Schreiben, wie man spricht.
Eine Art Tagebuch – zehn Jahre nach den Daten
Ein Interview mit mir selbst.
Kunstfertig das Spontane
Nur keine Kunst
Oberflächlich
Keine psychologische Stimmigkeit
Keine Entsprechungen

Hubert Fichte, Hotel Garni

Bitte eine Ausstellung von portugiesischen Künstler*innen, die das Buch Eine Glückliche Liebe gelesen haben sollen, das im Rahmen eines globalen Projekts des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin und des Goethe-Instituts in Portugal ins Portugiesische übersetzt wurde. Und dann bitte alle Kunst machen.

Ein Kommentar: Nun, ein Buch zu illustrieren, haben wir leider nicht in petto.

Ein Freund des Kurators der Ausstellung war früher Goldschmied, und nachdem es sich herumgesprochen hatte, dass er Altgold fast alchimistisch in neue Schmuckstückchen umwandeln konnte, kamen Heerscharen von Damen mit altem Zahngold und brillanten Ideen, die der Handwerker lernte zu loben: „Ihre wunderbaren Einfälle können wir sicherlich noch weiterentwickeln.“

Hubert Fichte und seine Lebensgefährtin, die Fotografin Leonore Mau, haben ihr weltumspannendes Projekt 1964 mit einem mehrmonatigen Aufenthalt in Sesimbra begonnen. Die Fischerstadt eine Stunde südlich von Lissabon war damals noch pittoresk. Heute drängt sich, wie üblich, das Pittoreske auf. Der Aufenthalt findet in vielen Schriften Fichtes Resonanz. Das auf Grenada erst 1984 beendete Buch Eine Glückliche Liebe und das Hörspiel von 1967 Caparica – Besuch in einem portugiesischen Fischerdorf basieren auf diesem ersten großen Aufbruch – aus Hamburg mit dem Schiff von Bremerhaven nach Lissabon, ohne das Durchqueren von europäischen Metropolen.

Das von Diedrich Diederichsen und Anselm Franke initiierte weltumspannende Projekt zum Werk Fichtes beginnt, was den portugiesischen Teil angeht, im Januar 2015 mit einem vom portugiesischen Kurator organisierten Treffen einiger Persönlichkeiten in einem Hotel in Sesimbra. Ein zweitägiges Seminar an der gleichen Stelle im Hotel Espadarte, wo einst Fichte und Mau die Möbel ihrer Halbpension umstellten. Die Zimmer erlauben heute kein Verrücken, eventuell Stuhl oder Sessel, aber nicht das Bett oder Sideboard.

Neben einer Reihe potenzieller Künstler*innen nehmen teil:

Diedrich Diederichsen, Anselm Franke, die Initiatoren der „World Tour“ Hubert Fichte: Liebe und Ethnologie, das an Martin Kippenbergers weltweites U-Bahn-Netz erinnert, próxima estação: Lumiar Cité.

Martin Bach, Programmdirektor am Goethe-Institut São Paulo, vertritt das Goethe-Institut.

Manuela Ribeiro Sanches, Portugiesin, von der Komparatistik und Literatur und aus Lissabon kommend, spricht fließend deutsch und teilt die Empathie für Fichte, möchte aber als Portugiesin nicht das Insekt unter seinem Mikroskop sein – Manthia Diawara sagte einmal, dass Afrikaner*innen Anthropolog*innen nicht mögen.

Zwei der Künstler*innen sind sehr mit ihrer professionellen Laufbahn beschäftigt. E-Mails müssen beantwortet werden, während Franke und Diederichsen – ad hoc – im Konferenzzimmer mit Blick aufs Meer einige Textpassagen aus Fichtes Sesimbra-Buch ins Englische übersetzen. Es wird viel diskutiert, und am Ende ist man ratlos wie Alexander Kluges Künstler in der Zirkuskuppel. Es gibt ja noch Zeit.

  1. Das Künstler*innen-Ensemble, alphabetisch geordnet, schon lange angefragt von den kooperierenden Institutionen einschließlich Lumiar Cité – und erst drei Wochen vor der Eröffnung für das Webjournal druckreif:

Gabriel Barbi, in Brasilien geboren, schon eine Zeit lang in Lissabon, taucht in Sesimbra mit verfügbaren brasil-portugiesischen Fichte-Übersetzungen auf: Hotel Garni/Hotel Garni; Waisenhaus/Orfanato; Pubertät/Puberdade.

Hubert Fichte, angeeignet.

Ramiro Guerreiro hat die portugiesische Fassung von Eine Glückliche Liebe (Um Amor Feliz) gelesen und ist ekstatisch. Verehrt wie Fichte Proust. Eine gefühlte Wesensverwandtschaft und eine bewusste Empfindlichkeit, die Identifikation bedeutet?

Ana Jotta, die kleine Grande Dame der portugiesischen Kunstszene. Nach dem Lesen von Um Amor Feliz neu dazugekommen und alt genug, um die von Fichte beschriebenen Orte erlebt zu haben – fast alle; bestimmte Orte kannte man nur vom Hörensagen. Elektrisiert hat sie ihr Kunstwerk nach der Lektüre innerhalb einer Woche obsessiv ohne Hin und Her, Diskussionen und Zweifel fertiggestellt. Von der lokalen Kunstszene wie üblich frustriert, erscheinen die Gedanken und Beschreibungen zum Portugal einer bestimmten Zeit des in Portugal bis heute unbekannten Schriftstellers für sie als ein Sauerstoffballon für wichtigere Dinge.

Euridice Kala aus Mosambik – keine Portugiesin – griechischer Vor- und sanskritischer Nachname, spricht unter anderem Portugiesisch und schaut mit einiger Verwunderung – aus sicherer Distanz – auf den Sprachstil, den der Übersetzer José Maria Vieira Mendes als portugiesisches Äquivalent zur Fichteschen Direktheit erfunden hat. Ein Klischee besagt, dass die Portugiesen nicht direkt seien. Kala kommen in den Diskussionen schwarz-weiße Aquarien in den Sinn. Die deutsche Word-Rechtschreibkontrolle weist den Vor- und Nachnahmen der Künstlerin als falsch aus.

Simon Thompson, kein Portugiese. An Herkunftsbanalitäten nicht interessiert, hat er in Brüssel einige englische Fichte-Übersetzungen gelesen, unsere gibt es nur auf Deutsch und Portugiesisch.

Empfindlichkeiten: Der zuerst auf Deutsch aufgesetzte Vertrag zur Entwicklung der portugiesischen Station Lumiar Cité von Hubert Fichte: Liebe und Ethnologie wird ins Englische übersetzt. Die Vertragsstrafen und Anforderungen wirken auf einmal weniger bedrohlich. Die im Vertrag genannte Klausel, dass der Kurator auf Bitten der kooperierenden Institutionen Texte von den beteiligten Künstler*innen abliefern muss, wird auf Bitten des Kurators gestrichen.

Report: Vier Treffen oder dem Jargon des Metier entsprechend: Residenzen, mal mit allen, mal mit einem Teil der Künstler*innengruppe im Seminarraum des Unabhängigen Studienprogramms Maumaus im Zentrum von Lissabon. Es werden studiert und diskutiert: W. A. Auden, Raymond Briggs, Leigh Bowery, David Bowie, Michael Buthe, Michael Clark – Tänzer, Diedrich Diederichsen und sein Fichte-Vortrag im Goethe-Institut Lissabon, Lukas Duwenhögger und sein abgewiesenes Schwulen-Denkmal in Berlin, Harun Farocki – Fichtes „schiefer Inder mit dem Wittgenstein“[1], Hubert Fichte und sein Hörspiel Caparica – Besuch in einem portugiesischen Fischerdorf, ein dreisprachiges Debakel im Seminarraum des Maumaus: das Hörspiel auf Deutsch, die portugiesische Übersetzung als Text im Film und das Ganze ad hoc ins Englische, Jean Genet, der angeblich bei der Besetzung Frankreichs im Gebüsch saß und beim Vorbeimarsch der Deutschen onanierte, James Joyce – peduncle, Georgia O´Keeffe – Blumen und Äpfel, Richard Lindner – Music-Boxen, Leonore Mau im Film von Nathalie David, Thomas Mann, Rafael Bordalo Pinheiro, Beatrice Potter, Andrej Tarkowsky, Cliffy Richard, Paul Thek, Wings (post Mersey), Paul Wunderlich und japanischer Shunga und Graffitis und Buchcover von Gallimard und portugiesische Stierkampfplakate aus Turcifal. Exkursionen: Verkaufsstand, open air, auf der Schnellstraße von Lissabon nach Sesimbra, um 1:1-Tiermodelle aus bemaltem Fiberglas zu studieren, besonders Schweine und Schafe finden die Aufmerksamkeit der Gruppe. Hospital dos Capuchos, das Kapuziner-Krankenhaus im Zentrum Lissabons mit seiner umfangreichen Wachsmodell-Sammlung von Tumoren, Hautveränderungen und Geschwüren sexuell übertragbarer Krankheiten, die in den Jahren 1930/40 mit Gipsabrücken von leidenden Patienten, darunter vielen Prostituierten, hergestellt wurden. Der Künstler war wohl ein Flüchtling aus Wien. Den Hautfarben der Kranken wurde durch Pigmentbeigaben im Wachs entsprochen, die Künstler*innen der Lissaboner Faculdade de Belas Artes waren involviert, und die Deko-Maler*innen der Edelporzellanfirma Vista Alegre haben die Geschwüre durch filigrane Details zum Leben erweckt. Dazu der Besuch von Eingängen von hochgeschossigen Mietshäusern aus den 1960er Jahren (Beleuchtungskörper und Zierelemente). Ein belgischer Music-Box-Sammler in Vila do Rei, zwei Stunden nördlich von Lissabon – bei der An- und Abreise müssen Waldbrände umfahren werden. Treffpunkt ist ein von dem Sammler mitten im Dorf betriebener US-Diner mit dem Namen Fifty-Fifty – wir essen Hamburger und denken an Hans Henny Jahnn und Fichtes Urinproben[2]. In Lissabon der Besuch der Großschreinerei João Sampaio Lda. – mit angeschlossener Metall- und Malerwerkstatt der Ausstatter und Displayproduzent aller größeren Museen im Großraum Lissabons. Dazu noch der Besuch mehrerer Reklamefirmen auf der Südseite des Tejos. Verpflegungskosten und Tankquittungen werden vom Budget bezahlt.

Aus den Diskussionen: Fifty-Fifty. Sich beim Kunstmachen nicht erwischen lassen. Collage und de-collage. Fichtes Pinnwand in seiner Wohnung auf der Elbchaussee in Hamburg aus dem Katalog der Fichte- und Mau-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen. Die Ausstellung als roman fleuve mit kryptischen Verweisungssystemen. Begriff des Spiels. Konfektionskünstler*innen. Zusammenhänge spüren lassen, ohne sie zu beweisen. Karikatur. Nicht die Karikatur von etwas, sondern die Karikatur an sich. Nicht eine Karikatur, sondern Karikatur – Aboutness als Problem der Kunst – not interested in Death or Life but in existence; die Existenz Fichtes unabhängig von seinem Tod; wo er gut ist, lebt er. We will not show a show showing Fichte, the show shows itself to potentially discover Fichte by way of a throughness and aboutness. Kalt und klinisch. Die Temperaturen von Karikaturen und Ausstellungen, kein Buthe. Der Sound einer Ausstellung. Fichte ist, was er in der Beschreibung von banalen Details mit explosionsartigen Unterbrechungen schreibt. Die Industrialisierung von aboutness in der heutigen professionellen Konfektionskunst – die Kunst als Trompe-l’oeil ihres eigenen politischen Versagens: Trump l’oeil. Kunst muss kritisch sein, muss kreativ sein, muss über etwas sein – oder about a non-aboutness oder nothing to say, say it more, say it louder, der eigenen Verwirrung treu bleiben – I can’t live only on good meals, I need filths. No safe haven for art. Fichte thinks socially and formally about life. Making a move to eventually discover Fichte in it; we might discover Fichte in the aboutness or non aboutness about Fichte… We have to protect ourselves on the level of the exhibition as well as in relation to Fichte. Beyond the status of conception, a joke, moving into a formal stage. Oh, you make a lovely painting, no; you drew him, no; is this your take on him, no, it is someone else saying something about him; it feels like painting in a mirror for creating a distance through which we can shake hands (mit Fichte?). Die Gefahr, dass der einführende Text am Eingang der Ausstellung besser ist als die Ausstellung. Super dry! Oder, Fichte paraphrasierend, die Ausstellung als ein Gelatinewürmchen, das neben den schwächer und schwächer werdenden Eindrücken der Außenwelt gelegentlich am Rande des Blickwinkels erscheint und sich mit den Bewegungen des Augapfels auf es selbst zudreht.