Vor allem wollte Jäcki in Chile wissen, ob ein sozialistisches Regime Allendes, das den hungernden Kindern einen Liter Milch am Tag, den hungernden Schwulen ihr Achtelchen Sahne zubilligte, oder ein Sechzehntel.

Denn Jäcki, der sich in diesen zwei Monaten zum Sozialismus entschied, einem sehr eigentümlichen Sozialismus gewiß, da der orthodoxe philosophische ihm täglich durch Bevölkerungsexplosion und Technokratie – auch marxistischer Technokratie widerlegt wurde.

Wie sollte man angesichts des Eisgebirges an den stetigen Fortschritt der Menschheit glauben? Jäcki war nicht bereit, die eine Revolution, die gegen Christentum und Idealismus für die andre gegen den, wie heißt es Imperialismus, zu verraten.

Nein, Jäcki gab als Schwuler vor dem Sozialismus nicht klein bei. Nach jedem Interview mit einem Mitglied der Regierung Allende ging er in eines der Dampfbäder mitten unter die Glieder des Volkes von Santiago de Chile

Ins Catedral. Ins Las Delicias, wo man unten unter indianischen Arbeitern duschte und sich oben zu Partouzitas traf

Décadents mit Eselsschwänzen und dazu immer ein junger Indianer mit einem andinen Götterarsch, der sich klagend von allen ließ.

Es war eines jener Etablissements, das durch hohe Komplizenschaften zu jeder Zeit, überall eine jede Revolution überstehen würde.

Denn die Schwulen, das war Jäckis Überzeugung, sind die älteste Revolution, die permanente, die nie überwunden wird

Eines Tages brachte eine Art Bildzeitung die Schlagzeile: Die verhafteten Tunten sind. Und die ganze Titelseite voll mit ausgeschriebenen Namen und Adressen, und Berufsangaben. Jäcki legte es dem Justizminister auf den Tisch.

Ist das die neue Sexualpolitik der Regierung Allende.

Um Gottes willen, nein, ein durchgedrehtes Massenblatt. Jäcki legte es dem Landwirtschaftsminister Chonchol auf den Tisch, der unter einem schönen, grauen, trostlosen Stadtbild von Bernard Buffet die Agrarreform ausarbeitete.

Ist das die neue Sexualpolitik der Regierung Allende?

Um Gottes willen, nein, sagte Chonchol.

Ein orthodox kommunistisches Massenblatt.

Sie wissen, Allende war nicht der Präsidentschaftskandidat der Kommunisten.

Das war Pablo Neruda.

Und Jäcki hatte das Blatt auch beim Interview mit Allende mit.

Und wenn Allende nicht weggemußt hätte –

Seine Tochter kam rein und flüsterte ihm eine sozialistische Katastrophe ins Ohr.

Ist es die Tochter, die in Havanna Selbstmord beging?

Wo beging die Schwester von Allende Selbstmord? Jäcki hatte auch am Präsidentenkamin die Frage nach der

neuen Sexualpolitik gestellt. Jäcki hatte Vertrauen zu Allende.

Er hätte sich von ihm eine Hepatitis behandeln lassen. Jäcki wußte nicht, wo bei dem beunruhigten gemütlichen Mann, der nett zu Jäcki und Irma sein wollte die Masken aufhörten

und das empfindende Fleisch begann.

Auf jeden Fall war die Mimik gut eingearbeitet

Und Jäcki wußte: Allende wurde nicht gestürzt aus einem Mangel an List.

Eher aus einem Zuviel an Ruse. Jäcki erinnerte die erste Pressekonferenz

Alle die Löwen der Meinung der Welt saßen da.

Die Korrespondenten der Monde, der N.Y.T., der Prawda.

Ausgeleuchtet von der nationalen, sozialistischen Television durch sexige junge Techniker, die alle einen Vollbart trugen.

Jäcki fürchtete in einem Meer von Kompetenz die Besinnung zu verlieren.

Dann kam Allende, mit einer präsidentialen Atlasschärpe, die etwas zu breit war.

Schweigen

Der Regierungschef des dürren Zipfelchens Südamerikas, das sie alle so ärgerte, die USA, die UdSSR, ja China und die Bundesrepublik, so furchtbar ärgerte, wie ein Hühnerauge, saß da und die Haie der Weltpresse starrten ihn an.

Pressechef Jorquera wurde sehr nervös und fing an mit beiden Armen zu wedeln, um einen Sturm der Neugierde zu provozieren, der fehlte

Jäcki stellte sich nach weiteren drei Minuten Leere vor und fragte

Nach Pressefreiheit.

Eine würdevolle, nichtssagende Floskel.

Jorquera wedelte weiter.

Immer noch Leere

Jäcki fragte nach der Duldung gegnerischer Literatur – im Hinblick auf Cuba

Allende etwas gereizt bleibt allgemein.

Wedeln

Nichts.

Jetzt Jäcki was er wirklich meint.

Und Borges

Allende wütend:

Chile sei seit mehreren Jahrhunderten eine literarische Nation

Und jetzt wollte er darüber nicht länger reden.

Na, dann ist es ja gut, dachte Jäcki

Ich wollte ja bloß deine Pressekonferenz retten.

Jorquera wedelte, wedelte, wedelte.

Aber Jäcki hatte sich so gesetzt, das es aussah, als vertiefte er

sich in seine Akten und könne Jorqueras Wedeln nicht mehr wahrnehmen.

Die Pressekonferenz wurde aus Mangel an Fragen abgebrochen.

Und ehe Jäcki aus seinen Notizen über Saunen, Parks, Hotels, indianische Gerichte, in der Agrarreform ermordete Samenbullen aufsehen konnte, stand Allende mit seinem Admiral schon neben ihm und entschuldigte sich.

– Off the record.

– So macht man das also.

– Für die Geheimdienste wird der Décadent zusammengedonnert.

– Privat lädt man ihn zur Schmunzelstunde ein.

– Ein Interview für die Zeit?!

– Como no!

Zweimal konnte der Staatschef nicht.

Und Jäcki hatte wieder zwei Nachmittage verloren.

Er ging ohne große Triumphgefühle ins Catedral und in das Delicias.

Die einst blühenden Kinos von Santiago waren wohl doch durch die Titelseite der Bildzeitung eingeschüchtert worden.

Nur an wenigen Ecken im Dustern druckten sich 50 Männer durcheinander.

Wie in Buenos Aires.

Gar nicht, um was zu machen, sondern wohl nur, um sich in einem Menschenknäuel heftig zu empfinden:– Es gibt mich noch!– Wir sind noch da!

Vielleicht war es auch Jorquera, der diese Fallen nach 6 Wochen antichambrieren erfand.

Carlos Jorquera, ein sozialistischer Macho, ein Weltjournalist durch seine Sprache

Santiago, Buenos Aires, Cuba, Mexiko, Madrid. Die Philippinen!

Ein Sensationsjournalist, der es zum Regierungssprecher gebracht hatte und jetzt die Kollegen gängeln konnte – und gar die aus der Bundesrepublik!

Das dritte Mal wartete Jäcki und machte noch eine Probe mit dem Cassettenrecorder

Der blieb stehen.

Carlos verließ angeekelt den Raum.

Von jeder Pore Jäckis sah ein Auge auf Jäckis Fingerspitzen.

Er nahm tief Luft.

Und zerlegte den ganzen Recorder.

Noch eine Probe.

Er ging.

Jäcki und Irma wurden zum Präsidenten gerufen.

Carlos Jorquera war verschwunden.

Aber Jäcki sollte ihn Wiedersehen.

In ein paar Jahren

Flughafen.

Venezuela.

Carlos Jorquera hatte monatelang im Konzentrationslager gesessen.

Seine Familie,

Seine Mutter.

Er war ausgetauscht worden, schrieben die Zeitungen.

Er stand allein am Flughafen

Jäcki und er umarmten sich.

Carlos umarmte ihn heiß.

Sie weinten lange aneinander.

Dann sagte Jäcki:

Ich besitze nichts – außer meinem Kredit.

Und er händigte Carlos seine American Express Karte aus.

Das wies Carlos zurück.

Er war wieder ein gejagter, jagender Journalist geworden.

Der Pressesprecher, der Leiter des Informationsbüros, das war ganz von ihm abgespellt.

Carlos Jorquera gab Jäcki eines Abends im Parque Central ein Interview.

Hinterher standen sie noch einen Augenblick auf dem Parking

Dann trennten sie sich.

 

– Carlos, die Medien verbreiten, das es keine politischen Gefangenen mehr in Chile gibt, das die Militärjunta den letzten politischen Haftling befreit hat. Ist das wahr? Was bedeutet diese Nachricht?

– Nein, das ist nicht der Fall. Die ersten politischen Gefangenen wurden noch am Tag des Militärputsches gemacht. Vom ersten Augenblick an wurden sie verschieden eingestuft. Ich selbst war politischer Gefangener, Kriegsgefangener, Gemeinverbrecher, Häftling des Ausnahmezustands, derart, daß ich nie wußte, was ich wirklich war, denn wenn ich Kriegsgefangener gewesen wäre, hätte ich mich auf die Genfer Konvention berufen können. Ich kann dir versichern, ich war immer das, was mir am meisten schadete. Diese meine Erfahrung ist die Erfahrung von Abertausenden von Genossen. Ich bin einer der ganz wenigen Überlebenden der Moneda. Es sind vier Jahre seit dem Militärputsch vergangen, und noch immer ist keine Erklärung abgegeben worden, was die übrigen engen Mitarbeiter von Präsident Allende anlangt, die mit ihm in der Moneda waren und die mit mir waren. Niemand hat ein Wort gesagt, was Ärzte betrifft – wie Enrique Paris, Eduardo Paredes, Rodolfo Pincheira, Rechtsanwälte wie Arsenio Poupin, so angesehene Nationalökonomen wie Jairne Barrios etc. etc., und sie haben auch nicht gesagt, wo ihre Körper begraben wurden, wenn sie sie überhaupt begraben haben – und das seit dem 2. September 1975. Bei der grenzenlosen Fähigkeit zur Lüge, die die Junta auszeichnet, ist es nicht erstaunlich, das sie behaupten, es gebe keine politischen Gefangenen mehr. Und Erich Schnacke, der sozialistische Senator, der mit uns auf der Isla Dawson war?

Und der Rechtsanwalt Carlos Lazo? Ich könnte dir Tausende von Namen geben, von Genossen, von denen wir nicht wissen, wo sie sind. Diaz Yturrieta von der Kommunistischen Partei, Mario Zamorano, der Professor Fernando Ortiz, Ponce, Lorca, Lagos, von der Sozialistischen Partei. Wo sind sie? Wir Exilchilenen haben lange Listen von Verschwundenen den Vereinten Nationen übergeben. Wo sind unsere Genossen? Die 119, die

die Militärjunta in Argentinien verschwinden lies? Wo sind sie? Bernardo Araya, ein Gewerkschaftskampfer, von mehr als 70 Jahren. Wo ist Bernardo Araya? Wo ist die Frau von Bernardo Araya? Wo sind die Söhne von Bernardo Araya? Die Enkel von Bernardo Araya?

Eine Junta, die zum Mord fähig ist, die Leichen verschwinden läßt, ist wohl auch imstande, eine so große Lüge zu formulieren und zu behaupten, es gäbe keine politischen Gefangenen mehr in Chile. Mein ganzes Land ist ein Gefängnis. Alle, die keine Parteigänger der Junta sind, leben als politische Gefangene.

– Ist es dir möglich, von deinen Erlebnissen in den Lagern der Junta zu berichten?

– Ich wurde zahlreicher Verbrechen angeklagt: Waffenschmuggel, Rauschgiftschmuggel, Spionage für Fidel Castro, Spionage für die Sowjetunion, ich weiß nicht, ob sie mich nicht auch der Spionage für Venezuela anklagten – in offiziellen Publikationen, in Chile sind alle Publikationen offiziell, denn es gibt keine Pressefreiheit – mit Fotos, Fetzen von Briefen, die meine Teilnahme an antidemokratischen Verschwörungen demonstrieren sollten. Sie klagten mich an, Häuser zu besitzen, Villen. Ich betrat dieses Land, Venezuela, 1975 mit drei Dollar; das war mein ganzer Besitz, nach 50 Jahren Journalismus – sie konnten mir nichts beweisen, denn da gab es nichts zu beweisen. Sie behaupteten das gleiche von den Genossen, bezichtigten sie des Raubs, des Diebstahls; sie konnten ihnen nichts nachweisen, denn nichts davon stimmte. Unser Lebensstandard als Beamte der Regierung hatte sich wesentlich verschlechtert im Vergleich zu unserem Lebensstandard vorher – in dieser Hinsicht halt jeder von uns den Vergleich mit jeglichem Mitglied der Junta aus. Herren, die vier, fünf Villen besitzen! Wie viele Mitglieder der Junta haben sich Haciendas in Paraguay gekauft! Wieviel Geld haben sie aus dem Land gezogen und auf Schweizer Banken deponiert! Sie besitzen die modernsten Wagen. Das ist das Leben der Herren, die sich als Päpste der Tugend und Reinheit ausgaben. Das Volk hat in diesen Jahren lernen können, wer wir waren und wer sie sind.

Und Präsident Allende haben sie drei Päckchen Zimt vorgerechnet.

– Welche Foltern gab es in den Lagern der Junta?

– Ich hatte das „Glück“, als einer der Hierarchen des Marxismus eingestuft zu werden. Armer Marx! Die wichtigste Folter uns gegenüber bestand darin, uns vor den 200, 500, 400 einfachen Genossen in erniedrigenden Situationen zu zeigen, einen Exminister, einen Vizepräsidenten der Republik, einen Generalsekretär einer Partei, den Rektor einer Universität zu einer erbärmlichen Plackerei zu zwingen und zu sagen: Das waren eure Führer!

Ich möchte nicht von der herkömmlichen Folter sprechen, von den Stromstößen an den Genitalien, das weiß jeder, da ist jeder durchgegangen. Ich spreche von einem anderen Typ von Folter: Wir hörten drei Monate nichts von unseren Familien. Sie simulierten Erschießungen, Kämpfe zu welcher Stunde der Nacht immer. Es handelte sich um einen Plan, uns moralisch zu degradieren, denn sie wußten, daß die vulgäre Folter uns festigen würde, anstatt uns zu zermürben.

Nach der Isla Dawson hielten sie mich in einem Verlies. Ich kann nicht sagen, wie lange. Ich sprach mit niemandem. Ich hatte zwei Meter, um mich zu bewegen. Ich wußte nicht, war es Tag oder Nacht. Ich wußte nicht, wo ich mich befand. Ich wurde in ständiger Angst gehalten. Sie wollten mich in einen Fetzen verwandeln, um mich beliebig beschuldigen zu können. Ich hatte ja nicht einmal die Möglichkeit, einen Rechtsanwalt zu Rate zu ziehen.

Sie unterzogen uns einer wissenschaftlich ausgeklügelten Folter. Die Ernährung – wie uns ein Arzt, der mit uns gefangen war, feststellte, Dr. Edgardo Enriques Froedden – war darauf ausgerichtet, unseren Willen zu schwächen. Es wurden Erfahrungen angewendet, die in anderen Konzentrationslagern gemacht worden waren, besonders in Deutschland – es scheint sich um einen Potassiummangel zu handeln. Einen befällt eine Sucht zu urinieren, Tag und Nacht.

Auch mußten wir den ganzen Tag über, ohne Ruhepause rennend, Säcke mit Steinen schleppen. Die meisten von uns hielten stand, ich war unter denen, die am wenigsten standhielten. Ich fiel oft. Physisch hielt ich nicht stand. Moralisch doch.

– Wie steht man das durch? Was empfindet man dabei?

– Es gibt kein Rezept. Es hängt sehr vom Gemütszustand ab. Ich hielt durch, was ich durchhalten konnte. Vielleicht hatte ich anders nicht durchgehalten. Sie haben meine Tochter nicht in meiner Gegenwart vergewaltigt. Ich kann nicht sagen, ob ich da standgehalten hätte und sie mich dann meinem Volk als Denunzianten und Verräter hätten hinstellen können.

Wir haben auf der Isla Dawson viele Psychopathen kennengelernt. Offiziere, die mit Granaten vor unseren Tellern standen. Wir dachten nur: Wenn wir sterben, sterben wir. Jetzt müssen wir essen. Offiziere, die uns mit dem Löffel das Maschinengewehr in den Mund stießen: Offiziere, keine Soldaten. Es gab auch Mormonen unter den Offizieren, die uns nachts bilden wollten und die Psalmen mit uns lasen und uns segneten und die uns sagten: Bei der geringsten Bewegung schießen wir euch nieder. Aber ich bin sicher, genauso, wie ich mich an diese Psychopathen erinnere, werden wir nie einige menschliche und zivilisierte Gesten von anderen vergessen, die auch Uniform trugen. Es gibt immer Menschen, die anders sind.

– Hat es Folter unter den vorhergehenden Regierenden gegeben, unter Allessandri, Frei und Allende?

– Die Folter war in Chile praktisch unbekannt. Ich erinnere mich sogar, als La Gangrène von Henri Alleg erschien, ein Buch, das von der Folter während des Algerien-Krieges handelt, sagte man in Chile: Wie entsetzlich! Wie grauenvoll. Welch ein Glück, das es bei uns niemals so etwas geben wird.

Nun, es gab schlechte Behandlung, Brutalitäten üblicherweise den Gemeinverbrechern, den Gaunern gegenüber auf den Polizeiwachen. Die engsten Mitarbeiter Allendes unternahmen seit dem Beginn der Regierung der Unidad Popular die größten Anstrengungen, damit auch dem schlimmsten Verbrecher gegenüber keine Folter angewendet wurde. Wir hatten einen neuen Menschen zu formen, mit neuen Worten und, logischerweise, kein Revolutionär kann ein Folterknecht sein. Ein Folterer steht auf der letzten Stufe der menschlichen Unwürdigkeit und niemals kann ein Folterer unser Genosse sein. Niemals. Die Folter als eine vorbedachte Sache, die demjenigen, der sie ausführt, Vergnügen bereitet, ist das unseligste, das die menschliche Art hervorgebracht hat. Unsere Regierung unternahm Anstrengungen, um solche Polizeipraktiken auszurotten, als politisches Mittel gab es die Folter nicht. Unter der Regierung Allende gab es keine politischen Gefangenen, niemals, der größte Teil des Parlamentes, der gegen uns war, wäre sonst inhaftiert worden und der größte Teil der Journalisten.

– Wie erklärst du dir, daß plötzlich aus einem so menschlichen und so kultivierten Volk, wie dem chilenischen, eine ganze Maschinerie der Folter hervorgehen kann, eine Armee von Folterknechten und Mördern?

– Das ist eine der große Fragen, die wir Chilenen uns stellen und auf die wir keine Antwort haben. Ich habe bis jetzt noch niemanden getroffen, der darauf eine Antwort gehabt hatte. Wenn man die Folter in Chile betrachtet, hätte man Lust, seine Zugehörigkeit zum chilenischen Volk zu verleugnen. Glücklicherweise gibt es eine große Anzahl von Chilenen, die sich dagegen auflehnen, die dagegen ankämpfen. Wir machten sehr, sehr schmerzliche Erfahrungen und wir wünschten, den anderen Völkern begreiflich zu machen, das kein Volk immun gegen den Faschismus ist. Diese Erfahrung machen wir unter vielen Schmerzen. Von diesen Greueln wird sich Chile nie mehr erholen. Ich habe nie eine Erklärung dafür gehört oder gelesen. Und es kann dafür keine Erklärung geben.

– Im Augenblick wird viel von den Menschenrechten gesprochen. Du bist Politiker. Du kennst die Mechanismen der Macht. Welche praktischen Möglichkeiten siehst du, die Regierungen dazu zu bewegen, daß sie nicht foltern, morden, Konzentrationslager unterhalten?

– Es scheint mir, daß rein rhetorische Erklärungen zu nichts führen. Pinochet wird daraufhin nicht aufhören zu foltern und zu morden, Präsident Carlos Andres Perez von Venezuela hat vor kurzer Zeit eine Formel vorgeschlagen, die mir adäquat zu sein scheint. Es sollte ein übernationaler Organismus geschaffen werden, der die Menschenrechte in den einzelnen Ländern kontrolliert und Strafen über diejenigen Länder verhängt, welche die Menschenrechte verletzen, nicht allein moralischer Art, sondern auch im Rahmen der Wirtschaftsbeziehungen. Ich glaube, ein wirksames Mittel, um die Foltern in Chile zu beenden und um das Verschwinden von Menschen zu beenden, was ein größeres Problem darstellt als die Foltern, heißt, die Junta ökonomisch zu blockieren .. Die Junta in Chile hält sich nur aufgrund ausländischer Hilfe. Die Produktion im Lande, so schätzen die konservativen Fachleute, ist auf ein Niveau von vor 50 bis 40 Jahren zurückgefallen.

Der Putsch von Pinochet war die Folge einer ausländischen Intervention. Wir verlangen, daß die ausländischen Interventionen in Chile aufhören. Pinochet erhält mehr Geld von den USA als Allessandri, Frei und Allende zusammen. Das ist eine unverschämte, offene, beweisbare Intervention. Wir haben bewiesen, daß die USA die Urheber des Militärputsches waren. Wir machen einen Unterschied zwischen der Administration Nixon-Kissinger und der Administration Carter-Vance. Wir wissen, daß es einen Unterschied gibt. Wir sagen Carter: Intervenieren Sie nicht länger! Wenn Sie in Ihren Aussagen über die Menschenrechte konsequent bleiben wollen. Intervenieren Sie nicht länger! Lassen Sie Ihre Hände von unserem Land! Und wir Chilenen werden die Probleme in unserem Land selbst regeln.

Die USA finanzieren die Politik der Junta, und Carter kann das nicht ignorieren, denn wir haben es mit konkreten, offiziellen Fakten belegt vor der Regierung, vor dem Weißen Haus, vor dem State Department. Die USA wissen, was sie Pinochet am Tag kostet. Sie kritisieren Fidel Castro, weil er täglich eine Million Dollar von der Sowjetunion annimmt – ich muß Fidel Castro nicht verteidigen, Fidel Castro verteidigt sich selbst –, aber ich sage den Nordamerikanern: Pinochet kostet dreimal mehr; er kostet die USA drei Millionen Dollar am Tag.

– Es gibt verschiedene Versuche der Selbstkritik von Mitgliedern der Unidad Popular. Was waren deiner Meinung nach die großen Fehler der Unidad Popular und der Regierung von Allende?

– Ich mus erst einmal sagen, daß ich kein Militant der Unidad Popular bin. Ich kämpfe für keine Partei. Ich war ein enger Mitarbeiter des Präsidenten Allende nach einer Freundschaft von mehr als 20 Jahren. Klar, wir haben viele Fehler begangen. Alle Regierungen begehen Fehler. Sicher, unsere Fehler waren besonders groß. Es ist uns bewußt, das die letzten Monate der Regierung des Präsidenten Allende sehr gespannt, sehr hart waren. Und die Leute sind umnebelt von diesen letzten Monaten. Aber es wird vergessen, das wenigstens die ersten zwei Jahre der Regierung des Präsidenten Allende die besten Jahre waren, die das Volk in der Geschichte Chiles erlebt hat. Das Volk fühlte sich würdiger, es war heiterer, es hatte eine offene Zukunft. Die ganze Würde der menschlichen Persönlichkeit wurde respektiert. Es gab keine politischen Gefangenen, keine Pressezensur, keine Verfolgung. Das sage nicht ich allein, das sagen alle Ausländer, die damals in Chile waren. Dies Beispiel bezauberte die Welt. Ein winziges Land, wie das unsere, das sich in ein Leuchtfeuer verwandelte, dessen wichtigstes Fundament die menschliche Persönlichkeit war. Klar, wir haben Fehler begangen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß der Kampf, um Allende zu Fall zu bringen, bereits begann, ehe er an die Machte gelangt war und von seiten des mächtigsten Gegners, den es gibt, von seiten des CIA. Die Leiche des Generals Schneider ist Zeugnis für das, was ich sage. Unter diesen Bedingungen hielten wir drei Jahre aus. Drei Jahre.

– Sowohl bei der Rechten als auch bei der Linken gehört es zum guten Ton, Allende als politisch, taktisch unfähig hinzustellen ..

– Welcher andre Politiker hatte das Geschick und die Fähigkeit besessen, unter solchen Bedingungen drei Jahre an der Macht zu bleiben? Auch hatten wir die große Masse des Volkes auf unserer Seite. Deshalb wurde uns der Krieg erklärt, deshalb wurden unsere Genossen massakriert, deshalb wurden wir bombardiert, deshalb wurden unsere Streitkräfte in eine Besatzungsarmee im eigenen Lande verwandelt, die das eigene Volk erniedrigen mußte – das letzte, das elendste, zu dem man Soldaten zwingen kann. Diese Situation dauert an. Wo gibt es ein Regime auf der Welt, das in Friedenszeit den Ausnahmezustand und die Polizeistunde mit Ausgehverbot aufrechterhält. Die des Marxismus Verdächtigen sind im Exil oder ermordet. Eine Million Chilenen leben außerhalb des Landes, zehn Prozent der Bevölkerung.

Aber ich will einer Frage nicht ausweichen. Welches waren unsere größten Fehler? Es fehlte an Koordination, was die ökonomischen und die politischen Ziele anlangt, und das schuf eine politische Isolierung – keine soziale, denn wir hatten immer die Mehrheit des Volkes auf unserer Seite, aber die politische Isolierung, die uns die Mehrheit im Kongreß kostete, in den Tribunalen, in den Kontrollinstanzen, die Mehrheit in den Organisationen des Establishments. Es fehlte an Einigkeit, die alltäglichen Details anzugehen.

Ein anderer großer Fehler war, das wir die Streitkräfte für unantastbar hielten und für ein Element der Mäßigung den Putschversuchen gegenüber, die es ja schon immer in Chile gab. Auch da irrten wir uns. Wir haben unsere Irrtümer sehr teuer bezahlt. Aber auch jetzt, im Exil, herrscht keine politische Einheit, wie sie unter allen antifaschistischen Kräften herrschen sollte.

Es gibt immer noch Leute, die streiten darüber, ob die Junta faschistisch sei oder nicht. Vielleicht irre ich mich, aber das ist mir egal. Wichtig ist mir, daß sich so viele Kräfte wie nur möglich, in Uniform und ohne Uniform, vereinen, um diesen faschistischen Krebs – sie nannten uns den marxistischen Krebs – in Chile auszurotten.

– Es gab eine Fraktion der Linken, die der Regierung der Unidad Popular vorwirft, das Volk nicht bewaffnet zu haben, und darin den Grund für den Sturz Allendes sieht.

– Diese Meinung wurde auch oft im Exil vertreten und ich habe immer darauf geantwortet: Wie soll man ein Volk bewaffnen, mit welchen Typen von Kanonen, mit welchen Typen von Panzerfäusten? Ich kann mir den Präsidenten Allende schlecht vorstellen, wie er durch das Land fährt und vom Lastwagen aus fragt: Genossin, welchen Typ von Maschinengewehr hättest du gerne? Hast du einmal eine Panzerfaust abgeschossen?

– Nein.

– Die Genossen glauben, daß es damit getan ist, Pistolen und leichte Maschinengewehre zu verteilen. Was nutzt das gegen eine disziplinierte und trainierte Armee? Waffen zu haben, ist etwas anderes als Waffen zu gebrauchen. Und außerdem, wie sollten wir die Waffen verteilen, über die Gewerkschaften, über die Parteien, über die Pfarreien? Was für Waffen? Wie sollten wir 500 000 Personen bewaffnen, ohne daß die Streitkräfte es wußten?

Und ohne das der CIA es wußte.

– Bist du also wie ich der Meinung, daß der Versuch Allendes, das Volk zu bewaffnen, innerhalb eines Monats zu einem Bürgerkrieg geführt hätte?

– Nicht mal in einem Monat. Außerdem war es nicht durchführbar. Wir hätten wohl vorgezogen, daß die Waffen in Händen von verantwortungsbewußten Menschen gewesen wären und nicht in Händen von verantwortungslosen. Wünschen ist etwas anderes als durchführen. Wir hätten auch ein gerechteres Regime in Chile gewünscht. Und sieh, was uns zugestoßen ist.

– Welche Hilfen erhielt die Regierung Allende von den sozialistischen Staaten, von der Sowjetunion, von der Deutschen Demokratischen Republik, von Rumänien, Bulgarien etc.?

– Ich möchte mich nicht auf ein nichtkapitalistisches – offiziell nichtkapitalistisches – Land im Besonderen beziehen. Sie haben uns geholfen und wir danken ihnen. Sicher, einige halfen uns eher auf Grund unseres geographischen Standortes denn auf Grund unseres politischen Standpunktes, denn einige helfen auch Pinochet weiter, so als wurden sie sich keine Rechenschaft darüber ablegen, daß die Regierung Allende zu Ende ist. Aber das ist ihr Problem. Erlaube mir, daß ich darauf bestehe: Das chilenische Problem werden wir Chilenen selbst lösen, wenn die fremden Länder es uns erlauben und nicht länger in Chile intervenieren.

– Welche kapitalistischen Länder haben an der chilenischen Erfahrung eines neuen Sozialismus Anteil genommen?

– Unser Experiment, unsere Erfahrung begeisterte jeden, der sich für gesellschaftliche Prozesse interessierte. Viele Vorschläge und Versuche, die Präsident Allende in die Praxis umsetzte, sehe ich heute wiederholt von politischen Führern wie Carrillo in Spanien und Berlinguer in Italien. Wenn ich einige Artikel in europäischen Zeitungen lese, habe ich die Empfindung, als hörte ich Allende. Ich wiederhole: Wir erhielten solidarische Hilfe von den sozialistischen Staaten. Aber wieviel solidarischer, wieviel brüderlicher war die Hilfe von Cuba. Ein kleines Land. Ein Land im Kriegszustand. Ein belagertes Land. Ein Land, das wirtschaftlich blockiert wurde – ich erinnere, welchen Eindruck es auf uns machte, als die 40 000 Tonnen Zucker aus Cuba ankamen. Das war wirkliche Hilfe, das war konkrete Hilfe.

– Wie war die Stellung der Bundesrepublik Deutschland der Regierung Allende gegenüber?

– Wir hatten ausgezeichnete Beziehungen zu allen Staaten. Wir nahmen uns vor, uns nicht in Probleme einzumischen, für die wir keine Lösungen bieten konnten. Es gab Leute, die meinten, wir hätten uns im Nahen Osten für die Arabische Sache stark machen sollen, gegen Israel. Klar, von einem ideologischen Standpunkt aus unterstützen wir die Sache der Palästinenser. Aber wir verteidigen auch die Existenz eines Staates Israel. Was Deutschland angeht, so hatten wir ein gutes Verhältnis zur Bundesrepublik und zur Demokratischen Republik.

– Carlos, glaubst du, daß eine intensivere Zusammenarbeit zwischen der Regierung der Unidad Popular und den bundesrepublikanischen Sozialdemokraten den Sturz Allendes hatte vermeiden können?

– Wie? Durch ökonomische Hilfe?

– Die Bundesrepublik war, glaube ich, der größte Käufer chilenischen Kupfers, das über die Anaconda erworben wurde ..

– Außerdem beschlagnahmte die Bundesrepublik in Hamburg ein Schiff mit chilenischem Kupfer .. Nun, es ist möglich. Klar, eine intensivere Hilfe, nicht nur von seiten der Sozialdemokratie, sondern von allen Antifaschisten. Wieviel größer war aber die Verpflichtung der Länder aus dem sozialistischen Lager, uns zu helfen. Unsere Regierung war sozialistisch und wir haben es gesagt, das wir sozialistisch waren. Die größte Hilfe hatte von sozialistischen Ländern kommen müssen – und sie kam. Aber sie war nicht ausreichend. Sie war nicht ausreichend, auch was die Geheimdienste dieser so entwickelten Länder anlangt. Wußten sie nicht, daß diese schreckliche Verschwörung gegen Chile geplant war?

– Sie wußten es oder sie wußten es nicht?

– Das frage ich. Wenn es Servicios de Intelligencia waren, müssen wir annehmen, daß sie es wußten, sonst wären es Dienste der Dämlichkeit.

– Wie erklärst du dir, daß Nixon, im Augenblick der Annäherung zwischen den USA und der Sowjetunion, es wagen konnte, den Putsch der Generale in Chile zu unterstützen, ohne seine ganze Außenpolitik in Gefahr zu bringen?

– Die Geheimdienste konnten die Intervention des CIA erst nach dem Militärputsch entdecken? War es nicht schon beim Streik der Lastwagenfahrer klar, daß der CIA ihn finanzierte? Wir hatten nicht die Macht, ihn aufzuhalten. Hatten die Großmächte, die sich in wohlbehüteten Sälen zusammensetzen, nicht auch über den Fall Chile verhandelt?

– Die Regierung Willy Brandt hatte große Schwierigkeiten damals, die Ostverträge durchzubringen. Sie benötigte jede Stimme. Auch Stimmen der christdemokratischen Opposition. In diesem Kontext mußte die eilige diplomatische Anerkennung der DDR durch die Regierung Allende als ein wenig freundschaftlicher Akt der Regierung Brandt gegenüber erscheinen. Gab es keine Möglichkeit, daß Chile die DDR später anerkannte?

– Es ist wahrscheinlich. Ich weiß es nicht. Du meinst, es wäre besser gewesen, pragmatischer, angemessener für uns? Aber unsere Regierung hatte auch ihre Prinzipien. Das Problem der beiden Deutschland betraf uns nicht direkt. Ein anderer konkreter Fall: Kuba. Wir, besonders Präsident Allende, wurden heftig kritisiert, daß wir, ich glaube, es war am fünften Tag, daß wir an der Regierung waren, die Beziehungen zu Kuba wieder aufnahmen. Es gab viele „besonnene“Kräfte, die äußerten:„Caramba, wagen Sie sich nicht zu weit vor, übereilen Sie sich nicht.“Nun, für uns waren die kubanischen Genossen eine Prinzipienfrage mehr als praktisches Ermessen. Und als wir die Beziehungen zu Kuba wieder anknüpften, empfanden wir eine große Genugtuung, wir fühlten uns würdig. Diese Würde, dies Gefühl der Erfülltheit erscheint nicht im Steueraufkommen. Eine Regierung kann viel Geld einnehmen, aber der Posten Würde läßt sich nicht in Dollar, nicht in Rubeln, nicht in Mark, in keiner Währung ausdrücken

– Wie verhielt sich die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland den durch die Junta Verfolgten gegenüber?

– Die Regierung der Bundesrepublik schickte eine Delegation auf die Isla Dawson. Das war sehr wichtig für uns. Es hat uns erstaunt. Wir wußten jetzt, wenn sie uns töteten, würden sie uns nicht umsonst ermorden. Unser Tod, unsere Ermordung, unser Verschwinden würde in der Welt bekannt werden, und das ist eine große Befriedigung für einen Gefangenen, der seines Lebens nicht sicher ist. Ich weiß außerdem, daß die Regierung der Bundesrepublik direkt zugunsten vieler Genossen intervenierte, insbesondere zugunsten der Genossen der Radikalen Partei. Wir hörten auch, daß die Genossen der DDR eine wichtige Arbeit in Chile leisteten, um die Junta bloßzustellen; einigen gelang es, die Junta irrezuführen – sie gaben sich als Staatsangehörige der Bundesrepublik aus. Sie haben gefilmt und Dokumentationen über die Foltern und die Konzentrationslager hergestellt. Beide Deutschland haben uns also geholfen, wir haben eine Schuld beiden Deutschland gegenüber, beide waren wirksam und beiden müssen wir danken.

– Es wurde gesagt, daß sich die Botschaft der Volksrepublik China geweigert hatte, den Verfolgten der Junta Asyl zu gewahren ..

– Ich habe genau das gleiche gehört. Ich war nicht Augenzeuge. Aber ich kenne keinen einzigen Genossen und keine einzige Genossin, der von der Volksrepublik China Asyl gewährt worden wäre. Auch scheint mir, daß die Volksrepublik China ausgezeichnete Beziehungen mit der Regierung Pinochet unterhält. Es scheint, als hätte sie nicht wahrgenommen, daß ein Militärputsch stattgefunden hat. Für sie sind chilenische Faschisten und chilenische Antifaschisten dasselbe ..

Viele Länder wollen nicht mit der Junta brechen und verbergen ihre Haltung mit dem Vorwand: Wir sprechen mit der Junta, wir verhandeln wegen der politischen Gefangenen.. Es gibt andere Länder, die weiter wertvolle Dienste leisten: Schweden, Rumänien. Sie öffneten ihre Botschaften und retteten Tausenden von Genossen das Leben. Viele Genossen leben in der Sowjetunion, die Sowjetunion hilft ihnen. Wir sind dankbar dafür. Es wundert uns nicht. Das Gegenteil wurde uns wundern. Für die Sowjetunion empfinden wir Dankbarkeit und großen Respekt.

– Als wir uns im Frühjahr 1975 sahen, berichtetest du mir, Allende habe die Moneda verlassen wollen, um auf der Straße zu sterben. Du hattest ihm gesagt: Salvador, du mußt in der Moneda sterben!

– Allende wollte nicht auf der Straße sterben, es war klar geworden, das es unmöglich geworden war, den Widerstand in der Moneda fortzusetzen. Wir hatten mehrere Stunden gekämpft. Im Gebäude gegenüber, es war, glaube ich, das Ministerio de Obras Publicas, im oberen Stock hörten wir einen Widerstandsherd schießen. Wenn es nun die Möglichkeit gegeben hatte, die Straße zu überqueren, in das Gebäude zu gelangen, um den Widerstand von dort zu leiten, klar. Ich hielt es für unausführbar. Und auch bestand die Gefahr, daß der Präsident als ein Mann betrachtet würde, der den Kampf fliehen wollte. Seine Absicht war nicht zu fliehen, sondern an eine neue Front zu gelangen. Das ging vor. Aber schließlich, wenn man sterben mußte, war es besser, an einem historischen Ort, wie der Moneda, zu sterben – und es geschah, was jeder weiß.

Dieser Plan sollte wie folgt ausgeführt werden: Wir waren in Gruppen hinausgetreten und hätten eine Allee aus unseren Körpern gebildet und Allende wäre schnell in der Mitte hindurchgelaufen. Es war unausführbar, wir wären völlig ungedeckt gewesen. Die Panzer waren in der Straße. Es gab keine Möglichkeit, das auszuführen.

– Wie starb Olivares?

– Ich fand ihn von einer Kugel getroffen im Sterben. Ich nahm die Gasmaske ab, um die Ärzte zu rufen. Der Präsident hörte meine Schreie, er kam herunter, denn wir waren im Erdgeschoß. Der Präsident sagte mir, Augusto habe keine Möglichkeit zu überleben. Ich umarmte den Präsidenten, auch er hatte die Augen voller Tränen. Für den Präsidenten war „El Perro“einer der engsten, loyalsten, uneigennützigsten und entsagungsvollsten Mitarbeiter gewesen. Für mich war er wie ein Bruder. Der Präsident befahl Waffenruhe und bat um eine Minute Stille für Augusto Olivares. Einige Augenblicke später besetzte die Truppe die Moneda.

– Warst du dabei, als Allende starb?

– Ich war einige Meter entfernt auf der Treppe. Es kostet mich viel, darüber zu sprechen.

 

Allende wollte nett zu Jäcki und Irma sein.

Beide waren ihm sympathisch.

Aber die revolutionäre Situation:

Die jedes Plumeau explodieren lassen konnte.

Daß immer Allendes Tochter aus der Portière treten konnte mit Rußland an der Strippe, State Department, Willy Brandt, Peking, Valéry Giscard d’Estaing, Peron, machte, daß Allende seine beunruhigte Gemütlichkeit benutzen mußte, um Jäcki taktisch zu begöschen.

Und so zeigte er ihm Silberbecher, Schiffe, Politikernippes. Auch bei Allende musste Jäcki das tun, was er am meisten haßte – er mußte – wie beim bundesdeutschen Botschafter – die Regeln der Gastfreundschaft verletzen

Und wie der allerletzte Journalist, sein Interview in den Mittelpunkt rücken.

Wahrscheinlich hätte Allende mit ihm lieber über Gabriela Mistral und über Bordeauxweine geredet

Jäcki sprach von den Arbeitern.

Er hatte in den Universitäten gelesen:

Der Arbeiter hat ..

Der Arbeiter muß ..

– Irgendwelche sexige Quickmarxisten, Fils à Papa, der sie bei Marcuse oder Bloch oder Mandell studieren ließ, schüttelten sich schnell Rezeptchen zusammen, was der Arbeiter hat

– Der Arbeiter weiß seit einigen 10 000 Jahren was er braucht, er lebt die Utopie, er bewältigt die Umwelt.

– Der Arbeiter muß.

– Könnten die Fils à Papa nicht vielleicht den Arbeiter fragen, was er möchte?

fragte Jäcki Allende.

Und der listige Bonvivant verstand ihn

Er sollte der einzige Revolutionär sein, der das verstand.

– Da haben Sie recht, sagte er.

Mit einigem Schnaufen bereitete sich Jäcki auf die nächste Frage vor, mit Bildzeitung und Schwulen.

Aber da trat das uralte Verhängnis wirklich aus der Portière.

Die Tochter übermittelte ihrem Vater etwas, das ihn bleich werden ließ.

Noch ein paar Ausleitungsbagatellen über die Osterinsel.

Das Interview war zu Ende.

Vielleicht wäre Allende in die Luft gegangen.

Wie Nyerere

Allende hatte auf einer Wahlveranstaltung gesagt:

Zwei Dinge kann man mir nicht nachsagen, daß ich ein Dieb sei und schwul.

Aber die sozialistischen Studenten, die Jäcki berichteten, lachten nur darüber

Und auch Jäcki beschloß erst noch einmal Fünfe gerade sein zu lassen.

Ließ er zu oft Fünfe gerade sein?

Die Arbeiter der Textilfabriken schenken der Regierung 2 Arbeitstage.

Fünfe gerade.

Die Sonderspur für den Justizminister.

Fünfe gerade.

Die Titelseite der Bildzeitung

Ob Allende den hungernden Kindern noch lange einen Liter Milch zusichern konnte?

Und ob Salvador wirklich nicht das Achtelchen, das Sechzehntel, das Zweiunddreißigstel Sahne für die hungernden Schwulen vergaß?

[S. 288–307]