Es geht mit Brasilien –– wer möchte es noch bezweifeln –– beängstigend bergauf. Die sogenannte “Revolution” der Militärs dauert mittlerweile acht Jahre. 1971 brachte der Diktatur Stabilität und weltweite Anerkennung.

Präsident Nixon lud den ehemaligen Geheimdienstmann Medici als einen der engsten Freunde der USA nach Washington; die Weltbank, Eximbank etc. hätschelten das Riesenland zu ihrem größten Schuldner hoch –– allein die Weltbank erwägt weitere Kredite bis zu acht Milliarden US-Dollar.

Am 1. April 1971 gründete Präsident Medici eine Informationsschule, die dem Propagandadienst des Staates untersteht. Seit April reißt auch das Lob der brasilianischen Republik im Fernsehen, im Radio, in den Wochenschauen und den Zeitungen nicht mehr ab:

Da erfährt man, daß der Rotary Club der Verzerrung des Images von Brasilien im Ausland entgegentreten will, daß der israelische Vizeminister für Erziehung dem brasilianischen Fernsehen seine Hilfe zusagt und daß die deutschen Ärzte Radenbach und Blaha sich am hohen medizinischen Niveau in der Stadt Salvador begeisterten (die früher einmal Bahia hieß).

Die Menschen schlagen sich mit den Aasgeiern um die krepierten Rinder. Am 12. Februar besetzen tausend Hungernde die Stadt Arapiraca. Sechstausend verlassen Sergipe. Zehntausend Rinder verdursten. Die staatlichen Zuckerfabriken in Pernambuco bezahlen sechstausend Arbeitern drei Monate lang keinen Lohn.

Ich fahre nach Irecê. Der Mais, der Rizinus, die Bohnen auf den Äckern sind verdörrt. Auf den Straßen liegt das krepierte Vieh. Die Geier fliegen nicht mehr hoch, wenn jemand vorübergeht. Am Straßenrand hocken die Saisonarbeiter.

Ein Mann mit Frau, zwei Kindern und einem Säugling kam wie Tausende aus dem Nordosten in der unbegründeten Hoffnung, hier Arbeit zu finden. Er macht sich ohne Geld und ohne Nahrung auf den Rückweg. Er hat gehört, im Nordosten soll es geregnet haben. Mehr als tausend Kilometer durch Hitze und Dürre. Der Säugling hat jenen riesigen, durch Parasiten aufgedunsenen Leib. Viszerale Leishmania. Milz, Leber, Knochenmark und Lymphknoten werden davon befallen. Ohne Behandlung endet die Krankheit nach einigen Monaten tödlich.

Die Gemeinde Irecê hat etwa 60 000 Einwohner. Die Hälfte davon stammt aus dem Norden. Jetzt in der Dürre sind schon dreitausend Neuankömmlinge zurücktransportiert worden. Wie viele am Straßenrand verhungert sind, weiß keiner. Die Toten werden ohne Bescheinigung auf den Feldern verscharrt.

Jeweils neunzig Personen sitzen eingepfercht und mit der furchterregenden Geduldigkeit der Hungernden auf den Lastwagen. Wenn sie das Geld für den Rücktransport besitzen, sind sie bald wieder in der Dürre des Nordens. Treiben sie kein Geld auf, können sie sich in den Süden verkaufen lassen, nach São Paulo, in den Mato Grosso oder nach Paraná. Der Lastwagenfahrer erhält ein Kopfgeld von 60 Cruzeiros, und sie sind verschuldet und rechtlos den Großgrundbesitzern ausgeliefert.

In Irecê kommen auf 60 000 Menschen sechs Ärzte. Dehydratation genannte Vitamin-Mangelerscheinungen sind die Regel, Leishmania häufig. Fast alle Kinder haben Amöben. Beulenpest tritt endemisch und epidemisch auf. Die Leprakranken werden in kleinen Laubhütten auf den Feldern gehalten.

Ein Drittel der Bevölkerung von Irecê leidet an Tuberkulose. Im ersten Lebensjahr sterben 70 Prozent der Säuglinge. Dreiviertel der Arbeiter verdienen in regenreichen Zeiten nicht einmal den vom Staat festgesetzten Mindestlohn, sondern nur umgerechnet etwa zwei Mark am Tag. Die Nahrungsmittel hier sind teurer als in der Großstadt Salvador und in Salvador fast so teuer wie in Hamburg: ein Ei zirka 17 Pfennig, ein Liter Milch 80 Pfennig.

Wir fahren im Bus zurück. Der Bus braucht für 200 Kilometer 24 Stunden. Vollgestopft mit Familien, die sich ineinander verhaken, die vom letzten Geld nach São Paulo wollen.

Francisco de Assís starb in São Paulo unter den Kugeln der Polizei. Er wurde im Norden geboren und ging mit vierzehn in die Großstadt. Als Fruchthändler verdiente er 40 Mark im Monat. Mit 18 gründete er eine Gang. 100 Überfälle und zehn Morde stehen auf seiner Karteikarte. Die Militärpolizei gab fünfundvierzig Schüsse auf ihn ab. Er wird in einer dünnen Holzkiste — mit kleckernder Ölfarbe der Name: Franz von Assisi – beerdigt.

Die Kinder im Bus von Irecê übergeben sich gelegentlich. Eine der Arbeiterfamilien hat aufgrund der Dürre und der Besitzverhältnisse sechs Monate umsonst gearbeitet. Ein Greis, sein Sohn, dessen schwangere Frau, ein junger Mann, ein Junge. Die Frau trägt einen Säugling.

Der Landbesitzer stellte das Saatgut und die Geräte. Der Ertrag sollte geteilt werden. Die Familie arbeitete vom Hellwerden bis zur Dunkelheit, wenigstens zwölf Stunden am Tag. Morgens etwas Kaffee, mittags Bohnen, abends Bohnen. Die erste Ernte gelang. Sie brachte 2000 Cruzeiros. Also 1000 Cruzeiros für fünf Arbeitskräfte, sechs Monate, zwölf Stunden täglich; das ergibt etwas mehr als zwanzig Mark für jeden im Monat.

Die zweite Ernte ist vertrocknet. Sie haben umsonst gearbeitet. Der Greis kann weder lesen noch schreiben. Der junge Mann hat sechzehnjährig zwei Monate in einem Alphabetisierungskurs gelernt, seinen Namen zu schreiben. Sie stehen vor den Kneipen der Fernfahrer, wenn ein Reifen des Busses gewechselt wird, und sehen den Essenden zu. Sie hoffen, in São Paulo eine Arbeit zu finden.

Die letzte Volkszählung ergab, daß 60 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Brasilien weniger als 200 Cruzeiros monatlich verdienen, das sind gut 140 Mark. 30 Prozent verdienen weniger als 70 Mark im Monat. Weniger als 70 Mark verdient die Hälfte aller Landarbeiter. Nach acht Jahren “Revolution” der Generäle.

Die Preise der Hauptnahrungsmittel Mehl, Bohnen, Reis, Kaffee, Zucker haben sich seit 1967 verdoppelt oder gar verfünffacht (Bohnen). Im Bundesstaat Bahia verdoppelten sich die Lebenskosten im Laufe eines einzigen Jahres. Der Abgeordnete Paes de Hudrade äußerte, daß die Arbeitslosigkeit im Nordosten jährlich um eine Million zunimmt.

 

Die katholische Kirche verwaltet die Häuser.

 

Weihnachten 1968 rutschten einige Elendshütten der Favela Providência in eine Schottergrube. Es gab 45 Tote. Die Regierung versprach sofortige Abhilfe.

Weihnachten 1971 leben die Armen noch immer in den gefährdeten Hütten des Morro da Providência im Zentrum von Rio de Janeiro. Einige Favelas an den teuren Grundstücken sind tatsächlich unter erheblichen Polizei- und Propagandaaufwand geräumt worden. Luxuriöse Hochhäuser stehen an ihrer Stelle – nicht für die ehemaligen Ansiedler.

Auch eine der größten Favelas der Welt, Rocinha, wo wenigstens 70 000 Menschen ohne fließendes Wasser, ohne ärztliche Hilfe, meistens ohne elektrisches Licht vegetieren, wird unter der Aufsicht von Polizeihubschraubern teilweise abgerissen. Sie liegt gegenüber dem von Oscar Niemeyer entworfenen Luxushotel an einem der Fabelstrände von Rio.

Angeblich weist man den Zwangsevakuierten Sozialwohnungen am Rande der Stadt zu, und es stimmt, in Vila Kennedy, Cidade de Deus, Osvaldo Cruz etc. gibt es frische Reihenwohnungen und Hochhäuser, wo sich zu der Armut der Bewohner die Elendigkeit moderner Sozialkonstruktionen fügt.

In Osvaldo Cruz sind 1080 Einheiten vorgesehen. In der Favela Rocinha wohnen wenigstens 20 000 Familien. Die Bewohner sprechen von mehr als 150 000 Personen.

Ein Malermeister verdient 600 Cruzeiros im Monat. Gut 400 Mark. Er bezieht mit seiner Frau und zwei Kindern eine Sozialwohnung von 50 Quadratmetern, drei kleine Zimmer, Toilette mit Dusche, Einbauküche, 140 Mark Miete. Zwei Stunden Anfahrt zur Arbeit. Fahrtkosten monatlich etwa 40 Mark.

Die Familien, die eine solche Miete nicht aufbringen können – und das sind die meisten –, ziehen nach ihrer Ausweisung in eine der neuen Favelas am Rande der Stadt, wo die Grundstückspreise noch nicht interessant genug sind.

In Grajaú bedecken die Hütten wie ein Geschwür ganze Hügelzüge. Wenn, dann leben in Grajaú wenigstens 200 000.

Mit Feuer werden die Bretter, die Pin-ups, die Heiligenbildchen, die gemalten Fensterrahmen der Ärmsten in Rocinha niedergebrannt. Die Leute ziehen mit einem Bündel einer löcherigen Matratze, ein paar Holzstücken trostlos davon – ins nächste Elend, wo sie sich mühsam wieder die regenundichten Bretterbuden verzieren werden und eine Papierrose an die Wand pinnen, bis zur nächsten Grundstücksspekulation.

Wer auf der Hauptstraße nach Recife fährt, sieht schmucke Afrohäuschen. die eine Idee davon geben, wie Brasiliens Wohnkultur bestellt sein könnte, wenn die Güter gerecht verteilt wären. Oft sind nur die Fassaden geweißelt, und auch der Tourist kann die wahre Wohnsituation des Volkes am ungeschminkten Rest erkennen.

In der Landgemeinde Serrinha sind die Hälfte der Häuser aus Lehm und haben nur ein Schlafzimmer, keine Möbel, kein Bett oder Netz, kein Licht; dreiviertel aller Häuser haben keine Latrine – Exkremente und Abwässer fließen um die Häuser herum.

Im Maciel, dem ehemaligen Palastviertel von Salvador, gibt es für 80 Bewohner eine Toilette. Die Kinder prostituieren sich hier vom zwölften Lebensjahr an. Ich sehe einen Jungen, der eine verfaulte Ratte aus der Wohnung trägt und auf die Straße wirft. Es gibt kein Wasser. Die Häuser werden von der katholischen Kirche verwaltet.

Dom Eugénio Sales de Arajo, Erzbischof von Bahia, erhielt vor sechs Jahren einen Bericht der Geologischen Fakultät von Salvador, welcher die miserable Wohnsituation der Stadt analysierte und eine Katastrophe bei starken, anhaltenden Regenfällen voraussagte. Dom Eugénio Sales wußte zwar noch am 21. April zu erklären, daß die Liebe und nicht der Klassenkampf aufbaue; um die Fundamente breiter Wohngebiete seiner Brüder in Christo bekümmerte er sich weniger.

Am 25. April 1971 fängt es an zu regnen. Ich stelle mir vor, wie die Lehmhäuser weich werden und zusammensinken. Alles naß, die Decken, das wenige Maniokmehl. Die Streichhölzer werden naß, auch die Holzkohle. Amöben und Lungenschnecken, Zwischenwirte für Bilharziose, werden in das lehmig-rote Brunnenwasser gespült.

Keiner nimmt arme Familien mit zehn Kindern und ohne gesetzlichen Vater auf.

70 000 häuserlose Familien in Salvador zu Sonnenzeiten – wie viele bei Unwetter?

“Herr Präfekt, ein Tag Regen und die ganze Stadt steht unter Wasser?!” “Ich bin nicht dafür verantwortlich. Dieser Zustand dauert vierhundert Jahre.”

27. April: lm Gerichtsmedizinischen Institut sind bereits 18 Tote eingeliefert worden. Der Sekretär des staatlichen Gesundheitsdienstes, Dr. Enio Rosende Pinto, erklärt: “Ein leichter Anstieg der Kinderlähmung.”

Im Palácio da Aclamação, dem vornehmen Beifallspalast des Gouverneurs, wird Essen an die Obdachlosen verteilt. Das Verpackungspapier füllt den Garten an. Es sieht aus, als habe sich das distinguierte Gebäude erbrochen.

28. April: Millionenschäden. 140 Tote. 2000 Verletzte. 3000 Obdachlose. Trinkwasser fehlt. Die Typhusgefahr sei gebannt – das heißt, eine Typhusepidemie ist zu befürchten.

Evakuierte in der Baixa dos Sapateiros berichten, daß es sowieso bei jedem Guß in ihre Betten hineinregnet.

Einer Fünfundsechzigjährigen bleibt nur das, was sie auf dem Leib hat. Sie steht da ohne Kinder, ohne Mann, ohne Verwandte, die ihr helfen.

Es regnet weiter. Am 29. April sind es 7000 Obdachlose. Einige werden unter Polizeibewachung in die Baracken der Firma Esso transportiert. Die Menschen schlafen auf Brettern, umgeben von Schlamm und Exkrementen. Die primitivsten hygienischen Einrichtungen fehlen. Tausend Menschen zusammengepreßt. Die Mütter waschen die Kleidungsstücke in den Pfützen vor der Baracke. Das Trinkwasser der Stadt ist durch Rinderleichen aus dem Inneren des Landes mit Typhus verseucht.

Dom Eugénio Sales, der nicht auf die Geologen hören wollte, schickt ein Telegramm, in dem er versichert, daß er für das Volk von Bahia bete. Diese Gebete scheinen Gott nicht wohlgefällig zu sein. Paulus Sixtus beschränkt sich telegraphisch vorsichtiger auf die Zusicherung von Gebeten für die Gestorbenen.

 

“Zehn Prozent aller Brasilianer sind verkrüppelt.”

 

Die Damen der Gesellschaft sammeln im Beifallspalast die Moden der vergangenen Saison und tragen die Reste ihrer Hausapotheken für die Opfer zusammen. Die Diener reichenErfrischungen und Sandwiches.

5. Mai: 150 Tote. 30 Fälle von Kinderlähmung, die gleiche Anzahl Typhus und Diphtherie. Es wird von Pocken und Pest geredet. Das Essen für die Obdachlosen fehlt.

Am 12. Mai bricht Leptospirose aus, eine durch Ratten übertragene Infektionskrankheit, die durch Zersetzung von Nieren und Leber zum Tode führt. Eine wirksame Therapie steht bisher nicht zur Verfügung.

Der betende Papst, der betende Dom Eugénio Sales, der helfende Gouverneur und seine Frau und alle ihre Helfershelfer können nicht verhindern, daß die Tausenden von Obdachlosen im Schlamm, im Wasser, durch Seile voneinander abgetrennt, unter Polizeibewachung, ohne Arbeit, ohne ausreichende Ernährung, infiziert und mit den harten gequollenen Bäuchen fast vier Monate dahingammeln. Erst am 19. August übergibt der Gouverneur António Carlos Magalhães 410 neue Unterkünfte.

Es sind Häuser fernab von den Buslinien, ohne Verdienstmöglichkeiten in der Umgegend. Eine Schule funktioniert nicht. Es gibt keine Glasfenster. Bei geschlossener Tür sind die 36 Quadratmeter großen Räume so dunkel, daß weder gelesen noch gearbeitet werden kann. Kein Wasser. Die Toilette ohne Abtrennung im einzigen Raum. Auf der Erde ein Feuer zum Kochen. Das Regenwasser rinnt über den Lehmfußboden. Eine Unterlage aus Pappe für die Kinder zum Schlafen. Kein Tisch, kein Stuhl, kein Schrank. Weder ein Arzt noch ein Sanitätsposten.

Am 10. Oktober werden einige Familien, die im Sportklub Unterkunft gefunden hatten, ausgewiesen und mit städtischen Lastwagen stundenlang umhergefahren. Für sie gibt es keine Häuser. Man lädt sie in der neuen Siedlung ab, wo sie sich im Freien einrichten.

Dona Maria da Paz verläßt mit einem Gipsbein das Hospital. Da sie keine Adresse angeben kann, wird sie von den Sanitätern des Krankenwagens auf die Straße gelegt. Ihr Haus war im April eingestürzt.

Eine Beschreibung der brasilianischen Gesundheitssituation wirkt monoton. Die Krankheiten der Armen sind monoton. Ich will sie dem Leser nicht durch literarische Kniffe kurzweilig gestalten.

60 Prozent der Bevölkerung können sich keine Medikamente kaufen.

Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 50 Jahren. 40 Prozent der Todesfälle beruhen auf Bilharziose, Chagaskrankheit, Malaria, Tuberkulose und Lepra.

Die Ärztin Dalva Sayeg fand heraus, daß der permanente Hunger bei acht Millionen (40 Prozent) aller brasilianischen Kinder Gehirnschäden hervorrufe.

Der Direktor der Nationalen Lepra-Abteilung, Dr. Nilson Carvalho da Silva, spricht von 123 888 registrierten Leprakranken. 40 000 Leprafälle gab es während des letzten Jahres allein im Bundesstaat Minas Gerais. Das Gesundheitsministerium gesteht 94 Pestfälle zu.

Der Präsident der brasilianischen Gesellschaft für Orthopädie. Dr. Jorge Faria: “Zehn Prozent aller Brasilianer sind verkrüppelt.” 53 Millionen leiden an Wurmerkrankungen, zehn Millionen an Bilharziose,vier Millionen an der Chagaskrankheit, für die es bis heute keine Therapie gibt: sie wird von Wanzen übertragen.

 

In den Lesebüchern Fragen nach Pelés Geburtstag.

 

In Pernambuco sind 70 Prozent der Landarbeiter an Tuberkulose erkrankt; 24 000 Tuberkulosefälle insgesamt, davon 1664 mit tödlichem Ausgang während des letzten Jahres.

Acht Jahre nach der sogenannten “Revolution” der Militärs.

Die Kinderlähmung, die in Kuba, Kanada und den USA fast ausgerottet ist, steigt in Brasilien an. In den Jahren 1969/70 verdoppelte sich der Index von 1,3 Promille auf 2,4 Promille.

Welche bewußten oder auch unbewußten Mechanismen werden wirksam, um ein Ausbrechen der Massen aus dieser Situation zu verhindern? Dummheit ist oft die Folge von Vitaminmangel; Geduld oft weniger die Frucht der Weisheit als der Debilität.

Das Riesenland mit seinen futuristischen Megalopolen und einer vergleichsweise dünnen Besiedlung – 93 215 301 Einwohner am 1. September 1970 – zerfällt in viele Moralprovinzen. Indianische Ambivalenz existiert neben der Rigidität der Yoruba, eine gewisse Art des Matriarchats neben unerbittlicher Versklavung der Frau. So lasziv die Bevölkerung in der Tropenliteratur auch immer dargestellt wird, allzuweit kann es mit Libertinagen und Liberalität nicht her sein, sonst wäre nicht die – staatlich geförderte – Ersatzhandlung des Fußballs so verbreitet.

Jeder Mann stößt und stößt, bis er das runde Ding hineinbekommen hat, als erster vor den Konkurrenten, ob halbverhungerter Paria oder intellektualisierter Oberschüler, ob Weißer, kakao- oder kaffeefarben oder schwarz.

An Sonnabenden, Sonn- und häufigen Feiertagen sind die Strände unbenutzbar, jeder Quadratmeter dient dem Aggressionsstress an den Bällen, aber auch Kirchenpodeste. Hauptverkehrsadern. Lastwagenanhänger halten zum Abreagieren und der Ertüchtigung der Beine des Volkes her.

Der ist kein Mann, der nicht schießen kann. Weder die katholische Kirche noch der Candomblé-Kult, weder Militär noch Schule beherrschen Köpfe, Unterleib und Medien so umfangreich wie der Fußball.

Auch der Elendste versucht sich einen Platz im Fußballstadion zu ersparen, wo die Fußballkönige sich zu Bankdirektoren oder wenigstens zu einem Monatssalär von über 10 000 Mark hochtreiben.

Die Weltmeisterschaft wurde vom Gouvernement Medici in einen Propagandafeldzug für die Regierung umfunktioniert.

Es gibt in Brasilien keine Großstadt ohne nicht wenigstens eine Superarena für den Nationalsport, deren Kosten in die Milliarden gehen. Milliarden Cruzeiros, die man gern verschweigt.

Salvador besitzt nur ein Entbindungsheim für die niederen Klassen mit 140 Betten. Die Mütter liegen zu zweit auf einer Matratze und müssen das Heim 24 Stunden nach der Geburt wieder verlassen – aber Salvador besitzt ein über 100 000 Personen fassendes Stadion und soll in einigen Jahren ein zweites besitzen.

Die Einweihung des Kolosses wurde zu einer eklatanten Propaganda-Aktion. Präsident Medici fand die Zeit, eine Pelé-Statue zu enthüllen, Tauben über die Menge flattern zu lassen und zwei Fußballspielen beizuwohnen.

Die genaue Belastungsgrenze der Betonkonstruktion steht wohl bis heute nicht fest. Über 100 000 Eintrittskarten waren verkauft worden. Zu Beginn des Spiels ließ man die Pforten öffnen, und weitere -zigtausend durften unentgeltlich mit dabeisein, so daß das frische Stadion, wie später laut wurde, mit fast 50 000 Personen überbesetzt war.

Während des zweiten Spiels brach eine Panik aus. Zweitausend wurden verletzt. Es gab einige Tote. Die Lautsprecheranlage funktionierte nicht, und die Führerpersönlichkeiten wurden beobachtet, wie sie stumm und wirkungslos die Arme schwenkten.

Als Schuldige stellte man TV-Reporter hin, sperrte unglückliche Proletarier ein. Niemand wagte es, die allein verantwortlichen und verantwortungslosen Oberhäupter zu bezeichnen, die aus persönlicher Eitelkeit das Leben von 150 000 Menschen aufs Spiel setzten.

Pelé. Der schwarze Fußballkönig ist für die schwarzen Massen von Brasilien – man spricht von 40 Prozent Negern – und für das Ausland zum Symbol eines vorgeblich unrassistischen Systems geworden, das allein von Weißen bestimmt wird.

Eine Pelé-Statue in jeder größeren Stadt. Die Illustrierten bringen Sondernummern: Historisches Dokument: Leben und Ruhm Pelés!

Pelé wirbt für Batterien. Pelé wirbt gegen das Rauschgift. Pelé wirbt für die Steuererklärung und für die Anzugproduktion seines eigenen Wirtschaftsimperiums. Pelé dreht Fernsehfilme. Pelé wird vom Präsidenten umarmt. Die Regierung wünschte, daß Pelé in Genf als Abgesandter der brasilianischen Arbeiter bei der Weltarbeitskonferenz auftrat.

In den Lesebüchern: Mache ein Kreuz bei dem richtigen Satz: Pelé ist der König von Brasilien. Pelé ist der König des Fußballs. Pelé ist der König von Nord- und Südamerika.

Beantworte die folgenden Fragen: Der König Pelé: Name … Geburtsort … Stand … Lebensdaten … 1954 wieviel Tore.

Pelé fährt als Gesandter des Herzens nach Paris und wird in Orly mit den Ehren eines Staatschefs empfangen.

Pelé mit B.B. Pelé mit der Königin Elizabeth. Pelé überreichte am 17. Februar 1971 François Duvalier selig und blutig einen brasilianischen Orden.

Der Karneval hat sich von einem afro-brasilianischen Volksfest mit sozialkritischer Tendenz zu einem genau kontrollierten Ventil für das Bedürfnis der Massen nach Bewegungsfreiheit entwickelt.

Lähmt der Fußball die intellektuelle Beweglichkeit vor allem der männlichen Bevölkerung, so beschäftigt der Karneval einen großen Teil der Frauen,besonders in den Großstädten, für ganze Monate des Jahres.

 

Der Candomblé macht die Menschen zu Kindern.

 

(Der Reinlichkeitskomplex in den brasilianischen Familien, der Bügelwahn und Weiße-Wäsche-Wahn mögen zwar einige Krankheitserreger vertreiben und verschaffen auch dem ärmlichsten Backfisch in der Favela sonntags ein properes,schickes Kleid – gegen die Kotlachen und verwesenden Ratten kann keine Mutter anbügeln. Die ungeheure Reinlichkeitsanstrengung aber verzehrt viel Energie zur Kritik.

Absichtlich oder unbeabsichtigt ist die Müllabfuhr in den Favelas und den Prostituiertenvierteln schlecht oder inexistent – wie übrigens auch in Harlem.

Wie viele Gänge zur oft Kilometer entfernten Wasserstelle bedeutet das allgemeine abendliche Bad für 8, 12, 16 Kinder und der weiße, gefältelte Anzug des Vatersymbols?)

In Rio fängt die berühmte Sambaschule Mangueira schon im September an, übungsweise für den Karneval zu rasseln.

Fast ein halbes Jahr lang werden in allen Häusern nun die mühsam ersparten Pailletten an die Prachtsatins und Festschleier geheftet bis zu den Tagen, wo die -zig Millionen glauben, die Straßen und die Medien gehörten ihnen, während sie in Wirklichkeit den Militärpolizisten gehören und der verkleideten Armee oder gar nur VW und Ford und Arndt von Bohlen und Halbach.

*

Sechs Kulturschichten: Vorn der verseuchte, grün gewordene Lehmboden der Industrieslums; die Fassade des selbstgebauten Arbeiterhäuschens picassohaft geschrägt; die bunte Bemalung – portugiesisch; das Innere mit halbhohen Zwischenwänden, der Dachstuhl indianisch, zeltartig unverkleidet; im Prachtzimmer Plastikheilige, Singer-Nähmaschine, Fernsehtruhe – die Leiterin eines Candomblé verfügt über erhebliche Einnahmen; hinten werden die geköpften Aase aus einem blutüberschwemmten Einweihungszimmer geschmissen. Trotz eingehender wissenschaftlicher Beschäftigung steht die entscheidende Erforschung des Candomblé noch aus. Der Clou dieser afroamerikanischen Mischreligion, die Verwandlung der Gläubigen in bestimmte Götter, bleibt ungeklärt.

Im Candomblé haben sich seit etwa 150 Jahren unter dem Mäntelchen einer wie tief immer gehenden Christianisierung Riten aus Dahomey, Nigeria, Angola etc. oft reiner erhalten als in Afrika selbst. Ähnlich in Kuba, in Haiti unter dem Namen Wudu, in Guyana. Es gehört zu den verdeckten Anzeichen des westlichen Hochmuts, daß die afroamerikanische Religionsgruppe nie als das bewußt gemacht wurde, was sie bedeutet: eine der größten religiösen Bewegungen aller Zeiten.

Der wichtigste Vorgang dieser in Geheimriten und öffentlichen Festen sich auswirkenden Religion ist die Verwandlung des Gläubigen in einen Gott mittels Trance. Die Trance zu Beginn einer religiösen Karriere überfällt den Erwählten “plötzlich” und unordentlich. Im Laufe einer Einweihungszeit, die bis zu sechs Monaten dauern kann, wird mittels – ja, mittels was? – Trommeln, Tanz, Pflanzenabsuden, psychosozialem Druck, vielleicht Schocks jene anfängliche Trance konditioniert.

Der Novize verläßt als psychisch, oft als somatisch Veränderter die Blutbäder und Pflanzenkuren der Einweihung.

Trotz der großen Schönheit der Feste, des Swinging der Musiken, der wahren Popkultur der Mischaltäre und der happeningartigen Manifestationen darf nicht verschwiegen werden, daß der Candomblé das Bewußtsein der Menschen zerbricht. Sie werden wie Kinder, berichten die Einheimischen.

Von Edison Carneiro wird die Anhängerschaft in Brasilien sehr vorsichtig auf 5 Millionen geschätzt. Andere nennen 20 Millionen.

In Groß-Recife allein hat man bei einer Bevölkerung von zwei Millionen 20 000 Kult-Zentren gezählt. Die Mitgliedschaft eines jeden dürfte bei etwa 50 Personen liegen. In Bahia gibt es an die tausend Candomblés.

 

Fast jeder opfert dem Schamanen.

 

Die Einweihung kostete zwischen 300 und 3000 Mark. Eine Wäscherin, die umgerechnet 60 Mark verdient, hungert sich bei ihrer Familie durch, um ihren Lohn für die Einweihungskosten zu reservieren.

Dauert die Abzahlung zu lange, arbeitet sie – oder auch ihre Kinder – die Schulden im Hause der “Mutter der Heiligen” ab. Ich habe ein epileptisches Mädchen von sieben Jahren gesehen, das noch Monate nach seiner Einwei

hung als eine Art Haussklavin ihre Initiation abdiente.

Die Chance, selbst in einigen Jahren einen ertragsreichen Candomblé eröffnen zu können, spielt bei diesen Opfern eine Rolle. Der psychosoziale Druck, der von den gewaltigen Müttergestalten und den unheimlichen “Vätern” ausgeht, ist mit nichts zu vergleichen, und in Salvador habe ich nur sehr selten einen Unabhängigen getroffen, der nicht an den Candomblé geglaubt hätte oder nicht wenigstens über seine Domestiken den Schamanen geopfert.

Die Priesterschaft in ihrer Halblegalität vermeidet jeden Ärger mit der Obrigkeit. Polizisten haben selbst Angst und werden die Nachforschungen nach gewissen, sehr weitgehenden Opferhandlungen nicht auf die Spitze treiben.

Präsident Kubitschek soll den zum König des Candomblé avancierten Joãozinho da Gomeia, einen ehemals halbverhungerten Jungen aus dem Nordosten, zur Konsultation in den Präsidentenpalast gebeten haben.

António Carlos Magalhães, Gouverneur des Bundesstaates Bahia, vergißt nicht, einen Geburtstagsempfang für die wichtigen Damen der Undergroundgesellschaft zu geben.

Der Candomblé hat unter mehr oder weniger bourgeoisen Linksintellektuellen einen nicht unerheblichen Anhang. Sie versuchen eine oppositionelle Haltung in diese Religionsgemeinschaft hineinzuinterpretieren.

Doch mir scheint, die Unterdrücker Brasiliens haben längst erkannt, daß sie keinen besseren Verbündeten haben als die Priesterschaft derafrobrasilianischen Mischkulte, die nicht nur jeden Funken kritischen Bewußtseins löscht, sondern menschliches Bewußtsein überhaupt zu brechen imstande ist.

Schluß im nächsten Heft.