2.

Irma und Jäcki trafen sich im Hotel Espadarte.

Sie brauchten sich nicht zu verabreden.

Sobald es dunkel war, packte Irma die Kameras ein, und Jäcki klappte die Suche nach der verlorenen Zeit zu.

Sie wohnten in einem Doppelzimmer, Halbpension.

– Übrigens sagt Phyllis Smith, sagte Irma:

– Die Protestanten werden hier nachts, auf einem geheimen Friedhof begraben.

– Und am Kliff fallen Hunderte von Fischern über eine einzige Nutte her.

– Alle zu gleicher Zeit?

– Nein. Ordentlich der Reihe nach. Einmal Nutte in Cezimbra sein!

– Ich denke, du läßt dich nicht, sagte Irma.

– Ich meine, mehr so als Platonische Idee, für einen Roman. Das Höhlengleichnis. Der Schatten. Hast du gute Fotos gemacht?

– Das weiß ich nicht. Ich glaube schon. Das werde ich in Hamburg sehen. Oben, auf der Burg.

– Zu Fuß?

– Ein Friedhof, mitten in der Burg.

– Daß du das schleppen kannst mit all den Objektiven.

– Die Frauen scheuerten die Grabsteine für den Sonntag. Hast du auch solchen Hunger?

– Wenn man überall die Sardinen riecht. Vor jedem Haus die Öfen, auf dem Pflaster. Sie schrubben auch das Pflaster.

– Mir wird ganz übel von dem Geruch.

– Ich rieche das gern. Ich komme mir vor wie der Jäger, der mit Fellen behängt durch die Sturmnacht auf das Braten der Seßhaften zugeht. Als ich Schäfer war, ließ ich im Dämmern die Herde allein und lief vorweg in den Stall und hängte den Kessel mit Wasser in das Kaminfeuer. Ich schabte Möhren und schälte Kartoffeln und warf Porree und Knoblauch und Zwiebeln hinein, grobes Salz und dicke harte französische Wurst. Die Schafe fraßen sich von selbst auf den Stall zu. Wenn ich die Lämmer bei den Müttern hatte, war die Suppe fertig. Ich suchte mir noch Thymian, Rosmarin, Pfefferkraut, Salbei. Wacholderbeeren hatte ich in der Tasche. Mein Hunger war so groß, daß ich manchmal den ganzen Kessel leerfraß. Ich sterbe vor Hunger.

– Halbpension.

– Wollen wir in einer Bude am Kai Hummer essen?

– Die Fischer grillen so scharf. Ich esse Hummer gern, aber ich mag kein angekohltes Fischeiweiß. Und das Ribamar?

– Das Ribamar. Hast du Vertrauen zu einem feinen Restaurant?

Es gab nur wenige Touristen in Cezimbra, die bereit waren, auf die Halbpension zu verzichten, um in einem Restaurant zu essen, wo Kerzen auf dickbetropften Flaschen brannten, Fischernetze den Rauhputz verschleierten und glasige Krabbenpanzer neben Knoblauchzöpfen von der Decke hingen.

Der Kellner brachte die Karte.

– Ein Fischer, dachte Jäcki:

– Den eine englische Portweinfirma mit einer weißen Jacke und einer Fliege verkleidet hat.

Der Fischer bedrohte Jäcki und Irma nicht mit dem Aperitiv.

Jäcki versuchte die Gerichte aus einer engen, gleichmäßig verschnörkelten Schrift herauszubuchstabieren.

– Sopa Alentejana, las Jäcki.

– Ach, Suppe ist mir abends zu schwer. Ich nehme vielleicht einen gemischten Salat.

Jäcki las Robalo und Bezugo und Sarda und Sardinha.

Patata verstand er und Carne.

Der Fischer mit der Fliege sagte:

– Lulas . .

Die Wörter begannen auf seinen Lippen zu explodieren, Jäcki konnte nicht mehr ausmachen, wann der eine Begriff endete und der nächste begann.

– Lulatsch? fragte Irma.

Der Kellner fing an, unanständige Bewegungen in die Luft zu zeichnen.

Gefüllte Lulatsche.

Ein vollgestopfter Bauch.

Krabbelnde Finger.

– Kuddeln, sagte Jäcki.

– O Gott, Irma.

– Tinta, der Fischer.

Jäcki:

– Tintenfisch! Und was ist Carne Alentejana?

Der Fischer machte mit der Hand die Geste: Weder Fisch noch Fleisch. Jäcki verstand genau, es sollte nicht bedeuten: Das taugt heute nichts.

Vielleicht hieß es auch: Fisch und Fleisch.

– Carne Alentejana, sagte Jäcki.

– Und wenn wir es dann nicht mögen?

– Früher warst du nicht so krüsch.

– Ich bin nicht krüsch.

– Dann versuch doch mal den Lulatsch.

Jäcki sagte:

– A lista dos vinhos.

Der Kellner sagte:

– Subito.

– Rot? Tinto? Oder Weißwein?

– Nach Weißwein schläft man unruhiger. Es gibt Wein aus den Zwanziger Jahren.

– Unerschwinglich. Zwanzig Mark!

– Die Fischer trinken Rotwein zu Sardinen, sagte Irma.

– Es gibt Grünen Wein. Vinho Verde.

– Vinho Verde Branco.

– Weißen grünen Wein und roten grünen Wein, Vinho Verde Tinto. Wenn du Tintenfisch nimmst, dann versuch doch den roten

grünen Wein.

Der Fischer machte ein saures Gesicht.

Irma sagte nichts.

Sie hatte es bemerkt.

Der Kellner goß Jäcki aus einer schlanken Flasche das Glas mit sprudelndem Weißwein voll, Palacio de Brejoeira, numeriert; dann goß er Irma das Glas voll mit dunklem Rotwein.

Der Fischer stand lächelnd in der Haltung eines Ringers, weiß, mit Fliege.

– Der Gastfreund schenkt keinen schlechten Wein ein, man zweifelt nicht an der Qualität des eigenen Produktes – es bedeutet keine Nachlässigkeit dem tölpelhaften, dem verachteten Touristen gegenüber, daß der Kellner den Herrn nicht vorher probieren läßt; es ist die ältere Eleganz.

Der weiße grüne Wein schmeckte wie Wein aus dem Champenois, zur Ernte in einer großen Bombone ausgeschenkt.

Der rote grüne Wein schmeckte wie Asphalt.

Der Fischer brachte Irma den Salat und Jäcki die Suppe.

[pp. 10 – 13, …]

 

Jäcki versuchte, dem Berg zu entkommen.

Er wechselte zur anderen Seite hinüber – vom Fischmarkt den Felseninseln zu, den Werften.

Hunderte von Bauarbeitern waren dabei, die Erde aufzukratzen und verkrustete Bretter zu Säulen zu nageln.

Rostige Stäbe wurden hineingesteckt, der Beton zu Kuben gegossen, Kuben, die der Schüler eines Le-Corbusier-Schülers den Kuben der Fischerstadt nachempfunden hatte.

Zwei Männer sägten einen Baum durch.

Sie hatten den Stamm, rotes Holz, dick wie ein Stier, schräg mit einem Gerüst hochgestützt; der eine saß auf dem Baum, der andre kniete darunter.

Sie sägten von oben nach unten.

Jäcki entdeckte, daß sie mit roter Kreide parallele Striche auf den Stamm gezeichnet hatten.

Sie sägten Bretter für die Werften.

Vor der Mole knatterten kubische weiße Zelte im atlantischen Wind.

Mit Zipfeldächern.

Die Herbstgäste aus Lissabon hatten sie bei den Fischerbuden gemietet.

Ein kleiner blauer gestickter Mond im Leinen.

Die Werften – lodernde Töpfe, spöttische Rufe der Schiffszimmerleute.

Ein junger Mann, nur mit einer zerrissenen Badehose bekleidet, betrachtete eine Krake.

Mit aller Wucht des Ekels schleuderte er die Krake auf die Felsen.

Jäcki schien diese Bewegung alt, wie die Krake alt, alt wie die Felsen.

Der junge Mann zertrümmerte mit einem Stein die Knorpelplatten der Fangarme.

Ein Zimmermann kam Jäcki nach und winkte ihn in eine Höhle.

An der Gürtelschnalle trug er einen silbrigen Löwenkopf.

– Beatgeneration in Salazars Reich, dachte Jäcki.

– Mamma, sagte der Schiffszimmermann und öffnete die Jeans.

– Mamma.

Jäcki begriff, daß es nicht die Mutter bedeutete.

– Mama.

Auch nicht die Brust.

– Mamari.

– Es heißt säugen.

Jäcki hatte keine Lust, auf den Knien herumzurutschen, zu flehen:

– Dreh dich um.

– Laß mich deinen Arsch bewundern.

– Ich will, sagte Jäcki.

– Nie, der Schiffszimmermann, und faßte an den Löwenkopf

Er wollte Jäckie auf den Bauch werfen.

Sie rangen.

Jäcki drehte den jungen Mann um und riß ihm die Jeans herunter.

– Das kostet mehr, schrie der Schiffszimmermann.

– Ach, was, sagte Jäcki.

Jäcki wunderte sich, daß an dem harten Körper zwei solche milden Kugeln wuchsen, in deren schattige Mitte er jetzt hineinstieß.

Als Jäcki die Werft verließ, winkte der Schiffszimmermann ihm hoch oben von den Gräten eines halbfertigen Bootes zu.

– Es ist kein Spott.

– Er geniert sich nicht.

– Das gibt es auch.

– Jetzt hat er es seiner ganzen Kompagnie angezeigt.

[pp. 34 – 36, …]

 

Irma und Jäcki versuchten, von Phyllis Smith‘ geheimem Garten, Leica und Rollei über der Schulter, wegzuhiken.

Es war Mittag.

Nur wenige Autos kamen.

Und die hielten nicht.

Irma und Jäcki wanderten die Landstraße hinab.

Hinter der Gabelung, nicht weit vor Azeitão, entdeckten sie ein rostiges Schild:

Quinta das Torres.

Die Allee der portugiesischen Güter.

Sie traten ein.

Niemand.

Ein Wasserreservoir mit rußfarbenen Schwänen.

Sie fanden ein Herrenhaus, eine Rezeption, eine Ritterrüstung.

– Ein verstecktes Hotel.

– Ein Geheimtip.

– Ja, man kann essen.

– Aber es wird ein bißchen dauern.

Kühle Räume, wie in einem katholischen Waisenhaus.

Die beiden Schwestern, mit bleichen, vom Landleben verzerrten Gesichtern, deckten nur widerwillig einen Tisch draußen, neben dem Teich.

Die dunklen Schwäne sahen die Kristallgläser an.

– Phyllis Smith‘ geheimer Garten, sagte Jäcki:

– Der Swimming Pool aus dem 15. Jahrhundert.

– Albuquerque, der Vizekönig von Indien.

– Vasco da Gama säumte seine Fahrten mit Alleen von Gepfählten.

– Er räucherte die Städte aus.

– Die um Rettung Schwimmenden wurden den Schiffsjungen überlassen.

– Harpunen und Enterhaken.

– Achthundert Gefangenen ließ Vasco da Gama Nasen, Ohren und Hände abhauen.

– Er belud ein Schiff mit den Verstümmelten, ein zweites Schiff mit Nasen, Ohren und Händen.

– Den Verstümmelten band er die Füße zusammen und schlug ihnen die Zähne ein, daß sie ihre Fesseln nicht durchbeißen konnten.

– Er ließ Matten über sie werfen und Öl darauf gießen und zündete das Schiff an.

– Das brennende und das mit den Ohren, den Nasen, den Händen trieben auf Indien zu.

– Ich habe es bei dem milden Reinhold Schneider gelesen.

Irma legte die Gabel weg.

Das abgehangene Fleisch, der Knoblauch, der schwarze Wein schienen Jäcki in der Mittagshitze die Galle zu stauen.

– Und Camões stichelte daraus seinen Lobgesang.

– Der Einäugige schwamm, das Manuskript der Lusiadas zwischen den Zähnen, durch das Mekong-Delta.

– Er rettete sich und den Gesang aus dem Schiffbruch.

– Das war damals.

– Aber heute.

– Was heute?

– In Povoa de Varzim.

– Gestern.

– Die Fischer erzählen es alle.

– Vielleicht kam es im Radio.

– Zwei Männer hatten jahrelang in Povoa de Varzim was miteinander.

– Eines Tages – vor einer Woche etwa – beobachtete der Onkel des Passivo, des Negativo, wie sie sagen, als der Activo und der Passivo es im Walde trieben.

– Im Städtchen, am Nachmittag, beim Markt nimmt der Onkel den Neffen, den Passivo, beiseite.

– Sechs Männer fesseln den jungen Mann.

– Er wird zum Aufblasen getragen.

– Das ist doch wahnsinnig komisch.

– Der junge Mann wird zum Aufblasen getragen, weil er schwul ist.

– Das ganze Dorf hinterher, João wird zum Aufblasen getragen, weil er Marica ist.

– Die beiden Nonnen, der Gärtner mit dem Filzhut, die Fischer, die Kurzwarenhändler und Heinrich der Seefahrer.

– Weil er passivo ist.

– João wird zum Aufblasen in die Tankstelle getragen, weil er Marica ist.

– Der Onkel steckt dem gefesselten João selbst den Preßluftschlauch hinten rein, und João wird aufgeblasen, weil er Marica ist, bis er verblutete.

[pp. 58 – 60, …]

 

Irma und Jäcki erwachten in eine große Ruhe hinein.

Nicht mehr das Brechen der Wellenberge.

Am Bullauge wurde eine rote Küste vorbeigezogen.

Pinien.

Essotanks.

Und hoch oben die ersten mennigfarbenen Ideogramme einer eisernen Brücke über den Fluß.

Ja, das war wohl nun der Tejo.

Peter E. hatte Jäcki aus London ein hektographiertes Heft kommen lassen.

– 81 166 Bewohner von Mosambik sind in den Minen umgekommen.

Jäcki las vom zunehmenden Interesse an Penologie.

1964 wurde entschieden, mit Veröffentlichungen über die prisoners of conscience zu beginnen.

– Über 70 Länder auf der Erde, las Jäcki:

– Verschleiern, was in ihren Gefängnissen vorgeht.

– Wäre ein solcher Bericht doch über Deutschland veröffentlicht worden, nachdem die Nazis 1933 die Macht übernahmen, las Jäcki.

Da stand: doch.

Und: Nazis.

Jäcki empfand das als Stilfehler.

Er hätte das doch gestrichen.

Jäcki hätte nie Nazis geschrieben.

– Verachtung verniedlicht.

– PIDE.

– PSP.

– GNR.

Jäcki las:

— Ganz Portugal wird von der Geheimpolizei beherrscht.

Jäcki las:

– Der Präsident der Rechtsanwaltskammer war von den PIDE stundenlang in der Luft gehalten worden, ehe er landen durfte und in einem politischen Prozeß aussagen.

– Der Student Baeta Neves versuchte, nach einem Verhör durch die PIDE, Selbstmord zu begehen, und aß seine Brillengläser.

Jäcki las:

– Meine furchtbaren Erlebnisse begannen am 44. Tag.

– Sechs Tage erduldete ich die Statue.

– War ich eingeschlafen, wurde ich sofort aufgeweckt oder nach ein paar Minuten.

– Es gab eine Reihe von Wächtern, die nichts anderes taten, als die Gefangenen aus dem Schlaf zu reißen.

– Man stach mich mit Nadeln oder schüttelte mich, oder durch Geräusche, durch Klopfen oder Klappern.

– Zum Schluß weckte mich das leiseste Geräusch.

– Viele verlieren ganz den Verstand.

– Gouveia erzählte mir von Gefangenen, denen die Mutter Gottes von Fatima erschienen war.

Jäcki las:

– Ich erlitt 273 Tage lang die Statue.

Jäcki las:

– Der Mann in der nächsten Zelle brach zusammen.

– Er begann zu brüllen.

– Das Brüllen ging mehrere Stunden lang.

– Er sagte, daß er vier Monate in der Zelle war, ohne jemanden zu sehen.

– Er schrie, ohne aufzuhören, seinen Namen und seine Adresse.

[pp. 63 – 65, …]

 

Jäcki am Fort.

Eines der großen Fischerboote mit Hüttchen an Deck dümpelte in der Dämmerung.

Jäcki konnte die Vorgänge an Bord nicht mehr ausmachen.

Befehle, Brüllen der Mannschaft wurden stoßweise, wie bei einer gestörten Radiosendung herübergetragen.

Plötzlich kippte das Schiff, hing so schräge, daß es kentern mußte.

Etwas Schwarzes, Stürzendes riß die Reling links bis an die Dünung hinunter.

Vom Schiff her drang ein langer Schrei.

Zerhackt, Synkopen, vom Sturm.

Das Boot kenterte nicht.

Es schwappte nach dem Schrei ins Gleichgewicht zurück und kippte wieder.

Schrein.

– Sie ziehen das Netz ein, dachte Jäcki.

Eine Folge von Doppelschreien.

Zu den Schreien veränderte das Schiff seine Lage.

Dies Schrein schien Jäcki älter zu sein als Mario und seine Onkel, als Dr. Oliveira Salazar und das Gefängnis von Aljube, die Geheime Staatspolizei, die Statue, älter als Felix Krull und Professor Kukuck im Paläontologischen Museum, das es gar nicht gab, älter als der Spanier Philipp, als der nuggelnde Prälat, als der einäugige Schwimmer Camões und sein langes Lob, als die Quinta da Bacalhoa, als Odysseus und die Kriege um Afrika, der rote grüne Wein, die dicke Frau im Schutt, Fischnamen, Anschwemmsel, älter als das Aufblasen von João an der Tankstelle, weil er Marica ist, so alt wie der Krake, so alt wie die grauen Sägen, die Zähne aus Stein, die unbeweglichen Augen, die Jäcki in die Fußsohlen schnitten.

– Und man kann es nicht beschreiben, dachte Jäcki:

– Man kann es in keinem Roman verwenden.

– Hans Henny Jahnn schrieb von Melismen in der Birkenrinde.

– Thomas Mann schrieb cis und gis.

– Das ist ein Witz.

– Vielleicht wollte er sich über sich selbst ein bißchen lustig machen, über alle die Herren, die mit den Augen rollen, die Geblähten, wie Transvestiten ohne Perücke.

– Cis und gis, das reicht nicht einmal für Chopin, geschweige denn für diese Schreie.

– Die Fischer ziehen das Netz ein und singen dazu ein Arbeitslied, dachte Jäcki:

– Man kann es nicht beschreiben.

– Und fotografieren kann man es auch nicht.

[pp. 89 – 90, …]