Wie kriegten 1969 eine Fotographin und ein Schriftsteller

das Geld für ein Jahr Bahia zusammen.

Jäcki rechnete 60 000 Mark. Davon zehntausend für zwei Monate Chile, denn er wollte auch nach Chile.

Allende hatte die Wahlen gewonnen.

Rowohlt bezahlte weiter 1500 Mark im Monat.

Ein bißchen was von der Palette war noch nach.

Das waren schon 20.

Peter Faecke vom WDR besorgte 20.

Das waren 40.

Der NDR gab fünf, der SWF gab fünf und die Zeit gab fünf.

Das waren 55.

Mit Miete und Fotomaterial brauchten sie 75.

20 fehlten immer.

Und die Reise.

Irma erwartete auch 10 an Honoraren.

Und der Stern bezahlte ihr 5 Vorschuß.

Aber dann müßte Jäcki ran für den Text

Fehlten immer noch zehn.

Außerdem wollte Jäcki für den Stern nicht schreiben.

Für die Zeit, das ging gerade noch.

Schon den Spiegel lehnte er ab.

Aber den Stern?

Jäcki konnte sich denken, was die für einen Text erwarteten

Und den wollte er nicht schreiben.

Also fehlten wieder fünfzehn.

Jäcki rief den Spiegel an.

Nicht den Herausgeber, nicht Augstein, den er von Parties bei Rowohlt und Raddatz kannte, mit dem er sich über die Schwulenpolitik des Spiegel stritt, Augstein, der ihm hübsche Sachen zu seinen Texten auf der Gruppe 47 sagte und bei Raddatzens Kaviar.

Jäcki rief auch nicht Gauß an, den neuen Chefredakteur, der sein Chefredakteur im Südwestfunk gewesen war, Jäcki wollte ja nicht als Dichter eine Kolumne im Spiegel schreiben, für Dichterlohn,

also 2.

Jäcki wollte für 5, als Reporter, wenn schon, über ganz Brasilien was los werden, für zehn wenn schon denn schon.

Jäcki rief den Chef des Auslands an, den blassen Dr. Wild und der sagte gleich ja und war auch einverstanden mit den 10

Und einen gezeichneten Aufsatz

Und Fotos von Irma

Und Jäcki konnte dem Stern no sagen, die ihn hatten schlucken wollen, einkaufen im Dutzend billiger, in Tüte oben auf.

Aber für Irma als Fotografin war natürlich der Stern besser.

Zehn Doppelseiten Fotos oder so.

Irma als Fotografin genannt.

Eine Fotografin die der Stern bezahlte.

Seit Life tot war galt der Stern als beste Illustrierte der Welt. Hatte Irma mit dem Stern um Jäckis Hoheitsrechte gerungen rang Jäcki mit dem Spiegel um Irmas.

Und es ging ein endloses Telefonieren und Rückgerufe los, zwischen Geschäftsleitung und Verleger und schließlich sagte der Justitiar daß der ganze Spiegel Jäcki bewundere, weil er so tough sei, der Justitiar sagte tough.

Jäcki meinte halbjüdisch, ich bin nicht tough, ich will daß Irma als Fotografin genannt wird.

Das ist selbstverständlich

Im Spiegel ist das nicht selbstverständlich.

Wild rief noch mal zurück und teilte mit, wie sehr der Herausgeber, mit Hasch Aspiré, sich freue, daß nun alles im Kasten sei.

Jäcki fühlte sich als politischer Publizist

Es fehlten immer noch fünf.

Dulu gab drei

Und Jäcki hatte ein Wiederholungshonorar vergessen.

Sie konnten also fahren

Und feierten Abschied mit Peter bei Austern bei Cölln.

Aber Peter hatte was durcheinander gekriegt, weil seine Freundin mit einer Veronalentziehungskur im Krankenhaus lag

Und Peter kam ganz aufgelöst an.

Die Austern waren warm.

Im Taxi rechnete Jäcki alles noch mal durch und er vergaß die fünf von der Zeit, er fühlte so etwas wie einen warmen Waschlappen im Nacken und wollte schon umkehren, aber dann rechnete

er noch mal und beruhigte sich.

So unordentlich waren Irma und Jäcki noch nie weggekommen.

In Frankfurt Leibesvisitation wegen Flugzeugentführungen

Marlon Brando hatte auf dem Flughafen in Miami gesagt

Ist das der Flug nach Havanna als er das Flugzeug nach New York bestieg.

Hans Magnus Enzensberger hatte einen Sicherheitsbeamten des FBI geohrfeigt.

Reinhard Lettau verbrannte eine Bildzeitung.

Jäcki sieht Tanger unten liegen, Rabat, Agadir

Den Sumpfgeruch in Dakar kannten sie schon.

Jäcki nimmt Baldriparan gegen die Angst.

Irma Valium.

Jäcki findet das übertrieben.

Jäcki schläft sogar.

Am Morgen wieder die Türmchenwolken, Zuckerhut wieder, wieder die Pfahlbauten von oben, Schlieren von Öl in der Bucht von Guanabara

Rios Geruch nach Sumpf und dem anderen Benzin.

Jesus Christus des Aznavourepigonen, der jetzt weniger meckerte und einen Namen hatte, Roberto Carlos.

Jesus Christus, ja, Glauben wurde Mode.

Wieder das Bambuswäldchen.

Wieder Hansen-Bahia.

Ein feines Haus im Kokoswald am Strand

Mit feinen Leuten zum Silvesterabend.

Lauter lesbische Konsulatsangestellte, die sich an Irma ranmachen.

Der Herr von Magirus.

Ein holländischer Fabrikant.

Ein US-Diplomat.

In einen solchen Kreis begibt man sich hinein, denkt Jäcki, wenn man nach 45 in den Hungerjahren als Holzschneider

in der Nachfolge von Grieshaber in die Neue Welt aufbricht

und sich nach der Stadt Bahia de Todos os Santos

Hansen-Bahia nennt.

Mit äußerstem Geschmack eingerichtet

Große runde Teppiche aus Affenfell von Haile Selassie.

Pergamentbilder aus Äthiopien – aber die guten, die frühen.

Heiligenstatuen aus Brasilien.

Umbistische Votivgaben aus dem Amazonas.

Mit Kachelbruch das Bad ausgelegt

Und das Schlafzimmer ein Wunder aus Tüll.

Es ist das geschmackvollste Haus, das Irma und Jäcki auf Fahrten für Domus und Schöner Wohnen entdecken konnten.

Erlesenheiten aus drei Kontinenten.

Unten das Druckerzimmer.

Groom und Diener und Chauffeur, Stinktiere Affen und eine Volière

Steht das ganze auf den großen Grafiken des Meisters, die in Brasilien und Brasilia gut weggehen und jetzt auch in Hamburg bei Commeter und von der Höh weil sie von Hansen-Bahia aus Bahia kommen.

Jäcki gelingt es nicht etwas Freundliches dazu fallenzulassen.

Ihn überfällt aus den auf kostbares Papier gedruckten Grafiken der ganze Horror der schlechten Jahre.

Alle die Grimms und die Hofer und die Pechsteins und die Grieshabers und die Rottluffs, Jäcki wurde ganz melancholisch davon, war nicht einmal durch Affenteppiche von Haile Selassie aufzuhelfen.

Der erstickende Himmel von Hamburg klebte auch an der Druckerschwärze von Hansen-Bahia in Bahia.

Und er war ein Gegner gewesen.

Rosa, wie er sich selbst nannte.

War doch rausgegangen.

Verkehrte im Puff.

Sprach Französisch.

Aber die lieblosen Leiber auf seinen Holzschnitten wurden nicht davon beflügelt.

Die Stilisierungen der Gesichter, der Hände, Schenkel, Hoden schienen Jäcki zynisch.

Es war Reichsparteitagskunst aus dem Untergrund, wie Nolde, wie Schmidt-Rottluff, dachte Jäcki

Der Widerstand des Gleichen gegen das Gleiche.

Nur die Nationalsozialisten hatten es nicht gewußt, als sie es verbrannten und die Maler wußten es auch nicht, dachte Jäcki

Ungerecht, unberechtigt versimpelnd,

Jäcki – er bewunderte, außer in den Grafiken,

den Geschmack des Grafikers – konnte Hansen-Bahia

nicht ausstehen.

Hansen-Bahia drängte jedem einen Puffbesuch in Bahia auf.

Dem Leiter des Goetheinstitutes, Rolf ltaliaander, Philip Mountbatten, er hätte Goethe in den Puff geschleppt

– Die österreichische Konsulin will durchaus mit mir in den Puff, sagte er.

– Aber ich will nicht.

So redet man, wenn man aus dem Krieg kommt, 1945 mit Rucksack aus Hamburg emigriert und sich für Bahia de Todos os Santos entscheidet.

– Ich bin rosa.

– In Bahia wird gefoltert.

– Was kann ich tun.

– Die Folterinstrumente werden von einer Kaserne in die nächste gefahren.

Und der holländische Fabrikant am Silvesterabend:

– Es ist ganz richtig, daß die Diebe gefoltert werden.

– Mörder, das ist was andres,

– Aber Mörder werden ja nicht gefoltert.

– Wenn ich einen Dieb auf meinem Grundstück sehe, habe ich das Recht, ihn zu erschießen.

– Ich habe den Einbrecher in meinem Haus nicht erschossen, aber ich habe ihn der Polizei übergeben.

– Er hat zwei Tage nichts zu essen bekommen und ist so geprügelt worden, daß er keinen Rücken mehr hatte.

– Der bricht nicht wieder ein.

Hansen-Bahia berichtet weiter von seinen Freundinnen den Nutten:

– Präservative gibt es gar nicht.

– Die haben sowieso alle Syphilis.

– Die Fratres von São Francisco vermieten ihnen die Zimmer.

Der Diplomat:

– Uns Amerikanern werden hier die lächerlichsten Vorwürfe gemacht

– Wenn wir eine Impfkampagne durchführen wird verbreitet, wir wollten die brasilianischen Männer sterilisieren

– Unsere Außenpolitik ist so schlecht weil sich niemand bei uns für fremde Länder interessiert.

– Meinen Sie, vor ein paar Jahren hätte jemand bei uns gewußt, wo Vietnam liegt?

– Rockefeller als Gesandter des Präsidenten der Vereinigten Staaten in Südamerika.

– Wußten Sie, daß Rockefeller ein Drittel der Union Minière besitzt und damit entscheidend am Kongokonflikt beteiligt war?

– Rockefeller besitzt in Venezuela eine Farm, die ist größer als die Kings Farm und gerade eben hat er eine noch größere Farm am Amazonas erworben.

– Ich wußte nicht, daß in Brasilien gefoltert wird.

– Es gibt keinen bewaffneten Widerstand in Brasilien

– Wir könnten das Land besetzen.

– Aber sehen Sie, wir tun es nicht.

Hansen-Bahia:

– Ich sagte der Königin von England . .

– Ich sagte Frau Pferdmenges, dieser Papagei kann auch Arschloch sagen . .

Ich sagte Botschafter von Holleben . .

Und langsam gegen Mitternacht geht sie auf, aus den Gesprächen, den Whiskys den Affenteppichen, den Druckerpressen steigt sie auf

A Familia Bahiana.

Der Dichter, der Sänger, der Grafiker der deutsche, der Politiker, die von einer neuen Kultur schwärmten in der neuen Welt und Pierri, der mysteriöse Pierri, der reiche, der Fotograf Pierri, der Hansen-Bahia auf die Ilha de ltaparica mitnahm auf der Suche nach den Totengöttern, den Egungun, den redenden Staubsaugern mit ihren vergifteten Fransen.

Pierri, an den niemand herankommt.

Pierri, von dem niemand weiß wo er wohnt.

– Auch Sie nicht, sagt Hansen-Bahia zu Jäcki von der antizipierenden Rachsucht des Deutschen gegenüber dem Deutschen im Ausland

– Auch Sie kriegen nicht raus, wo er wohnt.

– Und selbst wenn.

– Sie empfängt er gar nicht.

Überall wo Jäcki hinkam Pierri.

Jäcki mietete ein halbfertiges Haus nicht weit vom Strand.

Pierri

Kennen Sie Pierri.

Beim kommunistischen Dichterfürsten mit Dienstboteneingang:

– Waren Sie schon bei Pierri.

– Beim erblindeten Dom Clement im Museum Sakraler Kunst:

– Zu Pierri sollten Sie gehen.

Im Folklore Restaurant, wo Sartre an der Wand hängt:

Pierri

Im Novo Continental

Wo Sartre nicht hinkam.

Wo die Priester des Candomblés ihren Namenstag feiern bei Siri Molé, Vatapá, Efó, mit afrikanischem Öl

Azeite de Dendé

Pierri

Im Goetheinstitut.

Djalma, der linke Caboclo:

– Was wissen Sie von den Religionen der Schwarzen.

– Das können Sie nicht beurteilen.

– Beurteilen kann ich es nicht, sagt Jäcki.

– Aber ich kann es sehen, hören, riechen

– Ich kann sie anfassen.

– Und ich kann die Kraft sehen, die Schönheit, die Fröhlichkeit, die Pop Art der Armen, das kam mal von Popular Art, ihre Revolution kann ich wohl sehen

Die Oberfläche genügt mir. Die Anordnung der Materialien am Hafen.

Ich will keine Inhalte.

– Sie werden gar nichts erkennen. Wenn Sie nicht drinnen in ihrem System sind.

– Ich kann mit ihnen ficken

Das erschreckt den fortschrittlichen Leiter des Goetheinstitutes doch.

– Sie wissen gar nichts, wenn Sie mit einem ficken.

– Ich will am Blutbad teilnehmen.

– Das weiß ich, wenn wir das Blutbad nicht haben, haben wir gar nichts.

– Sie kriegen das Blutbad eh nicht.

– Und selbst wenn.

– Wenn Sie sich nicht einweihen lassen, wissen Sie gar nichts.

– Wenn sie Ihnen nicht das Gehirn reinradieren, wissen Sie gar nichts.

-Wenn ich mein Gedächtnis auslöschen muß, um was zu erinnern.

– Ich werde mich nicht einweihen lassen.

– Ich will die Standpunkte nicht verwischen. Kein Anbiedern.

– Ich beobachte.

– Ich schreibe.

– Wenn Sie nicht teilnehmen, können Sie nichts wissen.

– Wenn ich teilnehme verliere ich mein Gedächtnis sagen Sie, und ich darf nicht mehr schreiben.

– Sie haben keine Ahnung.

– Gehen Sie zu Pierri.

Rosenberg der Fotograf hatte angeblich 1000 Dollar für das Blutbad bezahlt.

– Sie werden es nie schaffen, gehen Sie zu Pierri.

Jäcki besucht die Kirche des Heiligen Franz.

Die Bruderschaft besitzt die Absteigen am Pelourinho

Der den Vögeln predigte.

Statt den Blumen des Feldes, Vergißmeinnicht, Veilchen, Iris Maiglöckchen eine Wand aus Gold. Ein goldenes Kirchenschiff.

Der ganze Raum funkelt auf unter barockem Gewürm.

Eingeweide, die zu Gold erstarrt sind.

Pierri

Auch der Kirchendiener redet von Pierri

Pierri Pierri

Ewig Pierri

Pierri kam ihm vor wie der Papst.

Der schwarze Papst.

Der Weiße als Papst im schwarzen Rom.

Da wird es Jäcki zuviel und um den ewigen Pierri loszuwerden entschließt er sich, ihn aufzusuchen.

Er geht zum Touristenbüro.

Der Mann zittert ein bißchen, ehe er ihm die Adresse aushändigt.

Jäcki nimmt ein Taxi.

Geht den Favelaberg hoch .

Erste rechts.

Er steht vor der Gartenpforte

Ruft zwei Mal.

Es war überhaupt nicht schwer.

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