In der Ethnologie wird die Trance im Allgemeinen als Technik der gezielten Externalisierung beschrieben: Im Zustand der Trance können die Besessenen unerwünschte Kräfte (Krankheiten oder Geister) als äußere Gewalten abspalten und werden dann nicht durch Introspektion, sondern durch die Auseinandersetzung mit den als “fremd” erlebten Wirkmächten von ihren Leiden befreit.

Die Trancepraktiken nicht-westlicher Gesellschaften waren in der ethnologischen Forschung der 1970er Jahre allgegenwärtig und der Markt für populärwissenschaftliche Schamanismusliteratur boomte. Muss man diese obsessive Beschäftigung mit der Trance der “Anderen” nicht ihrerseits als eine Form der Besessenheit deuten – wobei den fremdkulturellen Trancepraktiken die Rolle einer vom (Kollektiv-)Subjekt dissoziierten Instanz zukommt? Mit welchen bedrohlichen Kräften trat diese Generation von Ethnolog*innen, der Fichte bei aller betonten Distanznahme mit seinen Arbeiten gerne auch akademisch angehört hätte, also in Verhandlung?

Fichtes Faszination für die Trance war ambivalent. Er verstand sie einerseits als eigenständigeForm der Psychotherapie und Teil eines “widerständigen” Systems des Psychischen, das die Afroamerikaner*innen die Sklaverei überstehen ließ. Der Vaudou als historisch treibende Kraft der Haitianischen Revolution enthielt für Fichte immer noch die Utopie einer zukünftigen, nicht-westlichen und nicht-marxistischen Revolutionsbewegung. Und obwohl er den Bewusstseinserweiterungskulten seiner Zeit eher skeptisch gegenüberstand, hegte er doch auch eine unverhohlene Faszination für die halluzinogene Wirkung von Kräutern und Pflanzen.

In den 1970er Jahren veröffentlichte er verschiedene “ethnobotanische” Studien in der von seinem akademischen Mentor, dem Hamburger Ethnologen Joachim Sterly (1926-2001), herausgegebenen Zeitschrift Ethnomedizin. Diese war ein reformorientiertes, positivismus- und wissenschaftskritisches Blatt, das sich schwerpunktmäßig mit nicht-westlichen medizinischen Praktiken befasste, dabei aber erkennbar auch den “Psychoboom” der 1970er Jahre aufgriff: Viele der Artikel in den insgesamt sieben Jahrgängen der Zeitschrift widmeten sich der Persönlichkeitsveränderung durch Trancepraktiken und der bewusstseinsverändernden Wirkung von (kultischen) Drogen.

Fichtes Beiträge handelten unter anderem von einem haitianischen Kräutermittel, das Leonore Mau offenbar erfolgreich gegen eine Stirnhöhlenentzündung zum Einsatz brachte, von der halluzinogenen Wirkung von Lorcheln, die er gemeinsam mit Mau unfreiwillig verzehrt hatte, und von der Rauschwirkung eines Zaubertranks aus dem brasilianischen Candomblé, den Fichte und Mau ebenfalls im Selbstexperiment testeten.

Fichte, der den kultischen Rausch und die Ekstase der Trance sowie des Schamanenflugs als anthropologische Grundkonstanten betrachtete – und damit als Pendant, wenn nicht als bessere Form des LSD-Trips –, ging es immer um die Möglichkeit einer “Befreiung des Psychischen”, wie er es wenig später in seinem Vortrag “Ketzerische Bemerkungen für eine neue Wissenschaft vom Menschen” formulieren sollte. (Die erste Textfassung dieses Vortrags ist ebenfalls in Ethnomedizin erschienen). Dass diese Befreiung durch halluzinogene Substanzen herbeigeführt werden kann, daran hatte er allerdings erhebliche Zweifel. Fichte formulierteim Gegenteil wiederholt den Verdacht, dass in den rauschinduzierten Trancepraktiken afroamerikanischer Religionen “eine Art Brainwashing durchgeführt wird”, um “das Bewußtsein auszulöschen” und die Adept*innen dem religiösen System zu unterwerfen.[1]

In seinem ethnomedizinischen Artikel über den brasilianischen Zaubertrank “Abó” spekuliert der Autor, dass “in vielen Gesellschaften die gleichen Mittel benützt werden, um den Menschen in seiner Umwelt zu konditionieren” und das Bewusstsein des Einzelnen zu “zerbrechen”. Und in seinen Beobachtungen zur politischen Lage in Brasilien und den Ländern der Karibik beschreibt er die afroamerikanischen Trancekulte gar als Handlanger reaktionärer politischer Regimes. So heißt es in der zweiteiligen Spiegel-Reportage 1972 über die skandalösen Zustände in Brasilien, die Armut und das unerträgliche Elend der Bevölkerung zur politischen Rolle des Candomblé:

“[…] mir scheint, die Unterdrücker Brasiliens haben längst erkannt, daß sie keinen besseren Verbündeten haben als die Priesterschaft der afrobrasilianischen Mischkulte, die nicht nur jeden Funken kritischen Bewußtseins löscht, sondern menschliches Bewußtsein überhaupt zu brechen imstande ist.[2]

Ähnlich problematische Verbindungen zwischen Politik und Religion diskutierte Fichtein den 1970er Jahren auch im Zusammenhang mit dem haitianischen Vaudou und seiner Instrumentalisierung durch das Regime des Diktators François Duvalier. Peter Braun machte zwar zurecht darauf aufmerksam, dass Fichte seine Vorbehalte gegen die Rituale der afroamerikanischen Religionen später aufgab und ihre Ästhetik und kulturelle Eigenständigkeit in den Vordergrund stellte.[3] Der Topos der “Gehirnwäsche” findet sich bei Fichte im Zusammenhang mit der Trance allerdings noch Mitte der 1980er Jahre. Dieses zwiespältige Verhältnis zur Trance ist weniger überraschend, bringt man es mit einem in den 1970er Jahren weitverbreiteten Kontrolldiskurs in Zusammenhang. Das behavioristische Konzept der “Konditionierung”, auf das Fichte in seinen Betrachtungen der Trance zurückgreift, basiert im Kern auf der Vorstellung, dass das menschliche Bewusstsein mithilfe von Hypnosetechniken, Verhaltenstraining oder chemischen Substanzen “ausgelöscht” und komplett neu konfiguriert werden kann – wobei diese “Gehirnwäsche” theoretisch sowohl der befreienden Bewusstseinserweiterung als auch der politischen Kontrolle durch “mind control” und Manipulation des Subjekts dienen kann.

In der Ära des Kalten Krieges dominierte allerdings die Schreckensvision eines im kapitalistischen Verblendungszusammenhang von sich selbst entfremdeten Subjekts, das von mächtigen Regimes und ihren Geheimdiensten überwacht, kontrolliert und “ferngesteuert” wird. Eine Angst, die durch das allmähliche Bekanntwerden diverser CIA-Operationen und geheimdienstlicher Menschenexperimenten mit psychoaktiven Stoffen noch befeuert wurde. Der Topos der “Gehirnwäsche” ist um 1970 schon längst ein zentrales Motiv in der Popkultur, von Huxleys Brave New World über Orwells 1984 bis zu Burgess/Kubricks A Clockwork Orange (siehe dazu auch Peter Brauns Blogbeitrag “Salvador de Bahia”.

Der behavioristischen Psychologie selbst wurde vonseiten linker Intellektueller vorgeworfen, sie sei keine Theorie, sondern vielmehr eine Technologie der “Konditionierung”, also kein analytisches Instrumentarium zur Beschreibung menschlicher Verhaltensweisen, sondern ideologische Waffe für das Totalitätsstreben des “Staatsapparats”. Auch Fichte ging von der Omnipräsenz staatlicher Kontrolle durch staatliche Geheimdienste aus – ein Bedrohungsgefühl, das sich ins Verschwörungstheoretische steigern konnte, wenn er sich in Brasilien politisch verfolgt fühlte oder die Entdeckung des HI-Virus für eine Propagandakampagne des CIA hielt …

Natürlich war die Vorstellung von geheimen staatlichen Operationen im Kalten Krieg kein Hirngespinst. Die USA unterstützen und initiierten bekanntlich zahlreiche süd- und mittelamerikanische Regierungsumstürze, unter anderem in Chile – eine für den Allende-Anhänger Fichte besonders erschütternde Erfahrung. Fichtes politischer Analyse der Verhältnisse in Süd- und Mittelamerika liegt allerdings eine wenig differenzierte Totalitarismus-Theorie zugrunde: Er betrachtete politische Gewaltausübung jedweder Couleur und Stoßrichtung, auch in marxistischen Revolutionsbewegungen, als totalitär = “faschistisch”.

Auch in seiner Brasilien-Reportage dominiert der Faschismusverdacht. Zwar lassen sich in der brasilianischen Politik durchaus, heute leider ebenso wie in den 1970er Jahren, faschistische Tendenzen diagnostizieren. Doch Fichte kritisierte nicht nur das diktatorische Regime der Militärdiktatur, das von der Nixon-Regierung und Westmächten wie der BRD beispielsweise durch den Aufbau eines Volkswagenwerkes in Brasilien und ein bilaterales Nuklearabkommen wirtschaftspolitisch unterstützt wurde. Der von Brecht (“Furcht und Elend des Dritten Reiches”) entlehnteUntertitel “Furcht und Elend der brasilianischen Republik” suggeriert vielmehr tiefergehende Parallelen und Kontinuitäten zwischen den Zuständen in Brasilien und den Verhältnissen im “Dritten Reich”.

Fichte behauptet mehr oder weniger explizit, die brasilianische Militärdiktatur sei eine Neuauflage des Nationalsozialismus und Deutschland durch seine Brasilienpolitik auf dem besten Weg, die eigene Geschichte zu wiederholen. Solidarisch mit den Elenden und Entrechteten, zeichnet er die brasilianische Bevölkerung nicht nur als Opfer von direktem Staatsterror, sondern auch als indoktriniert durch die Propagandamaschine eines Regimes, das seine Bürger*innen systematisch mit Brot und Spielen in Form von Fußballkult und Staatsfernsehen sediere. Auch die Trancekulte des Candomblé sind für Fichte Teil dieser politischen “Gehirnwäsche”. Problematisch ist dann aber der durch den Vergleich Brasiliens mit Nazideutschland nahegelegte Umkehrschluss, auch beim Nationalsozialismus habe es sich um einen Zustand der kollektiven Trance oder “Gehirnwäsche” gehandelt – eine Fehleinschätzung, die im Übrigen auch in Brechts “Furcht und Elend” schon angelegt ist und die ignoriert, dass sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung bereitwillig und ganz ohne politischen Druck für den Nationalsozialismus begeisterte.

Doch unabhängig von Fichtes politischen Kurzschlüssen wird deutlich: Es geht ganz offensichtlich nicht nur um die “politischen” Trancen der Afrobrasilianer*innen, sondern auch um diejenigen der Deutschen. Und vielleicht geht es mehr noch als um die historischen um die “Trancen” von Fichtes Gegenwart. Spiegelt sich in der Kritik der afroamerikanischen Trancepraktiken als “Gehirnwäsche” nicht vor allem das allgemein verbreitete Gefühl der Fremdbestimmtheit durch einen als totalitär gedachten, kapitalistischen Verblendungszusammenhang, den autoritären Staatsapparat, die Zwänge der bürgerlichen Gesellschaft und die Geister des Nationalsozialismus, das eine ganze Generation umtrieb? In der Trance, es wurde eingangs schon gesagt, werden Leiden externalisiert. Es hat den Anschein, dass es nicht zuletzt das Leiden an dieser Entfremdung war, das Fichte und die Ethnologie der 1970er Jahre in den Trancezuständen der “Anderen” verhandelten.