Im Bauch seiner Mutter wechselte Jäcki einmal sein Geschlecht – wie es unter dem Stichwort Intersexualität in den Fachbüchern beschrieben wird.

– Es ist ein Junge, sagte die Krankenschwester. Die Verwandten stellten sich auf das Stricken und Zuschneiden von Himmelblauem ein.

– Die Abessinier lernen den Faschistengruß.

– Eine Kulturschande des zwanzigsten Jahrhunderts.

– Gefallene Franco-Offiziere. Auf dem Weg zur Hinrichtung lassen sie ihr Vaterland hochleben.

Jäcki liest es fünfzehn Jahre später:

– Fünfzig Jahre Weltgeschehen.

Zu Weihnachten von seiner Oma.

Als Jäcki schon Stöckchen zu Zigaretten sagen konnte und seinen Pillermann zwischen zwei Fingern hielt:

– Stöckchen! sagte und seine Mutter sagte:

– Wenn du damit spielst, fällt es ab!

Fiel es von einem Tag auf den andern ab. Jäcki fing an zu weinen. Gab ihm einen Schups. Es rutschte vom Balkon. Eine Möwe fing es auf und trug es davon.

– Im Januar 1936 stirbt König Georg V. von England.

– Rockefeller – der reichste Mann der Welt †

– Die Queen Mary erringt das Blaue Band.

– Die Katastrophe von Lakehurst: Hindenburg in Flammen.

– Pacelli wird Papst Pius XII.: Der Neugekrönte spricht.

Von einem Tag auf den anderen mußten die Verwandten rosa Wolle und Satin verwenden.

– Wetterleuchten. Gewitterwolken verdunkeln den politischen Himmel Europas.

Er wurde Johanna genannt wegen des Silberschiebschiebs von der Patentante und die blauen Gamaschenhosen wurden mit blauen Bändern gebündelt und zum Andenken in Jäckis Omas Phantasieschrank verstaut.

Die Mutter mußte ein paar Mal zum Ortsamt.

– Das größte Unheil, das die Menschheit heimgesucht hat, nimmt seinen Lauf.

– Vormarsch in Polen: Die erste Begegnung mit dem Tode.

– Die Flucht vom Festland. Truppen der britischen Frankreicharmee waten durchs Wasser zu den Transportschiffen.

– “Ich habe Euch nichts zu bieten als Blut, Schweiß und Tränen”, erklärte Winston Churchill in diesen kritischen Tagen.

Das ging nicht lange so. Noch ehe die Kleidchen zu eng waren, wuchs ihm im Schlaf ein neuer Pillermann. Die alten blauen Sachen waren zu klein. Die rosa Sachen wurden gebündelt und zum Andenken in den Phantasieschrank gelegt. Die Verwandten schneiderten größere Höschen. Der Stoff wurde knapp. Der neue Pillermann wurde manchmal hart, und Jäcki, den sie wieder Jakob nannten, wollte wissen, ob man es von draußen sehen könnte, wenn er hart würde. Aber er war noch zu klein, für die dicke Wolle.

Bei der Kinderlandverschickung gab es keine Speränskel. Jäcki ging in die Knabenschule und wohnte im Knabentrakt des Waisenhauses, spielte Räuber und Gendarm und bekam Auszeichnungen als Hauptmann der Gigbande.

– Gigantische Kesselschlachten. Hunderttausende von Gefangenen meldet der OKW-Bericht.

Nur für zwei Tage fiel er ab, zwischen dem ersten und zweiten Besuch auf dem Heuboden, wo sie Flicken spielten. Auf dem Hof in Steingriff brauchte man es nur in die Odelgrube zu schupsen. Bald war wieder eins dran. Der Bauch schwoll an. Und schmerzte. Der Doktor kam. Was stieg herunter. Nichts wurde gemacht. Nur das Spielen auf dem Heuboden verboten. Jäcki fühlte, daß er jetzt zwei Marmeln in dem Sack hatte.

– Radar, das Ende der U-Boote.

Es fiel wieder ab.

– Deutschlands Städte brennen.

Wohin damit in Opas Haus. In den Krämerladen? Auf den Phantasieschrank? In den Topf? In das Klo? In den Kaninchenstall? In den Hühnerstall?

– Geisterzug der Bomber über Deutschland.

Die Mutter brachte es weg.

– Volltreffer in den Luftschutzkeller.

Er trug als Johanna Zöpfe. Fräulein Leitl sagte nichts.

– Ein erschütterndes Bilddokument: Gnadenlos dem Untergang preisgegeben.

Johanna verliebte sich in den Horst Wessel auf der Briefmarke, die Jäckis Opa einklebte. Das Bündel mit rosa und blauen Sachen in Jäckis Omas Phantasieschrank verbrannte. Sie evakuierten nach Liegnitz, und ihr imponierten die Soldaten mit den Schwertern, in die Rinnen für das Blut geschmiedet waren. Sie verwandelte sich in Jäcki zurück. Er küßte in der Ecke von Malchows Garten ein Mädchen und dachte sich mit Lore Stüver aus, welche Namen sie ihren Kindern geben wollten.

– Heinrich Himmler blieb es vorbehalten, die Drohung Görings vom 4. März 1933 “Ich habe nicht Gerechtigkeit zu üben, sondern zu vernichten und auszurotten” in die Tat umzusetzen.

Der Krieg ging zu Ende.

Bis nach der Währungsreform blieb Jäcki Jäcki. Die Mutter ließ ihn jetzt die Marquise von O. lesen. Als er mit Klaus Hansen gewettet hatte, daß er auch ohne solche Schweinereien Kinder haben werde, erklärte die Mutter:

– Du sollst nicht immer soviel wetten.

Und daß man es Genitalien nennt und daß die Kinder nicht aus Pipi gemacht werden und nicht aus dem Nabel rauskommen, sondern aus dem, was er hat, wenn er Johanna ist.

– 1949. Getrennt und doch eins.

Vor dem Spiegel spielt Jäcki den Offizier aus der Marquise von O.

Zu Weihnachten bekommt er das Sonderheft zur Halbjahrhundertwende 1900–1950. Unter dem Tisch holt er es raus. Bekuckt es. Es wird immer größer. Die Haut zieht er runter. Es tut weh. Aber aufhören kann er auch nicht. Dabei denkt er an die Figuren von Ernst Barlach und wie Helga Reinicke mit ihm getanzt hat. Sie setzte sich doch neben Ove Müller-Neff.

Lianas Mann sagte: – Fiftyfifty.

Wieder fiel es ab. Was er kaum richtig kennengelernt hatte. Er wurde wieder Johanna mit Behördenformalitäten. Für ihn begann die lange Zeit als Johanna die Hausangestellte in Europa, als Jäcki, der Knecht. Jäcki erlebte die erste Liebe als Johanna. Eben noch hatte er zustoßen wollen, stürzen, herreißen, den Husaren spielen, den Räuber, den Marokkaner – das spielte jetzt Johanna: Maria Wimmer als Iphigenie, Evi Gotthardt, Frau Schümann.

Johanna fühlt, daß sie aufschluchzen muß, daß sie: Du Räuber! Sagen muß: Du Husar, du Marokkaner! daß sie einen hereingewürgt kriegt, daß man sie überstülpt. Sie kaut herunter.

Jäcki denkt sich selbst als ein Modell, dem periodisch oben zwei Dellen hervortreten, wofür unten was abfällt und wenn die Dellen wieder verschwinden, stülpt es sich unten wieder heraus. Immer gegen Sommer hin, wenn es in Hamburg zu regnen anfängt und in Pierrevert die Kirschen reif werden, beim Mittsommernachtstanz – Sehnsucht nach Titt, das heißt, vom eigenen Titt weg, weg von den querstehenden Lockenprinzen, das heißt: heraus, heran an den eigenen – der einige Jahre hindurch regelmäßig im Oktober abfällt.

Es war die Zeit des Algerienkrieges.

Es gelang Jäcki eine Nacht lang in Stuttgart den Verwandlungsvorgang zu manipulieren. Er stoppte das Verschwinden des Jäckis an sich, als die Johanna zwischen seinen Beinen schon das Maul aufsperrte. Dies Doppel hatte jemanden mit rauf genommen, der es kernig fand, einen Mann zu oymeln und von einer Johanna gedergelt zu werden.

Schade, daß der nicht auch so doppelt war, wie Jäcki in dem Augenblick.

Das hätte ergeben:

Jäcki Jäcki mit Boyfriend Boyfriend. Jäcki Jäcki mit Boyfriend Demoiselle. Also eine Trine mit einem richtigen Mann. Jäcki Johanna mit Boyfriend Boyfriend. Jäcki Johanna mit Boyfriend Demoiselle. Jäcki Johanna mit Demoiselle Demoiselle. Johanna Johanna mit Demoiselle Demoiselle, mit Boyfriend Demoiselle. Jäcki Jäcki mit Demoiselle Demoiselle. Johanna Johanna mit Boyfriend Boyfriend.

Jäcki wurde schwanger, und es traten alle Situationen ein, die eintreten, wenn ein Siebenundzwanzigjähriger ein Kind kriegt.

Bisher hatte Jäcki die Dinge genommen, wie sie auf ihn zukamen. Mit der Schwangerschaft und den Abtreibungsversuchen wurde das anders. Sein Intellekt geriet in immer stärkeren Widerstreit zu seiner Intelligenz, und seine Intelligenz widersetzte sich seiner Intellechie oder seinen zwei Teilintellechien und seine eine Teilintelechie widersprach seiner anderen Teilintellechie – sozusagen. Das heißt: Während er schon wieder ein Mann ist, empfindet er noch als eine Frau. Was ist das? Empfinden wie eine Frau? Möchte also, daß man ihn zum Tanz auffordert, seine Erbsensuppe lobt, ihm in den Mantel hilft und den Kopf birgt an seinem Busen – ziemlich. Oder: Während er gerade als Mann empfindet, Zaunpfähle einschlagen möchte, eine Kükenzuchtanstalt aufbauen, er das begehrt, was er eben noch war, ist er schon selbst wieder, was er eben noch war und er, kurz danach, eben noch begehrte:

Johanna.

Buddhisten zündeten sich selbst an, und ihn, Jäcki, liebte ein Mann, ihn, der Johanna ist, einer, der auch seine verborgene Johanna mit sich herumtrug, und Jäcki beugte sich herunter, sie hätte es lieber gehabt, daß man sich zu ihr herunterbeugte. Da geschah die Verwandlung, und niederbeugte sich die leibhaftige Johanna, und mit der Verwandlung schnappte das Gefühl um, eine Phase verspätet, und niederbeugte sich eine Johanna, die einem zukünftigen Jäcki die Empfindungen vorausempfand.

Eine Woche blieb es so.

Johanna, der Mädchenschreck.

An der Autobahn Wesel wurde ein Exhibitionist von einem Polizisten erschossen. Ein Zweig löste den Schuß aus.

Jäcki verliebte sich in Johanna, und Johanna fühlt, daß sie die noch in der Luft liegende Werbung Jäckis erwidern würde. Aber keine Doppelheit stellte sich mehr ein wie damals in Stuttgart, wo die beiden – sich jetzt unsynchronisiert Liebenden – unvereinigt miteinander schliefen.

Und selbst wenn noch mal – Sense. Doppelgeschlechtig Jäcki und Johanna, unabwendbar voneinander abgewendet zusammen.

Beide dachten durcheinander an Selbstmord. Wer hätte wen selbst umgebracht? Lebte einer weiter? Leiblos? Ein raschelnder Lockenprinz? Eine klappernde Lockenpunz?

Jäcki heiratete rasch eine einfache Frau, die sich manchmal betrübte, wenn ihr Mann als Schwester, zwischen zwei Hälften eines Traums, zwischen ihren Beinen etwas suchte, was sie nicht finden konnte. An unruhigen Tagen wechselten Johanna und Jäcki sich stündlich ab. Johanna fängt ein Verhältnis mit einem irakischen Fabrikanten an. Sie überlegt, ob sie sich nicht, da sie sich für ein eigenes Geschlecht schon nicht entscheiden könne, entscheiden sollte für ein einziges Geschlecht zum Umgang.

Aber sollte sie ihre Frau aufgeben?

Sollte sie in das Haus der Familie des Mannes nach Bagdad ziehen? Würden seine Verwandten die nötige Elastizität aufbringen?

Jäcki, Irma und Johanna reisten viel. Lernten Sprachen. Flogen in wenigen Stunden über Kontinente, und oft gab es Verzögerungen an der Paßkontrolle.

Johanna versteckte sich hinter Jäckis Äußerem, oder Jäcki kam hinter Johanna nicht zur Ruhe. Und sie oder er standen dann am Ausgang der Stadt in den kleinen Parks, Johanna auf Wäscherinnen, Fischerinnen, Fabrikarbeiterinnen wartend, er in den kleinen Parks, ehe noch die Einwohner der Seestadt alle zu Bett waren, immer ähnlichere Greisinnen in schwarzen Tüchern ritten auf Mauleseln vorüber, an die Ölkannen gebunden waren, immer öfter ging links ein schmaler, gewundener, von Steinmauern gefaßter Weg zu den Feigenpflanzungen in Marokko und Brasilien und die Fischer mit umgestülpten Gummistiefeln kamen jedesmal vorbei, und die Gruppe der drei Soldaten kommt, aus der sich der eine löst und mit Daumen und Zeigefinger die Geste vollführt: Drachmä, Dinheros, Zaster, Mäuse, Lobi bedeutend und schon wieder biegt sich Johanna Jäckis Körper zurecht, oder wenn es die Wäscherinnen sind, stößt Jäcki Johanna vergeblich vor.

Im Laufe der Jahre wird Jäcki die Fähigkeit verlieren, die Geschlechter zu unterscheiden.

Er findet es zum Lachen im Grunde – sie abstoßend, daß erwachsene Menschen unter Absonderungen und sich teilweise verhärtend auf einander zusausen und unter Geseibel und Geglök rucken.

Wehrunwürdig, mit einem farbigen Abzeichen, in dem Lager, mit andren, die andre farbige Abzeichen tragen und wegen andrem in dem Lager konzentriert sind – die Wechsel vollziehen sich schwieriger.

Hungernd fallen Hormone aus.

In der Kälte und nach Schlägen treten Schwächeerscheinungen auf.

Es bleibt immer ein Rest von vor dem Wechsel nach dem Wechsel. Immer mehr kleine Zitzen setzen sich an Jäckis Körper fest und wie eine naiv gemalte Sonne gruppieren sich die Öffnungen in Jäckis Schoß und Oymel neben Dergl um Johannas Hüften, als sie achtzig ist.

– War es denn so viel verlangt, wird Jäcki Johanna vor dem Sanitätsauto denken oder in dem Pferdestall. Ich hätte einen Mann gebraucht, als ich eine Frau war, einen Mann, einen richtigen Mann, wie Marlene sang, der eine Frau zur gleichen Zeit gewesen wäre, nur umgekehrt wie ich, der noch küssen will und kann. Zarah wird Yes, Sir! immer noch wieder singen und ein deutscher Lehrer wird vor der kreisrunden Leiche in dem Leichenhaufen à la Quick-Sonderheft zur Halbjahrhundertwende

– So fand die einmarschierende Britische Panzerdivision das KZ Bergen-Belsen.

stehen und murmeln:

– Sein Leben stand unter einer platonischen Idee,

oder:

– Keiner platonischen Idee. Sondern er hat erwiesen, daß ein Mensch drei ist. Daß einer nicht gleich seiner selbst ist.

Diese Geschichte stimmt nicht. Es gibt weder Mann noch Frau.

[S. 198–204]