– Ich lobe den Strich

– Der Bäcker kriegt Mäuse für das Brot.

– Der Maurer kriegt eine Miese für die Stunde.

– Der Stricher kriegt zwei Pfund.

– Der Strich ist die Kunst.

– Der Strich ist das wahre Wahre.– Das Gretchen ist der Existenzialismus.

– Der Dunkle Engel mit den veilchenfarbenen Augen ist der Sozialismus.

– Der Mitschnacker ist die Nächstenliebe.

– Fred ist der Nouveau Roman.

– Der Niedliche aus der Palette ist Art Brut.

– Psychoanalyse, Krankengymnastik, Weltgeist, Mehrwert, Aufklärung ist der Mitschnacker, das Gretchen die Quantentheorie, Fred ist die Entropie.

Hubert Fichte, Der kleine Hauptbahnhof oder Lob des Strichs

Ursprünglich habe ich den folgenden Text für eine Vortragsreihe am Tanzquartier Wien geschrieben, die „Wiederstand gegen die Theorie“ hieß; sein Ausgangsmaterial verdankt sich aber einem Redebeitrag zu einer von Jürgen Bock am Goethe-Institut Lissabon kuratierten Ausstellung, in der einige Filme und Radioarbeiten von Hubert Fichte zum Einsatz kamen. Das war zu Beginn des Jahres 2013.

Wenn man einen großen Teil seines Lebens in Kunstakademien verbringt, fällt einem zum Ausdruck „Widerstand gegen die Theorie“ zweierlei ein. Zum einen der immer noch massive, ganz traditionelle Widerstand, den Künstlerinnen und Künstler den theoretischen Fächern entgegenbringen; ein Widerstand, der bei näherem Hinsehen sich aber gewaltig unterscheidet vom klassischen populistischen Affekt gegen Abstraktion und die Abwesenheit konkreter Gegenstände, gegen Gequatsche und Fremdwörter, sondern der sich meist als ein Widerstand gegen Versprachlichung entpuppt – ein Widerstand gegen das Schreiben vor allem, die tatsächliche oder vermeintliche Fixierung, die damit verbunden sei und als kastrativ, beschränkend, aber auch als Überforderung erlebt wird.

Diese Haltung ist oft ärgerlich, in einigen Fällen auch nachvollziehbar, oft aber ist sie auch einem Lehrenden der theoretischen Fächer lieber als die umstandslose Adaption von Theorie als ein Tool ohne eigene Geschichte und Dignität, ja ohne eigenen Widerstand, der allzeit bereit steht, eine Arbeit zu dekorieren und zu supplementieren. Auf der anderen Seite ist ein theoretisches – und das meint meist ein philosophisches, kunsthistorisches, soziologisches und kulturwissenschaftliches – Wissen heute Bestandteil des künstlerischen Materialstands. Daraus – und aus bestimmten bildungspolitischen und bürokratischen Gründen – entstand in letzter Zeit die als artistic research bekannt gewordene Facette institutionalisierten künstlerischen Theoriebezugs. Was ich heute anhand der Schreib- und Arbeitsmethoden des deutschen Autors Hubert Fichte und der Fotografin Leonore Mau vorstellen möchte, könnte man durchaus als deren Vorgeschichte beschreiben: die Suche nach der Einsetzbarkeit künstlerischer Mittel zu Zwecken der Forschung und Theoriebildung, in der die spezifische Dünnhäutigkeit – Fichte sagt: Empfindlichkeit – des Künstlers, seine spezifische Widerstandslosigkeit gegen die Wirklichkeit einen Widerstand gegen die Theorie bildet – nicht um Theorie zu verhindern, sondern im Gegenteil, um ihr Tools und Mittel zugänglich zu machen, die man nicht mehr rein instrumentell als Mittel und Methodologien konzeptualisieren kann, sondern die man eher als Lebensformen beschreiben müsste.

Es gibt aber auch eine Art Kriterium für den Erfolg solcher Wissenschaft von Künstlerinnen und Künstlern. Dies ist in diesem Fall der Umstand, dass die von Fichte und Mau entwickelten Forschungsgebiete, circa ein Jahrzehnt später im englischsprachigen und gut zwanzig Jahre später im deutschsprachigen Raum, zu Disziplinen der Geisteswissenschaft geworden sind: Queer Studies, Postcolonial Studies, komparatistische Visual Culture Studies, Intersektionalität.you name it. Ihre Relevanz ist sozusagen offiziell bestätigt worden. Und es handelt sich nicht einfach nur darum, dass die Themen dieser Disziplinen bei Fichte als Themen der Narration erscheinen, sondern darum, dass er für ihre Begriffe bereits Vorschläge macht und diese erprobt. Es stellt sich aber auch die Frage, warum bestimmte neue Fächer, the new humanities sagte man vor einem guten Jahrzehnt, feministische und queere Studien, minoritäre und postkoloniale Forschung auf Kunstakademien und im Kunstfeld so gut gediehen, während sie, wenn überhaupt, im universitären Feld ein Orchideendasein führen oder sich als Teildisziplinen eingeführter Fächer eingliedern müssen: Ägyptologie mit Schwerpunkt Genderforschung. Auch in diesem Zusammenhang ist es auffällig, dass ein Autor, der sehr früh Methodologien und Perspektiven entwickelte, die man heute den Queer Studies und den postkolonialen Studien zuschreiben würde, dies in seinen literarischen Texten getan hat.

In den Romanen, die am Anfang von Fichtes großem roman-fleuve-Projekt Die Geschichte der Empfindlichkeit stehen (Hotel Garni, Eine Glückliche Liebe, Der kleine Hauptbahnhof – Lob des Strichs) werden Methoden durchgespielt, mit einer anderen, in jeder Hinsicht beteiligten Forschung unbekannten, aber den Forscher anziehenden sozialen Konstellationen gegenüberzutreten. Sexualität oszilliert zwischen Methode und Gegenstand, Folter und Gefängnisse tragen mehr zur politischen Bewertung der ermittelten Verhältnisse bei als die ebenfalls in reicher Fülle vorgelegten wirtschaftlichen Details. Zu Lebzeiten hat Fichte dies den Vorwurf eingebracht, „bürgerliche Freiheiten“ wichtiger zu finden als Klassenverhältnisse. Wie steht seine Theorie zu einer Theorie, die mit dieser Alternative arbeitet, welche Rolle spielt der Umstand, dass es zwischen den wissenschaftlichen und den literarischen Beiträgen der Geschichte der Empfindlichkeit wenigstens keine rhetorische oder poetische Differenz gibt. In seinem explizit so genannten Roman Forschungsbericht, auch ein Teil der Geschichte der Empfindlichkeit heißt es:

„– Was mache ich mit einer Lüge im Forschungsbericht?

– Das ist es. Forschungsbericht. Roman.

– Herodot ist der erste Romancier. Er schrieb, wie er sich Ägypten vorstellte. Wie die Ägypter ihm Ägypten vorlogen.

– Histämie und Tithämi: Lügen aufweisen.

– Die Wissenschaften sind Romane über Helden wie Hegel, Freud, Lacan. Die Verfasser sind die Titel.

Jäcki schrieb die ersten Zeilen.

Montag, den 4.Februar 1980.

– Ich freue mich auf das Essen, sagte ich.

– Ich will in Ruhe meine Arbeit machen, sagte Irma

– Ich arbeite, wenn ich esse.

Das Taxi fuhr an einem vaterländischen Denkmal vorbei.“

Auch dieser Roman handelt wie fast alle Teile des roman-fleuve von zwei Personen namens Jäcki und Irma, und diese Personen sind in fast allen Romanen einerseits auf Reisen und andererseits betreiben sie vielfältige Forschungen: Sie interessieren sich für politische Verhältnisse, insbesondere in Gefängnissen, für die Lage politischer Gefangener, die Lage Homosexueller, die Psychiatrie, die Psychologie, die Religion und die Rituale einer – meist afrikanischen oder afro-diasporischen – Weltgegend, manchmal, wie in diesem Roman mit dem Titel Forschungsbericht heißen sie auch Ethnologen.

Es gibt von Hubert Fichte zwei Sorten von Romanen, Heimatromane, die in Hamburg spielen und sich mit den Hamburger Milieus beschäftigen, in denen Fichte verkehrt, er behandelt sie alle gleichwertig als Subkulturen, denen er ebenfalls quasi-ethnologisch begegnet: die literarische Welt der Autoren, Verleger und Journalisten, den Männerstrich am Hauptbahnhof, die professionelle Heterosexualität im Rotlichtviertel St. Pauli, den Hafen und seine Arbeiter und schließlich die Boheme in der Palette, in der sich das alles mischt und Künstler und weggelaufene Bürgerkinder hinzukommen. Die andere Sorte sind Reiseromane, die sich weder in den literarischen Verfahren, noch in den Forschungsmethoden unterscheiden, wohl aber darin, dass die Protagonisten zwei Personen sind: Jäcki und Irma, ein Schriftsteller, Fichters Alter Ego, und eine Fotografin, Fichtes Ehefrau Leonore Mau. Die Forschung erfolgt audiovisuell. Es entstehen gemeinsame hergestellte Fotofilme und auch einander ergänzende Bild- und Textbände wie Xango und Petersilie über die afroamerikanischen Religionen, von denen es stets je einen Band von Mau und einen von Fichte gibt. Aber auch in den nur von Fichte verfassten Romanen ist Irma nicht nur als Figur präsent, sondern immer auch als Vertreterin eines Rechercheprinzips. Aus Schreiben und Fotografieren ergibt sich eine ethnographische Methode, die von drei anderen Methoden ergänzt wird, die entweder Bild und Text oder keines von beiden involvieren. Zunächst Interviews mit Beteiligten des Forschungsgegenstands, von portugiesischen Fischern über nordamerikanische Künstler bis zu den Staatspräsidenten des Senegal, Léopold Sédar Senghor, und Tansanias, Julius Nyerere, sodann Sex mit Beteiligten, von portugiesischen Fischern über nordamerikanische Künstler bis zu, nun gut, brasilianischen Polizisten, die mit Gefängnissen zu tun haben, in denen gefoltert wird. Wer eine Geschichte der Empfindlichkeit schreiben will, muss ständig die eigene Empfindlichkeit an der der anderen testen, das geht nirgendwo so gut wie bei sexuellen Beziehungen. Dazu gehört auch, dass auch die Sexualität zwischen Jäcki und Irma, der einzigen heterosexuellen Beziehung im Leben des Forschers, thematisiert wird.

Fichte hat das Projekt der Geschichte häufig in Beziehung zu Prousts Romanprojekt einer Recherche nach der verlorenen Zeit gesetzt. Beide Titel camouflieren sich zum Teil als wissenschaftliches Projekt, sie beanspruchen formale Ordnungen herzustellen – Geschichten, Recherchen – die als Voraussetzung von Theoriebildung auch in regulären wissenschaftlichen Werken auftauchen könnten. Doch wo Prousts Thema die Zeit ist, wie sie an einem Ort und seinen Bewohnern als Dauer sichtbar wird, ist Fichtes Thema eine stillhaltende, aber zerklüftete, parzellierte und segregierte Welt, deren Unterschiede erst dem Reisenden sich als Sequenzen erschließen, als Ereignisse, die nacheinander in der Zeit passieren, obwohl sie doch simultan auf einer Erde anwesend sind. Koloniale Naturwissenschaftler, aber auch Ethnographen und Eroberer reisen, empfindsame Personen halten still und versuchen einen Ort zu besiedeln. Partisanen und Rebellen gelten als tellurisch und ortsgebunden, Reisende sind meist Eroberer, Unterwerfer, Touristen, und der schlimmste Reisende ist das Geld. Dieses strukturell antisemitische Weltbild dreht Fichte um, indem er zum empfindsamen Reisenden wird und neben den bekannten Akteuren der Internationalität, den guten wie den bösen, ein neues Prinzip der Internationalität einführt: die Homosexualität und die von ihr gestifteten transkulturellen Freundschaften und Netzwerke, aber auch problematische und Machtbeziehungen. Fichte beruft sich dafür durchaus auch auf ein paar Traditionen, wie den großen schwulen Reisenden, den Grafen Platen und andere, er tut dies auf unterschiedliche Weise, diese Ressourcen sind aber eher literarischer und weniger wissenschaftlicher Natur.

Nun formulieren aber Reiseschriftsteller eigentlich immer ein heuristisches Programm: eine Theorie davon, wie sie auf Reisen etwas ermitteln wollen. Das unterscheidet sie von Leuten, die eine Erzählung unter Reisenden spielen lassen oder einen Protagonisten von einem Drehort zu einem anderen befördern. Diese kann man in bestimmte Kategorien eintragen. Erstens:) Du reist, um zu einem Fremden zu werden, sodass Du schließlich auch Deine Welt von einem fremden Standpunkt aus betrachten kannst. Das führt nicht zuletzt im Entwicklungsroman zu einer Versöhnung: Als Fremder Deiner eigenen Welt kannst Du intellektuell akzeptieren, was Du zunächst emotional bekämpft hast. Therapie. Oder zweitens: Du gehst weg, um anderswo heimisch zu werden. Auch hier ist das Ziel eine Versöhnung. Durch Flucht. Das dritte Modell tritt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt unter Schriftstellern auf, gerade auch unter den großen schwulen Autoren der Nachkriegsavantgarde, William S. Burroughs, Jean Genet und Paul Bowles, und möchte fremd bleiben, sei es um nur so qua Subtraktion von spezifischer lebensweltlicher, aber natürlich auch lokalkultureller, nationaler Integration eine wie auch immer bestimmte Essenz oder Wahrheit der Existenz zu erfahren, sei es um des Transitorischen, Unvollendeten willen, das das Leben in Hotels bietet, wie es berühmterweise ein Jean Genet geführt hat.

Bei Fichte geht es um dieses letzte Ziel in einer neuen Version: durch die Sequenzierung der je unterschiedlichen, aber mit einander verknüpften Forschungsreisen zu einer Geschichte der Empfindlichkeit. Dazu gehört, wie in Forschungsbericht formuliert, auch der Zweifel an dieser Methode:„Trotz seiner Flucht aus Hamburg, aus Panama, auch Nicaragua, trotz der Erleichterung: Jetzt bin ich wirklich in Belize bei den Schwarzen Kariben.

– Weg!

– Gleich wieder weg!

– Reisen! Dachte er: Alles umarmen!

– Die Welt! Ja!

– Reisen ist das Auslöschen der Welt, dachte Jäcki: Überallsein

– nirgends.“

Die Auslöschung der Welt, der Preis fürs überall Sein, muss nur dann nicht gezahlt werden, wenn der Kontakt zur jeweiligen Welt wirklich eine Umarmung wird, ein sexueller Austausch. Die Wörter begannen in Haut zu übergehen. Jäcki dachte:

– Wenn ein Mann einem Mann die Kuppe des Zeigefingers an den Rand des Fingernagels legt, nur für eine Tausendstel Sekunde, brennt es für alle Zeiten unumkehrbar etwas in die Schalen des Hirns – wie Sonne in das Silber der Filme.

– Irma zu berühren ist gefährlicher.

– Man kann beim Sprechen jemandem die Hand an die Hüfte legen.“

Die Männer sind einander Licht und Film, aber Irma ist eben Fotografin. Sie wird zur Verwalterin oder Gestalterin des indexikalen, Abdrücke hinterlassenden Verhältnisses zur Welt, welc es Fichte im Kontakt mit anderen Männern erlebt, aber nur notieren kann, sozusagen von der Haut ablesen. Sie kann sozusagen auch das Bild kadrieren.

Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, diesem Auslöschen vorzubeugen, die Gestaltung der Reise als ein eigenes Kunstwerk. In allen Romanen der Geschichte der Empfindlichkeit geht es nicht nur um Erfahrungen einer Reise, sondern auch um die Reise, auf der aufgeschrieben wurde, was auf einer anderen Reise erlebt wurde. Und die ökonomischen Zusammenhänge – Foto- und Schreibaufträge, Rundfunk-Honorare, Tantiemen der drei gut verkaufenden Romane, die Fichte zwischen 1967 und 1970 veröffentlicht hat. Der Roman, auf den ich mich in diesem Text am meisten beziehen will, Eine Glückliche Liebe ist eine komplexe Konstruktion von mehreren Reisen: Jäcki und Irma reisen 1964 nach Sezimbra, einem Fischerort mit damals ein wenig Tourismus im Portugal der Salazar-Diktatur. Die Reise dient Fichtes Plan, der Beat-Literatur, die Fichtes, von diesem skeptisch beäugter Förderer Walter Höllerer so unterstützt und publiziert, etwas entgegenzusetzen. Er plant den Roman Die Palette und schreibt sie in Sezimbra, während er die Recherchen für den Roman Glückliche Liebe und eine Fotofilm-Gemeinschaftsarbeit mit Leonore Mau durchführt. Er schreibt dann den Roman, der in Sezimbra spielt, 20 Jahre später in Grenada, als einen Teil der Geschichte der Empfindlichkeit, während er gleichzeitig Grenada-Recherchen für die Überlegungen zu „schwarzer Bi-Kontinentalität“ durchführt, wie er in Forschungsbericht ein Thema nennen wird, das stark an das erinnert, was Paul Gilroy später den „Black Atlantic“ nennen wird. Die in Sezimbra begonnene Palette, der Beatnik-Roman gegen die Beatnik-Literatur, wird wiederum das Geld einspielen, mit dem ein Großteil der Afrika-, Karibik- und Südamerika-Reisen finanziert sein wird. Es gibt also eine ständig sichtbare Zirkulation dieser Rezeptions-, Produktions-, und Distributionsbewegungen des Materials, das gewissermaßen zärtlich und empfindlich im Austausch mit der Welt gewonnen wird. Diese Zirkulation untermalt und rahmt die narrativen Bewegungen und verzahnt sie mit den erzählten realen Bewegungen und der Produktion von Theorie, die als Ergebnis dieser Bewegungen und zugleich der Versuch sie zu verstehen markiert wird. Man sieht quasi eine Reihe von mit Pleuelstangen verbundenen Rädern vor sich, die nicht so sehr die Maschine sind, die das Ganze vorantreibt, sondern auch eine Art ornamentales Bewegtbild, in das sich der ganze Texte einschreibt und das dafür sorgt, dass die vielfältigen Einzelteile zusammenhängen.

Noch mal Reise und noch mal Portugal und noch mal Beatniks: Fichte kennt Höllerer von einem Stipendiatenaufenthalt im Literarischen Colloquium in Berlin im Jahre 1962. Bei diesem Aufenthalt ist Fichte von der Gemeinschaftlichkeit der heterosexuellen deutschen Autoren, nun, nicht gerade angewidert, aber leicht irritiert. Drei Personen, eine österreichische Frau, ein schwuler jüdischer Mann, der surrealistische Texte schreibt und aus dem amerikanischen Exil nicht nach Deutschland zurückkehren will, und Fichte selbst, der wegen seines ihm unbekannten jüdischen Vaters von seiner Mutter während der letzten Kriegsjahre vor den Nazis versteckt werden musste, werden von dieser sich durchaus für links, kritisch und fortschrittlich haltenden Gemeinschaft mehr oder weniger sanft ausgeschlossen. Fichte schreibt darüber später den Roman Die zweite Schuld, der ein Teil der Geschichte der Empfindlichkeit werden soll, aber zunächst mit einer Sperrfirst von fünfzig Jahren versehen ist, wegen der Deutlichkeit, mit der dort das Verhalten der Beteiligten geschildert wird. Mit heutigen Begriffen kann man sich den unausgesprochenen Vorwurf vorstellen, den Fichte an Höllerer hat, den er zugleich auch respektiert, und der hier nur ansatzweise auftaucht; über die allzu leichte Begeisterung deutscher Literaten für junge amerikanische Abenteurer.

Warum Portugal? Es gibt ja zwei deutsche Südeuropa-Reise-Literatur-Traditionen. Die italienische, die dazu diente, deutsche Barbaren auf den Stand der europäischen Kulturentwicklung zu bringen – wobei diese dann meist der italienischen Vergangenheit demütigen Respekt erweisen, während sie die italienische Gegenwart im Verhältnis zu Weimar oder Frankfurt oder wo die Goethes und Seumes jeweils herkommen, eher beklagenswert finden. Die andere ist die spanische, hier sind die anderen die dunklen, abgründigen, mystischen Menschen und die deutschen sind Romantiker, die sich von einer vermeintlichen Irrationalität angezogen fühlen. Beide Traditionen sind nach dem Zweiten Weltkrieg und der Nazi-Zeit an ein Ende gekommen, obwohl der Vergleich zwischen rechten und linken Reisen nach Spanien vor und nach dem Bürgerkrieg lohnend ist. Das neue Sehnsuchtsland, der letzte mediterrane Außenposten, der schon gare nicht mehr am Mittelmeer liegt, ist Portugal. Fichte und Mau inszenieren diese Reise wie eine transkontinentale. Statt mit dem Nachtzug, der damals noch jeden Abend von Kopenhagen über Hamburg nach Paris verkehrte, in einer Nacht zum Gare Du Nord zu fahren und von dort über den Gare D’Austerlitz mit dem Sud-Express in weiteren knapp 30 Stunden bis Lissabon zu fahren, nehmen sie eine Kabine auf einem Handelsschiff – die Rückreise wird übrigens Monate später per Anhalter, wie man damals sagte, durchgeführt. Portugal wird zu einem neuen Kontinent und zum Ausgangspunkt der dann zwanzigjährigen nahezu ununterbrochenen Reisetätigkeit. Es setzt auch die Forschungsgebiete, die neben denen, die neu hinzukommen, über die nächsten Jahre konstant bleiben: 1.Homosexualität und Globalität, 2.Pychiatrie und Politische Gefangene, 3. Schwarze Bi-Kontinentalität a.k.a. The Black Atlantic.

Fichtes politische Position war in mancher Hinsicht von seinen 68er-Generationsgenossen unterschieden. Im Zentrum stand bei ihm nicht eine aus dem Kalten Krieg abgeleitete Position, die wie bei den meisten anderen, die hedonistischen und Lebensstilrevolten mit einem größeren sozialistischen Aufbruch zusammendenken wollten, sondern vielmehr die Frage nach Menschenrechten. Obwohl ein durchaus ökonomisch argumentierender Antikapitalismus eine häufige Denkfigur bei ihm ist, hat er sich nie mit irgendwelchen real existierenden Antikapitalisten verbündet wollen. Denn: „Die Revolutionäre sperren die Schwulen ein“, wie er einmal notiert. Sicherheit vor Folter und staatlicher Freiheitsberaubung war ihm wichtiger als die Abschaffung der Warenform. Konsumkritik, die auf den westlichen Empfindlichkeiten basiert, könnte man zugespitzt Fichte sagen lassen, lenkt den Blick von der Kritik des Kolonialismus ab. Die meisten real existierenden Sozialismen konnten solche Sicherheit nicht garantieren und auch nicht die meisten der afrikanischen und lateinamerikanischen postkolonialen Regime. Ihre Verbindung mit ihren westlichen Vorgängern, die Kontinuität der Unterdrückung von Schwarzen in Karibik, Lateinamerika und USA und von Schwulen überall (von Lesben ist seltener die Rede) war sein Hauptthema. Faschismus war für ihn, anders als für den größten Teil der Kritischen Theorie, nicht einfach nur ein Stadium des Kapitalismus. Die Geschichte der Kliniken und Anstalten und der Verfolgung von Homosexualität eine eigene europäische Tradition, die man nicht so ohne weiteres in eine allgemeine Verbundenheit aller Formen von Unrecht und Unterdrückung eintragen könnte. Besonders unzeitgemäß und naiv galt er dann, als er Ideale der Gewaltlosigkeit propagierte und äußerst unhippe Figuren wie Gandhi freundlich erwähnte.

Ich erwähne dies, weil diese Neigung, die man heute beschreiben kann als eine frühe Form der Kritik einer triple opression theory oder der Intersektionalität an der klassischen Linken – auch wenn das intersektionale Zusammendenken von verschiedenen Form der Unterdrückung Fichte womöglich auch skeptisch gemacht hätte –, weil man in dieser politische Positionierung eine der ganz wenigen proto-postkolonialen Positionen im deutschsprachigen Raum sehen kann, aber auch weil sie beides ist: ein Widerstand gegen Theorie und ein Entwurf einer anderen, neuen Theorie. Die ist bei Fichte, etwa in seinen Gesprächen mit Senghor und Nyerere aus dem Band Psyche aus der Geschichte der Empfindlichkeit, oft in der Nähe eines etwas zu einfachen Glaubens an eine afrikanische und afro-diasporische Spezifik, die die Schwächen des europäischen Sozialismus, der europäischen Anstaltspsychiatrie und der europäischen Homophobie überwinden könnte – aber doch auch immer wieder skeptisch gegenüber seiner Tendenz zu einem afrophilen Essenzialismus. Nichts wird verschwiegen, Synthesen und Schlüsse solange wie möglich hinausgezögert und am Ende werden überraschende Modelle verkündet wie das Lob des Klatsches oder das Lob des Striches. Aus diesem Grunde zum Schluss noch einmal zurück zu Fichtes drei Haupttthemen.

1. Homosexualität und Internationalität am Beispiel des Romans Eine Glückliche Liebe

Als Fichte nach Sezimbra reiste, 1964, war Homosexualität noch illegal, in Portugal wie in Deutschland, wie in den meisten Ländern der Welt, die sich nicht dem französischen code pénal anschlossen. Dies änderte sich in diesen Ländern auch nicht bis in die 1970er Jahre hinein. Diese Illegalität aber, so Fichte, trug zu einem internationalen Verhaltenssystem bei, das ihm half Leute in anderen Welten, Kulturen relativ schnell vertrauensvoll kennenzulernen: Sexualität wurde zu einem Forschungsinstrument noch unabhängig von ihrer Schärfung der Empfindlichkeit. Im zweiten Schritt half Sexualität dann die Leute intensiver, persönlicher kennenzulernen, denn die illegale Homosexualität lieferte Protokolle und Verhaltensformen, die es erlaubten die jeweiligen Traditionalismen zu überspringen, die Regeln der Familie, der Ehe, der heterosexuellen Prostitution, die bei heterosexuellen Kontakten im Weg gestanden hätten.

Dadurch war der internationale sexuelle Kontakt einerseits einfacher, andererseits aber auch intensiver als jeder offizielle, und er ermöglichte gemeinsam mit dem co-marginalisierten Freund einen gemeinsamen synthetischen Blick auf das soziale Material der je ausschließenden Gesellschaft. Natürlich gab es auch große Probleme und Gefahren bei diesen Kontakten, die Fichte auch benennt, natürlich sind die verschiedenen Dimensionen einer sexuellen Beziehung immer in der Lage sie zu dominieren und mit ihnen gerade das Wertvolle des Kontaktes zu verlieren. Schließlich sollen sie keine instrumentellen Tools für etwas anderes sein, sondern eher Bestandteil einer Lebensform der Empfindlichkeit, nicht einer Unterwerfung von Sexualität unter ein Kalkül der Forschung. Die größte Gefahr dieser Heuristik ist aber der Massentourismus. Schon zu Beginn von Eine Glückliche Liebe beschwert sich Fichte über den schwulen Reiseführer „Spartacus Guide“: Tatsächlich ist diese Beschwerde ein Anachronismus, denn den „Spartacus Guide“ gibt es 1964 noch nicht, erst 1970. In einem anderen Roman, dem Versuch über die Pubertät spricht er über den sexuellen Massentourismus und dessen kulturelle und medizinische Folgen in Verbindung mit Imperialismus und Kolonialismus, Er warnt tatsächlich 1973 vor einer globalen sexuellen Epidemie.

2. Gefängnisse, Anstalten, Menschenrechte

Ebenfalls in Portugal beginnt Fichtes Interesse an Macht und Einfluss von Folter. Er besucht mehrfach ein berüchtigtes Foltergefängnis und untersucht zum ersten Mal die Lebensbedingungen in einem Land, wo Folter zu den alltäglichen Bedrohungen gehört. Da er nicht einfach abstrakt etwas verurteilen wollte, was theoretisch jeder ablehnt, sammelte er Texte und Sätze von Touristen, lokalen Amtspersonen, deutschen Tageszeitungsartikeln, die die Folter verharmlosen und stellt sie aus wie Beispielsätze einer Grammatik des Verschweigens. So verfährt er später auch in Afrika und Brasilien, aber ohne sich selbst in die Position des Anklägers zu setzen, sondern im Sammeln von typischen Sätzen, die die Realität der Folter, mithin der schlimmsten Vernichtung der Empfindlichkeit, verdrängen wollen. Folter ist in der Geschichte der Empfindlichkeit der Antagonist der Sexualität.

Natürlich kann man hier einige Gemeinsamkeiten zwischen Fichte und Foucault erkennen. Zum einen das Interesse an Diskursen und ihren Bedingungen als eine Art Rohmaterial, nicht als immer schon lesbare Dokumente eines falschen Bewusstseins – was der Geschichte der Empfindlichkeit auch den Vorwurf des Positivismus einbrachte. Zum zweiten das gemeinsame Interesse von Foucault und Fichte für Anstalten, für Gefängnisse und Psychiatrie. Beide können einander gekannt haben. Foucault war in der Zeit, als er in Hamburg Kulturattaché am französischen Konsulat war, mit dem Schriftsteller Rolf Italiaander befreundet. Italiaander, eine Generation älter als Fichte, hatte schon 1952 ein homosexuelle Rechte einklagendes Theaterstück an den Hamburger Kammerspielen zur Aufführung gebracht, mit dem sehr foucauldianisch klingenden Titel Das Recht an sich selbst. Er war außerdem Afrikanist und wurde später in Hamburg zum ersten Konsul des Senegal nach dessen Unabhängigkeit. Fichte verdankt auch Italiaander seinen Kontakt zu Leopold Sédar Senghor. Ich habe in der Fichte-Literatur aber kein Material gefunden, das Auskunft gibt, ob die beiden sich gekannt haben und ob es in dieser Welt schöngeistiger hanseatischer Konsulate zu gemeinsamer Theoriebildung gekommen ist.

3. The Black Atlantic

Als Paul Gilroy diesen Begriff in die Welt setzte, war Fichte schon tot. Er begann sich für das Studium afro-diasporischen Lebens und für „schwarze Bi-Kontinetalität” in Portugal zu interessieren. Und wieder beginnt sein Interesse mit dem Aufzeichnen und Sammeln von sprachlichen Gewohnheiten, Rhetoriken, Sprechweisen, Namen etc., wie er sie in dem Film an portugiesischen Fischern vorführt. Durch die gesamte Geschichte der Empfindlichkeit zieht sich das nicht so genannte Projekt eines historischen Lexikons sprachlicher Diskriminierung. Im Zentrum von Fichtes schwarzem Atlantik stehen zwar religiöse Gemeinsamkeiten, die Reise der Riten, Götter etc., aber immer im Hinblick auf eine afrikanische und afro-diasporische Psychologie. Die bereits in der Reise nach Portugal inszenierte Bi-Kontinentalität, die die Schiffspassage suggeriert, der Transport durch das andere Medium des Wassers, verweist schließlich auch auf einen letzten entscheidenden Punkt von Fichtes literarischer Heuristik. Der Konstruktion von Nähe und Empfindlichkeit im wahrsten Sinne entspricht die Konstruktion von Distanz, Selbst-Entfremdung, Displacement: es wichtig zu nehmen, ein Wasser zwischen sich und den Zielort zu setzen.

Denn Sie werden möglicherweise sagen, dass ich ein sehr romantisches, weil abenteuerliches, Intensitäten evozierendes Bild des forschenden Schriftstellers und seines Theorie produzierenden Widerstands gegen die Theorie gezeichnet habe, das in dem Begriff der Lebensform als Heuristik gipfelte. Aber es ist wichtig, diese Lebensform als einen Widerspruch und einen gelebten Antagonismus zu verstehen, nicht als einen einheitlichen Rausch. Es ist in diesem Sinne bezeichnend wie Fichte sein eigenes sexuelles Leben als zweiteilig beschrieben hat. Ihm hat der vereinheitlichende Ausdruck Bisexualität nicht gefallen. Er sagte, er sei ein homosexueller Mann und diese Homosexualität sei nicht nur Sex, sondern eine Lebensform. Zugleich sei er ein glücklich heterosexuell verheirateter Mann, diese keineswegs asexuelle Ehe sei ebenfalls eine Lebensform. Er lebe sie beide und könne sie nicht zu einer dritten synthetisieren. Von heutigen Vorstellungen von Queerness ist das seltsam fern. Aber um zwei Kontinente zu bewohnen muss man sie, darauf besteht Fichte, als zwei Kontinente konstruieren. Nur dann empfindet man ihre Distanz als Einheit der Bewegung.