung des Darstellenden?

Ist es nicht wissenschaftliche Forderung, die Voraussetzungen aufzudecken?

Warum gibt dieser Institutsleiter jener Assistentin die Arbeit über den Zeitbegriff?

Wer arbeitet warum über Nekrophilie?

Ist es eine Schande, einzugestehen, daß man über Woloff forscht, weil man schwul ist?

Doch wohl nicht mehr!

Auch das bedeutet ein ethnologisches Faktum, und es wäre Irreführung, es zu verschweigen.

Der Forscher, der sich von einer Militärdiktatur drei Monate lang die Studien bezahlen läßt und dafür eine Public-relations-Aufgabe übernimmt – wer wollte ihn verdammen?

Aber man muß es offen darlegen, auch das heißt Völkerbeschreibung.

Wenn man es unterläßt, bleibt die Lüge und die bare Käuflichkeit.

Käuflichkeit!

Die modernen Abhandlungen vom Menschen erscheinen im milden Licht des interkulturalen Einverständnisses.

Jedoch immer rarer werden die Abhandlungen, die auf vieljährigem, diskretem Zusammenleben beruhen; die meisten beruhen auf Blut und Penunse.

Carepakete werden vorgeschoben, Fortschritte und gebrauchte Hemden, Menschlichkeit und billige Glasperlenbeutelchen.

Das wäre einer Ethnologie wert und würde mehr zur Erkenntnis menschlichen Handelns beitragen.

Es ist die Geschichte der Vivisektion, des Strafvollzugs, der Ausrottung der Primaten, die Geschichte von Verteidigungsbudgets und die Geschichte der chemischen Industrie.

Käuflichkeit von Wissenschaftlern.

Erkaufung von Material und Informationen.

Ein weltweites “Palais d’Amour”.

Wer forscht es aus?

Ein praktisches Beispiel:

Ich läse gern an den Schaustücken der Sammlungen, wie sie erworben wurden, ob geraubt, ob bei einer Strafexpeditioneinkassiert, ob zu betrügerischem Preis erhandelt, ob von Geistlichen unter dem Vorwand der Teufelei beschlagnahmt und dann im heimischen Museum von Geistlichen als Prachtstück ausgestellt.

Und endlich wäre es fruchtbar, wenn alle Forscher, die einen Flirt mit totalitären Gedanken unterhielten, oder unterhalten, diesen Flirt im Laufe ihrer Entwicklung nicht eskamotieren – und damit aus dem wissenschaftlichen Apparat Veränderung, Entwicklung,Trauer, Reue, Irrtum eskamotieren –, sondern die Kraft auf eine minutiöse Analyse ihres Flirts verwendeten.

7.

Form.

Formale Information.

Homer überlegte sich, wie er das einstürzende Gedärm des Schlachtens um Ilion in Sprache übertrug – Eucildes da Cunha, wie die Niedermetzelung der brasilianischen Schwärmer.

Warum dürfen die Wissenschaften vom Menschen gerade das vernachlässigen, was den Menschen – wenn man vom Feuermachen absieht – vom Tier unterscheidet: die poetisch komponierte Aussage.

Auch Sprachform ist positive Information, und wovon informiert mich die Sprache der positiven Wissenschaften in vielen Fällen?

Von Mief, Spießertum, Blähung und Schnurren!

Poetisch frei legen, meine ich – nicht zu poetisieren.

Nicht den Wirt wundermild – sondern Lohenstein.

Fantasie:

Bei den Einweihungsriten der Leopardenmänner müssen einem “The Leatherman’s Handbook” aus New York und zu Jean Genets “Enfant Criminal” das Verhalten der Oasis Gabès einfallen dürfen.

Redefiguren.

Periphrasen.

Spielformen.

Concetti.

Ist es nicht aufschlußreich, neben jedem Hüpfschritt der Shia, die Schwierigkeiten des Ethnologen in Bahrain aufzuzeichnen, der an den selbstzerstörerischen Riten des Mouharrem teilnehmen will?

Raffung:

Haikus drücken oft mehr über eine Gesellschaft aus, als drei Folianten umgestülpter Zettelkästen.

Rhythmus.

Timbre.

Schärfe.

Das heißt: Keine Redundanz – aber Verständlichkeit genug.

Jede menschliche Tatsache läßt sich so formulieren, daß sie der gutwillig Interessierte nachvollziehen kann.

Widersprüche, Lügen, das Unechte, die Übertreibungen, das Inkohärente stehen lassen, nicht wegkitten – Zweifel, Niederlagen.

Achtung – kein Schulterklopfen:

Sich den Königshäusern des Kongo in der gleichen Haltung nähern wie Schiller Philipp dem Zweiten.

Jene tragische Umkehr, von der Hölderlin spricht, als kalkulables Gesetz, wo die Tragödie zu sich selber kommt.

Das Fragment:

Warum müssen wissenschaftliche Erzeugnisse vollständiger sein als ihr Vorwurf?

Freiräume, Fehler, Lücken, stellen die Frage nach Freiheit und Veränderung auf formale Art neu.

Die Collage:

Die moderne Litanei!

Von Litaneien berichtet der Ethnologe und er benützt das Prinzip der Collage. Spätestens seit Lars Görlings “491” und seit den Newsreels von Dos Passos werden zwei Gattungen aus Technik und News Media poetisch verbreitet:

Das Interview und das Feature.

Mit Interviews umgibt sich auch der Ethnologe, und das formal ganz ungeklärte Gebilde der ethnologischen Abhandlung – Statistik, Essay, Erlebnisbericht, Aphorismus, Studentenwitz – läßt sich wohl am ehesten als Feature bezeichnen.

Warum verleugnet der Ethnologe seine ästhetischen Möglichkeiten?

Die Wissenschaft vom Menschen könnte ihre Haltung von “Die Stuyvesant-Generation geht ihren Weg” aufgeben.

Sie würde deutlich als ein vieldimensionales Gebilde – ein poetisches.

Dichterische Sprache – im Gegensatz zur taktischen in Werbung und Politik – entsteht im Augenblick der Aussage neu, zusammen mit dem Gegenstand der Aussage selbst.

Die Welt würde nicht länger aufgefaßt als ein Supermarkt, aus dem man in Halbpfundspaketen einsammelt, sie teilte sich nicht länger in Beschreiber und Beschriebene, Gebrandmarkte.

Ethnologische Forschung würde ein dialektischer Vorgang, eine sprachliche Correspondance.

Zerrüttete Persönlichkeiten laborieren in einer kaputten Welt.

Das ist die Situation.

Hangelnd.

Sagen Sie es aus!

Erbrechen Sie sich!

8.

Nicht jede wehleidige Anhäufung von Adjektiven bedeutet Neue Sensibilität, nicht jeder geschwätzige Nachexpressionismus Ethnopoetik.

Die Schmunzelecken der Verhaltensforscher, die Sommerfrischen der Strukturalisten stehen Jerry Cotton oft näher als Montaigne.

Poetische Anthropologie?

Petronius.

Defoe.

Casanova.

Chamisso.

Stendhal.

Thackerey.

Frazer.

Vor allem Proust und Artaud.

Aber auch Dos Passos, Döblin, Genet, Burroughs.

Erscheint es nicht als naiv, ohne lesen und schreiben zu können, über menschliches Verhalten zu publizieren?

Es gibt nicht nur eine mögliche Erweiterung der Wissenschaft durch poetische Kategorien – es gibt eine Fundierung des Poetischen durch empirisches und logisches Vorgehen verschiedenen Typus.

Vielleicht wären Literatur und Literaturkritik besser, wenn man Dichter und Kritiker nach der Stichhaltigkeit ihrer Aussagen befragte, wie den Ethnobotaniker nach der Stimmigkeit seiner Pflanzenfamilien.

Wenn’s nur klingelt und knattert und in die Frühjahrsauslieferung paßt oder in die Kalkulation zur Herbstmesse.

Da bringt es einer schnell zum Genie, wenn er vom Glück der Esel in Marrakesch dichtet – eine Notiz zur Tierhaltung in marokkanischen Städten transportierte Wahrheit mehr.

Was habe ich von der Ethnologie gelernt?

Das unbequeme Nachprüfen.

Wo ist die unbekannte Geste, die unbeobachtete Empfindlichkeit, der schädliche Prozentsatz?

Auch News Value ist ein ästhetisches Kriterium.

Der Gang zum Kopiergerät, die Kompilation der Wochenendausgaben genügt nicht, um den Essay zur Gewalt zu fabrizieren.

Pappmaché.

Und auch ein Klopstock-Zitat macht noch keinen neuen Brecht.

Zur Überprüfung einer einzigen Pflanze vergehen oft Jahre.

Zur Beschreibung eines Ritus vielleicht Jahrzehnte.

Wie lange arbeitete Proust über Monsieur de Charlus?

Noch immer ist die Obrigação da Conscienca der Yoruba in Bahia unbekannt.

Das unbequeme Nachprüfen und eine seltene, unerhörte Sprödigkeit der ethnographischen Ausdrucksweise habe ich versucht, in der Völkerkunde zu lernen.