René hat mir einen Brief für Mamadou mitgegeben.

Mamadou hockt vor seiner Mobilette und guckt schräg, nach rückwärts zu mir hoch.

Es ist die gleiche Situation wie vor zwei Jahren.

Damals hockte er und zementierte an der Brunneneinfassung.

Wieder empfinde ich ihn als schön, zart, geschmeidig. Wieder empfinde ich, daß er mich von dem ersten Bruchteil der Sekunde unserer Begegnung an nicht ausstehen kann. Ich weiß, daß es zwischen uns nicht gehen wird.

Der heftige Schmerz darüber, das Erkennen seiner Schönheit, Zartheit, Eleganz rufen Irritation hervor.

 

König David kommt im Schumm.

Der Flüchtling, der Intrigant, der Machtlüsterne, der Schäker der Sänger, der Gold holte aus Punt, zentnerweise.

Im übertriebenen Gesicht die vergrößerten, starren Augen des Hingerissenen.

Um seine Gestalt fächelt das Leinen.

Er begrüßt uns stumm.

Er lächelt kaum.

Er singt nicht.

Seine Mutter begleitet ihn.

 

Aidara im Schumm kommt.

Sie trägt ihren Busen vor sich her.

Sie läßt meine Hand nicht wieder los.

Ihre Mutter begleitet sie.

 

Sagna zappelt und meckert.

Sein Vater begleitet ihn.

 

Paul spuckt.

Kaum hat er gespuckt, räuspert er sich.

Er ist unerträglich, immer ist da was im Hals.

Und der Hals ist trocken.

Man muß es doch wegkriegen.

Jetzt ist wieder zu viel Spucke da.

Immerzu viel Spucke, ehe man das da im Hals weggekriegt hat.

Paul spuckt.

Jetzt ist es wieder zu trocken.

Man muß es doch wieder wegkriegen.

Seine Mutter begleitet ihn.

 

lbraima, der Hermaphrodit, kommt.

Mondgesicht.

Dorfdepp – hydrocephalischer Gott.

Jungfräuliche Brüste und der zwischen den Beinen hochgebundene Schwanz.

lbraima schwitzt.

Fettglanz auf den geschwollenen, fetten Gliedern.

Er ist 17, 18.

Er geht vornübergebeugt unter den Medikamenten.

Die Mutter begleitet ihn.

Sie hat eine Flechte am Mund.

Sie wollte, daß er mit den weißen Mitteln behandelt wird.

Nozinan, Anafranil, Haloperidol, Largactil.

lbraima müßte zur Untersuchung nach Dakar.

Dafür fehlt das Geld.

 

Golan, kahlgeschoren, kommt in verlangsamtem Hüpfen.

Ein tibetanisches Mönchsgesicht auf dem zwölfjährigen Körper eines afrikanischen Nomaden.

Er gibt seine Schäferhand.

Er wendet sich weg.

Er gibt die schroffe Hand zum zweitenmal.

Vogellaute.

Er sucht den Zucker.

Neben dem Stuhl. Auf dem Schoß Mamadous. Auf der anderen Seite des Stuhls. Im Gebälk des Versammlungshauses.

Er läßt sich an einem Stützpfeiler heruntergleiten. Er liebkost den Pfeiler. Er sucht mit geschlossenen Augen, mit den Backen, mit dem Mund am Holz, sucht, sucht, küßt. Das Holz gibt keine Milch.

Golans Hände zittern.

Pseudoparkinson.

Die Medikamente.

Parkinsonsches Syndrom.

Diencephales Syndrom.

Extrapyramidales Syndrom.

Golan versucht zwei Gummistücke an eine Astgabel zu binden.

Zitternd verfertigt er eine Zwille.

Golan hebt eine Mango auf und brät sie in dem Holzkohleofen, der für den Tee bereitsteht.

 

Wie selbstverständlich Mamadou uns zum Mittagessen einlädt.

Er lädt uns nicht ein.

Er bittet uns nicht an den Tisch.

Er fragt uns nicht.

Die Familie, seine Frau, seine Mutter mit dem ein paar Monate alten Sohn, seine Schwägerin bilden einen Kreis.

In die Mitte wird eine große Emailleschüssel gestellt.

Kleiner rundlicher Reis.

Rotes Palmöl.

Tomaten.

Eine grüne, wie Tomaten aussehende Frucht, die, grob verglichen, wie Auberginen schmeckt.

Groseille Guinéenne, spinatig, dem Geschmack nach gekochter Sauerampfer.

Hai.

Hai aus der Casamance, die bis Ziguinchor noch salzig ist.

Die Familie formt aus dem Reis und den Gemüsen kleine Bälle.

Die Soße tropft ab.

Sie enthäuten den Hai, entgräten ihn und legen einzelne Stücke dem Geachteteren vor.

Mamadou:

– Das Kind geht in der afrikanischen Familie von Hand zu Hand.

Die Mutter gibt es an Leonore weiter, Leonore an Mamadou, Mamadou an seine Mutter.

– Wenn das Kind Schluckauf hat, klebt man ihm mit Spucke etwas weißen Stofflaum an die Stirn.

– Mein Sohn ist einen Monat alt. Mit einem Monat fing er an zu sehen. Zuerst sind sie ganz hell. Er wird nicht sehr schwarz werden. Das sieht man an den Ohren. Die Ohren nehmen als erste die endgültige Farbe an.

– Wir schlucken Nevaquine als Malariaprophylaxe.

Der Kleine bekommt Nevaquinesirop.

– In unserem psychiatrischen Dorf sollte man die Chemotherapie überwinden. Hier werden die Kranken mit Neuroleptica behandelt, und wenn wir sie als gebessert entlassen, haben sie nicht mehr das Geld, um die Mittel regelmäßig zu kaufen, und sie bekommen Rückfälle.

Am Nachmittag führt uns Mamadou, der Krankenpfleger, zum Chefkrankenpfleger.

Leonore sagt mir:

– Wenn der Chef redet, schließt sich Mamadou wie eine Blume.

 

Der Chef sagt:

– Dies psychiatrische Dorf wurde 1974 eingeweiht. Es liegt in Kenia, drei Kilometer von Ziguinchor und heißt Village Emile Badiane, nach einem verstorbenen senegalesischen Minister.

– Mögen Sie Palmwein?

– Professor Collomb setzt sich sehr für dieses Dorf ein. Er schickt Muster der pharmazeutischen Firmen aus Dakar, so daß wir immer ausreichend mit Neuroleptica versorgt sind.

– Ich halte nichts von der traditionellen afrikanischen Psychiatrie. Die Leute kommen hierher, nachdem sie bei den Medizinmännern, Zauberern, Marabouts, Guérisseuren waren. Sie haben

viel Geld ausgegeben und sind nicht geheilt worden. Wir versuchen die Kranken wieder ins Familienleben zu integrieren.

Im übrigen behandeln wir mit Neuroleptica. Auch die Schizophrenie. Wir haben gute Heilerfolge.

– Wir behandeln auch die Epilepsie.

– Unsere Mittel sind begrenzt.

Die Mittel der Familie auch. Einen 65jährigen Paralytiker hätten wir nach Dakar überweisen müssen. Dazu war kein Geld da.

– Wir haben keinen allgemeinen Sanitätsdienst aufgezogen. Das würde nur Zeit und Geld von den Geisteskranken abziehen.

– Wir arbeiten mit dem Sanitätsdienst der Volkschinesen zusammen. Aber das ist schwierig. Wir können oft ihre Rezepte nicht lesen. Auch sind die Laboratoriumsbefunde nicht immer zuverlässig.

– Ich bin Diola und spreche Diola und Woloff.

– Collomb hat mich in Dakar als Krankenpfleger ausgebildet. Ich erinnere genau, wie er mich hier auf den Posten vorbereitet hat. Es war nicht leicht. Ich mußte alle meine Verbindungen in Dakar lösen. Aber mit der Zeit habe ich neue Freunde in Ziguinchor gefunden.

 

Mamadou ist Balante.

Er spricht Balante, Woloff, Diola.

Er versteht das Mancagne.

Der Chef sagt:

– Zu Anfang hatten wir nur 8 Häuser. Jetzt haben wir im Ganzen 29 Unterkünfte. Es gibt 3 Brunnen.

– Dies Jahr hatten wir keine Schwierigkeiten mit dem Wasser. Aber die Termiten kommen.

– Früher war die Landwirtschaftsschule auf diesem Gelände. Die gab hier auf wegen der Termiten. Wenn man so will, sind die Psychiater beim Kauf des Grundstücks reingelegt worden. Die kleinen Gärten gedeihen nicht. Die Termiten fressen die Wurzeln

an.

– Die Kranken bleiben hier nur kurze Zeit – höchstens zwei Monate. Dann können wir sie wieder entlassen. Es lohnt sich kaum, daß sie und ihre Begleiter Gärten anlegen. Wir haben uns entschieden, einen Acker gemeimsam zu bebauen.

– Erdnüsse, die Mangos verkaufen wir.

– Das Dorf wurde I974 eröffnet, seither sind 203 Personen hier durchgegangen. Im Augenblick haben 13 Kranke hier und 13 Begleiter, 2 Diaraf, das sind traditionelle Dorfchefs, zwei Krankenpfleger, Mamacdou und mich.

Die Ärzte aus Dakar sollten das Dorf beaufsichtigen. Aber bis jetzt hat sich keiner bereit gefunden, hierherzuziehen. Ein Entwicklungshelfer, ein französischer Arzt, der in einem Nachbardorf stationiert war, ist der einzige gewesen, der eine Zeitlang regelmäßig hierherkam.

– Professor Collomb kommt mit seinem Privatflugzeug, aber die anderen Psychiater sind lieber in Dakar. In ihrem Vertrag steht, daß sie eine Zeitlang in den Busch müssen. Aber sie haben eine Klinik bei Dakar gefunden, die nicht mehr zum Stadtgebiet gehört, und das rechnen sie dann als „Busch“.

– Das Dorf ist durch die Initiative von Professor Collomb entstanden. Er wollte traditionelle afrikanische Formen der Therapie mit moderner Psychiatrie verbinden. Er dachte dies Dorf als Modell für ganz Senegal und vielleicht für ganz Afrika.

– Der Staat hat kein Geld gegeben.

– Der Rotary-Club wollte was für die Verrückten tun.

– Wir haben 500 000 Francs Cefa – das sind 6000 Mark – für sechs Monate zur Verfügung.

– Der Krankenpfleger verdient 28 000 Franken netto im Monat.

– Die Kranken bezahlen hier nichts für Behandlung und Medikamente.

– Die Kranken und ihre Begleiter sollten etwas für das Essen aufbringen. Wir geben 800 Gramm Reis, einen Viertelliter Erdnußöl, einen Viertelliter Petroleum pro Woche und Person.

Fisch, Gemüse, Salz müssen die Familien aufbringen.

– Gelegentlich sammeln wir bei allen für ein gemeinsames Essen.

 

Mamadou:

– Ich lebte früher, bevor mir der Chef vor die Nase gesetzt wurde, ganz eng mit den Kranken zusammen. Sie rannten mir das Haus ein, saßen bei mir rum. Wir spielten Karten.

– Ich gab so wenig Pillen wie nur möglich. Das Pillennehmen stellt große Probleme. Die Kranken schmeißen sie weg. Die Begleiter geben sie zur Unzeit.

– Ich will keinen Zwang.

– Ich habe auch verlangt, daß die Häuser nicht in graden Reihen angelegt werden. Sehen Sie in der Mitte das unfertige Fundament. Ich habe verlangt, daß die Arbeit dort aufgegeben wird

und da kein Haus hinkommt.

– Heute spiegelt das Dorf die Haltung des Chefs wider. Der Chef hält die Türen seines Hauses verschlossen. Man muß anklopfen.

– Der Chef ist der typische Militärkrankenpfleger. Für ihn gibt es nur Befehle.

 

Über die brennenden Abfallhalden von Ziguinchor ziehen Gruppen von jungen Männern.

Braune Zottelwesen begleiten sie.

Die Kankuran.

Und Zauberer. Die fliegen durch die Luft und gehen auf den Telefondrähten.

Es ist gefährlich, sich ihnen zu nähern.

Die Gruppen ziehen an den Rollbahnen des Flugplatzes vorbei, hinein in den heiligen Wald.

 

Die Gesten des Manierismus sind wieder archaische Gesten. Niemand ist so „geziert“ wie der „Wilde“.

 

Jean Delay und Pierre Deniker:

Chemotherapeutische Methoden in der Psychiatrie.

Seit 1954

Reserpine

Chlorpromazine

Frappante Zusammenhänge zwischen therapeutischer Wirkung und Sekundäreffekten.

Wir schlugen vor, sie unter dem Terminus „Neuroleptica“ zusammenzufassen auf Grund ihrer sehr eigentümlichen Wirkungen auf das Nervensystem.

Die wesentlichen Wirkungen sind die folgenden:

1. Sehr eigentümlicher Zustand von psychomotorischer Indifferenz.

2. Wirksamkeit bei Unruhe und Erregungszuständen.

3. Reduktion heftiger und chronischer psychotischer Störungen.

4. Dienzephale und extrapyramidale Sekundäreffekte.

5. Einschneidende subkortikale Wirkungen.

Das psychomotorische Syndrom:

Indifferenz.

Emotionale und affektive Unbeteiligtheit.

Antriebsminderung.

Verlangsamung der Reaktion auf äußere Stimuli, jedoch ohne Beeinflussung der Aufmerksamkeit und der intellektuellen Fähigkeiten.

Neigung zum Spannungsirresein.

Psychomotorische Schwäche.

Die heftigeren Neuroleptica besitzen den Vorteil, uns abgekürzt, schematisch, fast karikatural, die wichtigsten Wirkungen dieser Medikamente auf das Nervensystem und die Psyche vorzuführen.

Die biologischen Therapien wirken auf die Geistesgestörten nurin dem Maße, wie sie eine künstliche, physiologische Veränderung in den elementaren Zentren des Gehirns hervorrufen.

Wir besitzen nur wenige Aufschlüsse über die anatomischen Veränderungen, die von diesen Medikamenten im Zentralnervensystem hervorgerufen werden.

Schwierigkeit, die Verletzung des Gehirns zu interpretieren, sobaldTodesfälle auf Grund von Komplikationen eingetreten sind. Signifikante Veränderungen des Nervensystems sind in allen Fällen festgestellt worden. Die Läsionen sind diffus und betreffendas ganze Gehirn.

Alle reversiblen Merkmale psychomotorischer, neurologischer, vegetativer Ordnung, die durch verschiedene Neuroleptica hervorgerufen werden, sind bereits klassisch beschrieben worden im Zusammenhang mit der Gehirnentzündung von Economo und ihren Nachwirkungen.

 

Mamadou:

– Ich würde Ibraima überhaupt keine psychotropen Medikamente geben. Ich würde ihm Aspirin geben oder Placebos. Aber der Chef besteht auf Neuroleptica.

– Neuroleptica bei Hormonstörungen!

– In einem normalen Dorf hätte Ibraima keine Schwierigkeiten. Er würde akzeptiert werden.

– Seine Familie besteht hier auf der falschen Behandlung.

 

Jean Delay und Pierre Deniker:

Das Chlorpromazine, Largactil, der Prototyp aller Neuroleptica, ist und bleibt das Grundheilmittel in der Psychiatrie.

Vorläufige Anmerkung, den Potentialisator 45 600 RP betreffend, vom März 1952.

Laboratoires Rhone-Poulenc-Spécia.

Gewisse Derivate des Phänotiazins besitzen gebündelte Wirkungen auf das Zentralnervensystem, Laborit und Huguenard haben diese während der Herstellung der potentialisierten Anästhesie herausgearbeitet.

Das kann bis zu einer Anästhesie ohne Anästheticum führen.

Wirkungen auf die allgemeine Temperatur.

Wirkungen auf den Rhythmus des Pulses.

Wirkungen auf den arteriellen Druck und den Gefäßdruck.

Wirkungen auf den Atemrhythmus.

Andere Auswirkungen auf das Vegetativum.

Wirkungen auf die Zusammensetzung des Blutes.

Das Chlorpromazine ist ein starkes Mittel, dessen Anwendung weniger als Dauerbehandlung betrachtet werden sollte, denn vielmehr als eine vollständige Chlorpromazination.

Eine permanente Durchtränkung der Nervenzellen muß erreicht werden.

Die große Wirksamkeit bei der Behandlung von Psychosen, welche die Besonderheit des Chlorpromazins ausmacht, findet keine Entsprechung auf dem Gebiet der Neurosen.

Sekundäreffekte und Unfälle:

Plötzlicher Tod.

Venenentzündung.

Verstopfung von Blutgefäßen.

Lungenschlag.

Kreislaufkollaps.

Photosensibilisierung.

Dermatoluzitis.

Pseudowundrose.

Gelbsucht.

Abnorm beschleunigte Herztätigkeit.

Verminderung der Speichelabsonderung.

Verlangsamung der Verdauungsbewegungen von Magen und Darm.

Veränderungen des Wärmehaushalts.

Störungen des inneren Stoffwechsels.

Fettsucht.

Veränderungen der Regel.

Milchfluß.

Abnahme der Sexualtätigkeit.

Rheumatismus.

Das extrapyramidale Syndrom:

Psychomotorische Indifferenz.

Motorische Lähmung ohne erhöhte Muskelspannung.

Amimik.

Abnorm starke Absonderungen der Talgdrüsen.

Speichelfluß.

Langsamkeit der Bewegungen.

Gestelzte Haltung ohne Schwenken der Arme.

Zittern.

Oculogyre Krisen.

Abnorme Mundbewegungen.

 

König David im Schumm ist Händler.

Er lebt vom Schmuggel mit Liberia, Sierra Leone.

Er schmuggelt Stoff.

Er muß die Zöllner schmieren.

Wenn er das Dorf geheilt entläßt, beginnt alles wieder von vorn.

 

Jean Delay und Pierre Deniker:

Levomepromazine.

Nozinan.

Die Wirkung ist oft stärker als die des Chlorpromazines bei heftigen und besonders heftigen psychotischen Erregungszuständen. Höhere Wirksamkeit bei Fällen von Depression.

Günstige Wirkung bei Schizophrenien und anderen chronischen Psychosen.

Die hypnische Wirkung zu Beginn der Behandlung ist oft so intensiv, daß die Patienten davon geschlagen werden wie die Schöne im Märchen.

Wir konnten Patienten beobachten, die stehend einschliefen und zusammenbrachen.

Diese Wirkung kann zu Ohnmachten und Kreislaufversagen führen.

Die schwersten Unfälle, die tödlich sein können, sind Ödeme und Lungeninfarkte.

Es treten Vergiftungen auf.

 

Mamadou sagt, Aidara, die meine Hand nicht wieder losläßt, sei kürzlich verheiratet worden. Ihr Mann habe in der Hochzeitsnacht die Ehe nicht vollziehen können.

 

Jean Delay und Pierre Deniker:

1959 demonstrierten belgische Psychiater die neuroleptischen Eigenschaften einer neuen chemischen Gruppe, die völlig verschieden von den vorhergehenden waren, die der Butyrophänone.

Ihr Prototyp ist das Haloperidol.

Es beruhigt vor allem Erregungszustände und Delirien. Hier übertrifft es die bisher bekannten Neuroleptica.

Die Sekundäreffekte sind denen der anderen Neuroleptica nahe verwandt.

Möglichkeit eines malignen Syndroms, welches durch ungewöhnlich hohe Körpertemperatur, übermäßiges Schwitzen Zusammenbruch des Wasser- und Mineralstoffhaushalts des Körpers und legentlich durch diffuse oder fleckige Rötung der Haut angezeigt wird. Der sofortige Abbruch der Behandlung notwendig, da sonst tödliche Komplikationen einteten können, wie sie bereits bei den anderen starken Medikamenten erwähnt wurden.

 

Als Sagna, der Meckerer, dreißig war, wurde er von seinen Brüdern in Dakar eingefangen und gefesselt in sein Dorf zurückgeschleppt und in den Heiligen Wald der Einweihung.

 

Jean Delay und Pierre Deniker:

Tofranil.

Die Einführung des Dimethylamino-propyl-imino-dibenzyls als antidepressiven Medikaments folgte 1957.

Die meisten Komplikationen können durch einfache Mittel behoben werden.

In ausreichender Dosierung verhält es sich wie eine epilepsieerzeugende Droge.

In kleinen Dosen hat es eine resynchronisierende Wirkung.

Es bleibt zu erforschen, welche der beiden Eigenschaften die therapeutische antidepressive Wirkung ausmacht.

 

lbraima, der Hermaphrodit, liegt bewegungslos unter dem Mangobaum.

Er sitzt bewegungslos unter dem Mangobaum.

Der Übergang von der einen Stellung zur anderen geschieht

ruckartig.

Ein Fallen von einer Starre in die andere.

lbraimas, des Hermaphroditen Mutter Flechte wächst.

Sie wird nicht behandelt.

 

Mamadou stellt im Freien seinen Plattenspieler auf.

Er spielt senegalesischen O-Kay-Jazz.

Mamadou tanzt.

Der große Diaraf tanzt, der Sarakole, und der kleine, der Bambara.

Der Zöllner tanzt.

Und der Büroangestellte.

Sie wackeln mit dem Arsch.

Sie stoßen mit den Hüften gegeneinander.

Sie legen vorsichtig, der eine die rechte, der andere die linke Hand oben neben den Köpfen zusammen.

Der eine legt dem anderen die Hand unters Kreuz und die Paare

schieben aneinander vorbei.

Graziös und starr.

Der Zöllner dreht sich um und reckt Mamadou den Arsch hin.

Vorsichtig faßt Mamadoudem Zöllner links an den Arsch, rechts an den Arsch und in die Mitte.

Der Zöllner dreht sich wieder zurück und Mamadou faßt ihm leicht, schnell zwischen die Beine.

Mamadou holt seinen Sohn.

Er tanzt mit ihm auf den Armen.

 

lbraima geht.

Es bewegt ihn nicht.

Seine Brüste, sein Glied, sein Fett, seine Augen, die Haltung seines Kopfes werden, wenn lbraima geht, nicht bewegt.

Verschoben.

Leonore beobachtet, daß Ibraima, neben dem Fußballspiel von Ngagne, dem Zöllner, Mamadou eine Bewegung äußert, ein Zucken im Nacken, im Knie.

Sie sind vom Fußball geblendet und bemerken Ibraimas Bewegung nicht. Und dann ist es auch schon vorüber und wieder wie vorher.

 

Montags, mittwochs, freitags, gegen vier Uhr nachmittags, wird das Pinth abgehalten.

Unter einem Runddach.

Es ist eine Art Dorfversammlung.

Die Patienten kommen mit ihren Begleitern.

Es wird Tee gekocht.

Der große Diara, der Sarakole, übersetzt Anfragen und Entgegnungen.

Peul. Woloff. Diola. Mandingue.

 

Die hochbusige Aidara kommt zum Pinth.

Sie hat alle ihre Sachen gepackt. Sie will im Schumm mit ihrem Bündel auf dem Kopf weggehen.

Die Mutter folgt ihr.

Aidara wird ausgelacht.

 

Paul läßt sich von einem kleinen Mädchen einen Liegestuhl ins Pinth bringen.

Er liegt in der Mitte der kreisförmigen Versammlung und räuspert sich.

Als räuspere er sich für alle Wörter der anderen mit.

Neben seinem Liegestuhl stellt das kleine Mädchen einen Emailletopf hin.

Da spuckt er rein.

Gott, er räuspert sich eben!

Laß ihn doch spucken!

Er unterschlägt die Wörter, wegen derer er sich räuspert.

 

Zu Beginn des Pinth wird Tee zubereitet.

Mamadou setzt sich in die Mitte.

Ein Paket mit grünem, chinesischen Tee.

Eine Schachtel mit Würfelzucker.

Mehrere Gläser.

Ein Tablett.

Eine Teekanne.

Ein Eimer mit Wasser.

Ein eiserner Holzkohleofen.

Mamadou wäscht die Gläser aus.

Mamadou arrangiert mit nackten Fingern die Glut.

Mamadou füllt die Teekanne voll Tee, gießt etwas Wasser darauf, bringt es zum Kochen.
Mamadou gießt den Absud von hoch oben in ein Glas, schäumend.

– Rincer le the.

Den Tee durchspülen.

Viel Schaum.

Ohne Schaum kein Respekt den anderen gegenüber.

Mamadou stellt den ersten Aufguß zur Seite, um den dritten Geschmack, den vierten Aufguß damit zu verstärken.

Mamadou legt Zuckerstücke auf die nassen Teeblätter und füllt Wasser nach.

Mamadou stellt die Kanne auf die Holzkohle.

Mamadou füllt schäumend die Gläser voll.

Es gibt drei Geschmäcker.

Das ist der erste.

Mit wenig Zucker.

Leouel.

Für die Männer.

Die Frauen dürften.

Die Mädchen nicht.

Dieser Geschmack ist bitter. Er regt zum Geschlechtsverkehr an.

Der Diaraf, der Sarakole reicht die Gläser herum.

Die Frauen weigern sich zu trinken.

Die Männer trinken.

Leonore darf trinken und findet es zu bitter.

Der dritte Aufguß, der zweite Geschmack ist süßer. Er ist für alle.

Der vierte Aufguß, der dritte Geschmack ist für alle.

Der Taxichauffeur weigert sich im Hotel beschämt, Tee mit uns zu trinken.

– Ich weiß nicht, wie sie ihn hier zubereiten.

 

Pinth

Mittwochnachmittag.

Der Diaraf, der Sarakole, entschuldigt sich, daß er nicht gleich von Anfang an übersetzt habe.

Die Mutter von Ibraima wolle wissen, was mit ihrem Sohn, dem Hermaphroditen sei.

Er rede nicht.

Er antworte nicht.

Gestern nacht habe er draußen geschlafen.

Sie habe ihn angesprochen.

Er habe nicht reagiert.

Der Chef antwortet.

Der Diaraf übersetzt die Antwort.

Der Chef habe vor einer Woche beabsichtigt, Ibraima, den Hermaphroditen nach Hause zu entlassen.

Die Mutter sei dagegen gewesen.

Sie habe mehr Medikamente für ihren Sohn verlangt.

Die Schwester von Fatou sagt, übersetzt Diaraf, der Sarakole, Fatou habe gestern keinen Stuhlgang gehabt.

Auf Fatous Körper zeigen sich ein paar striemenartige Rötungen, was vielleicht darauf hindeutet, daß ihr Körper geschwollen sei.

 

Golan stürzt wieder zur Zuckerschachtel

Die Mutter schickt ihn weg.

Er soll seine Hose wechseln.

Er läuft aus dem Versammlungshaus zu dem unfertigen Betonfundament.

Er zieht sich aus.

Er geht zum Haus, wo seine Familie untergekommen ist, und zieht dort den schwarzen Pullover und die schwarze Hose an.

Als er ins Versammlungshaus zurückkommt, herrscht die Mutter ihn an. Sie hält den kleinen Bruder Golans oder Halbbruder Golans auf den Knien und säugt ihn.

Golans Bruder schlägt einem anderen Säugling mit beiden Fäusten ins Gesicht.

Golan läuft wieder zum unfertigen Betonfundament, nimmt die abgelegte Hose auf, riecht daran, trägt sie zum Haus der Familie hinüber.

Mamadou schlägt vor, Golan weniger Neuroleptica zu verabreichen.

 

Mamadou fragt Sagna, den Meckerer aus.

Sagna antwortet schräg an seinem Vater vorbei.

– Ich bin 1955 beschnitten worden.

– Also mit 14 Jahren.

– Nicht in meinem Dorf.

– Ich war nicht im Heiligen Wald.

–Heiliger Wald und Beschneidung treffen nicht immer zusammen.

– Meine Altersklasse sollte erst 1971 in den Heiligen Wald.

– Ich arbeitete in einem Krankenhaus als Pfleger.

– Ich wurde Sekretär eines Forschungsteams.

Mamadou fragt Sagnas Vater.

Sagnas Vater antwortet schräg an seinem Sohn vorbei.

– 1969 hatte er die ersten Anfälle.

– Der Arzt des Krankenhauses schickte ihn nach Dakar, nach Fann, ins Universitätskrankenhaus.

Sagna sagt:

– Ich ging nicht in mein Dorf zurück.

– Ich ging nicht in den Heiligen Wald.

– Ich weigerte mich, wegen der Wunden, die mir die Stricke geschnürt hatten.

– Ich ging zur Polizei und zeigte meine Familie an.

Sagnas Vater leugnet, an der Entführung beteiligt gewesen zu sein.

Was warvon 1971 bis 1975?

Der Vater sagt:

– 1975 wird für Sagna eine besondere Zeremonie im Heiligen Wald gemacht, damit er nicht den Anschluß an seine Altersklasse verliert – sonst muß er später mit welchen in den Heiligen Wald, die seine Söhne sein können. Er würde mit einem besonders verächtlichen Namen benannt und müßte bei den Frauen sitzen.

Nun sprudelt der Chef über und erzählt Leonore vom Stolz der Jungen im Heiligen Wald.

Mamadou sagt:

– Man muß in stechender Mittagshitze über Dornenfelder kriechen.

–Man wird den ganzen Tag geprügelt, wenn man die Bewegungenund Laute der Geheimsprache nicht gleich behält.

Der Chef sagt:

– Aber wir sind stolz. Die Jungen sind stolz. Sie können es gar nicht erwarten. Der Vater verspricht dir eine ganze Rinderherde, wenn du die Mutproben bestehst. Er sagt: Du wirst stark wie ein Stier.

Mamadou ist mit dem Pinth nicht zufrieden.

– Der Chef redet zuviel. Die Kranken sollen reden. Das ist schwer genug. Die Leute verstehen sich untereinander nicht, wegen der verschiedenen Sprachen.

Und dann:

Der Sohn darf nichts gegen seinen Vater vorbringen.

Die Frau darf nichts gegen ihren Mann vorbringen.

Manche Dinge dürfen überhaupt nicht angesprochen werden.

Das wäre schamverletzend.

Wenn dann der Chef noch die Diskussion an sich reißt, kommt

überhaupt nichts dabei heraus.

 

Leonore und ich wollen etwas beitragen.

Sollen wir Medikamente kaufen oder ein Essen für alle geben?

Mamadou sagt, ein gemeinschaftliches Essen würde etwa 6o DM kosten.

Sie diskutieren unseren Vorschlag im Pinth.

Sie entscheiden sich für das Essen.

 

Die Begleiterinnen, die Mütter beginnen zu klatschen.

Sie klatschen, um sich für das angekündigte Essen zu bedanken

Langsam, schneller, schneller.

Die Begleiterinnen, die Mütter springen vom Rand des Versammlungshauses auf, raffen die Röcke, singen, juchzen, trampeln, steppen, schämen sich.

Fatou schläft im Sand ihren chemischen Schlaf.

Die Mütter rufen sie.

Ihre Lider schieben sich hoch und zurück.

Fatou hebt sich hoch.

Sie durchstößt die Pillen wand.

Springt vor, rafft den Rock, singt, juchzt, trampelt, steppt, schämt sich.

Ibraima springt nicht vor.

Er hat keinen Rock.

Er singt.

Er juchzt.

Er trampelt.

Bis zum Step bringt er es nicht.

Ich rufe Golan.

Golan zwitschert.

Hüpft auf der Stelle.

Dann zieht er, links herum, mit nachschleppendem rechten Fuß, den er nach jedem Seitenschritt tiefer in den Sand drückt, eine Spur, um den Mittelpfeiler, zu einem nicht ganz geschlossenen Kreis.

 

Farnartig?

Aderflüglerbotschaften?

Gestörte Botschaften?

Durch Störungen wieder insektenartig?

Durch die Störungen heilender Chemikalien wieder farnartig?

Frühzeitlich?

Steinzeitlich?

Frühe Einweihungsriten?

Einweihungsriten der frühen Kindheit?

Eingedämmert durch den Alltag der Casamance?

Eingedämmert durch Radio, Autos, sozialen Wohnungsbau?

Gestört durch Drüsen, Träumen, Schlagstürze?

Weggezittert durch Haloperidol, Anafranil, Nozinan, Largactil?

Die Mütter klatschen.

Vorspringen, Hose raffen, Singen, Juchzen, Trampeln, Steppen.

Synkopisch genau.

Nur eine leichte Verschiefung im Sand, daß sich die Botschaft nicht mehr ganz schließt.

 

In ein dickes Buch werden die Patienten und ihre Begleiter eingetragen.

Nummer 1 bis 42 in Mamadous Schrift.

Nummer 43 bis 203 in der Schrift des Chefs.

Nummer 1 der Patient.

Nummer 2 der Begleiter.

Von Nummer 189 an werden die Begleiter nicht mehr numeriert.

Wenn Mamadou also sagt: Wir haben hier 203 Fälle behandelt, ist es nur halb richtig.

Patienten waren es nur 108.

Doch seine Aussage ist nur halb falsch, wenn man die Geistesstörung auffaßt als eine Störung zwischen Individuum und Umwelt, wenn man die Familie in ihrer Einstellung zur Geisteskrankheit ebenso zu verwandeln versucht wie den von ihr Befallenen.

Neben dem dicken Buch gibt es eine Kartei.

Mamadousortiert am Morgen die Karteikarten.

Der Chef sortiert am Nachmittag die Karteikarten um.

 

Golan.

12 Jahre alt.

Katholik.

(Animist).

Aus Oussouyé.

Seit dem 2. Dezember 1975 als Externer behandelt.

Melleril.

Jean Delay und Pierre Deniker:

Thioridazine – Melleril – könnte fast als Beruhigungsmittel eingestuft werden, wenn es nicht bei Psychosen wirksam wäre. Nur selten Sekundäreffekte; fast völliges Fehlen von extrapyramidalen Anzeichen.

2 Cafélöffel morgens und mittags.

3 Cafélöffel abends.

4. Dezember 1975:

Er ist weniger unruhig, aber immer noch gestört.

3 Cafélöffel Melleril morgens, mittags und abends.

18. März 1976:

Er ist immer noch gestört.

Haloperidol forte 10 Tropfen, 1 Milligramm morgens.

1 Milligramm mittags.

1,5 Milligramm abends.

Jean Delay und Pierre Deniker:

Die mittlere Dosierung liegt bei 7,5 und 15 Milligramm täglich.

20. März 1976:

Ins Dorf aufgenommen – „hospitalisiert“ um Golans Darmparasiten zu behandeln.

Bilharziose vierfach positiv.

Spulwürmer vierfach positiv.

Hakenwürmer vierfach positiv.

Am 22. März 1976 wiegt Golan 30 Kilo.

Wurmkur.

Bilharziosekur.

5. April 1976:

Spulwürmer negativ.

Bilharzia einfach positiv.

Hakenwürmer einfach positiv.

 

20. April1976:

Haloperidol heruntergesetzt auf morgens 0,5 Milligramm, abends 1 Milligramm.

22 . April1976 :

Der Vater sagt:

Golan ist Schäfer.

Vor einem Jahr hat er angefangen, Selbstgespräche zu führen und herumzustreunen.

Aber er kam immer wieder nach Hause zurück.

Mit vier, fünf Jahren wurde er weggegeben zur Großmutter. Als er krank wurde, nahmen wir ihn zurück.

Der Vater ist Bauer, Landwirt, „cultivateur“.

Die Mutter sagt, die Störungen hätten schon vor fünf Jahren eingesetzt.

 

Ibraima.

Diola.

18 oder 19 Jahre alt.

Aus Ziguinchor.

Seit April 1975 völliges Verstummen.

Verweigert von Zeit zu Zeit die Nahrung.

Weigert sich manchmal, Kleidung zu tragen.

Seit vier Jahren in Maua, einem traditionellen psychiatrischen Dorf der Diola, behandelt.

Die Mutter sagt:

Seit sechs Jahren ist er krank. Er ist gefallen und hatte zwei Tage lang das Bewußtsein verloren.

Seither sprach er nur unzusammenhängende Sätze.

Unruhe.

Aber er prügelt sich nicht.

Er wird am 28. November 1975 in das Dorf aufgenommen.

Morgens eine Ampulle Anafranil, 25 Milligramm,

eine Ampulle Nozinan, 25 Milligramm.

Mittags 2 Tabletten Anafranil, 20 Milligramm,

eine halbe Tablette Nozinan, 50 Milligramm.

Abends eine Tablette Nozinan, 100 Milligramm.

Jean Delay und Pierre Deniker:

Die schwache Dosierung von Anafranil besteht in aufgeteilten

Gaben von 50 bis 125 Milligramm täglich.

Die starke Dosierung von Nozinan, 100 bis 200 Milligramm täglich, verlangt Bettruhe und mehrmalige tägliche Kontrolle des Blutdrucks. Es ist angezeigt, die Dosierung zu verteilen und 10 Milligramm je Gabe nicht zu überschreiten.

30. Dezember 1975:

Morgens 20 Milligramm Anafranil,

25 Milligramm Nozinan.

Mittags 20 Milligramm Anafranil,

25 Milligramm Nozinan.

Abends eine Tablette Largactil, 25 Milligramm.

Am 11. Januar 1976 hat lbraima Halluzinationen.

Kein Largactil mehr.

Drei Mal 25 Milligramm Nozinan.

Am 3· April 1976 verlangt die Mutter eine Behandlung mit Haloperidol.

 

Haloperidol forte morgens 2 Milligramm,

mittags 2 Milligramm,

abends 3 Milligramm und zwei Schlaftabletten.

 

Fatou.

Diola.

46 Jahre alt.

Muselmanin.

Fünf Kinder – davon eines gestorben.

Seit dem 14. März 1976 starke Unruhe.

Verfolgungswahn.

Überstürzter Redefluß.

Sie sagt:

Ich bin verrückt.

Ihr älterer Bruder sagt ihnen, mich sterben zu lassen, denn ich bin verrückt.

Einer ist der Sohn meiner Tante.

Meine Tochter ist tot.

Ihr Mann ist tot.

Ich habe vergossen.

Ich habe geopfert.

Der Khoulendou Kaye.

Ich bin in diesem Gott.

Sie sagen, ich hätte ihre Kinder gegessen.

Morgens und abends zwei Ampullen Largactil, 100 Milligramm, zwei Ampullen Haloperidol, 10 Milligramm.

Am 7. April1976 ist die Kranke ruhiger geworden.

Morgens und mittags 100 Milligramm Largactil als Tabletten, 2 Milligramm Haloperidol als Tropfen.

Abends 150 Milligramm Largactil, 3 Milligramm Haloperidol

 

Aidara.

20 Jahre alt.

Aus Bignona.

Seit 1972 Unruhe.

Prügelt sich.

Klagt über ihre Ohren.

Da ist etwas, was spricht.

Mit einem Polizisten verheiratet.

Die Hochzeit wird nicht vollzogen.

Seither Störungen.

In Fann, Dakar, seit August 1973 extern von Dr. Dorès behandelt.

Am 10. Februar 1976 in das Dorf aufgenommen.

Seit 27. Februar 1976:

Morgens und mittags 50 Milligramm Nozinan,

3 Milligramm Haloperidol;

abends 100 Milligramm Nozinan,

3 Milligramm Haloperidol.

 

Die hochbusige Aidara wirft ihr Kleid bei der Reisverteilung ab.

Sie steht blitzschnell nackt.

Ihre Mutter hüllt ein Tuch um sie.

 

Mamadoubehandelt die Flechte von lbraimas Mutter mit Penicillin.

Der Chef sagt:

– Das ist falsch.

Wir brauchen eine cortisonhaltige Salbe.

Aber wir haben nicht das Geld, um sie zu kaufen.

 

Vom Pilzmittel bis zum Ohrenstöpsel haben wir alles in unserem Medizinbeutel.

Leonore erinnert sich an den Rest einer cortisonhaltigen Salbe.

Sie gibt die Tube dem Chef für Ibraimas Mutter.

Er hilft ein bißchen.

Ibraimas Mutter kommt mit dem Hermaphroditen.

Sie deutet auf ihren Sohn mit verwunderten Augen.

Sie klagt eine Sprache hervor, die wir nicht verstehen.

 

Die hochbusige Aidara hat verstanden, daß ich sie nicht heiraten

will und heimführen.

Sie setzt sich neben Leonore und kitzelt ihr die Beine mit einem Grashalm.

Leonore empfindet das als Stichelei.

 

Mamadou sagt, Aidara sei auch hinter ihm, langsam, im Schumm, hergewesen.

Wenn er mit seiner Frau im Bett lag, drang sie ins Haus und zog ihnen die Bettdecke weg.

Als Mamadous Frau in die Wehen kam, versuchte Aidara, die Hochbusige, sie zu erwürgen.

 

Sagna, der Meckerer sagt:

Mein Vater macht Politik.

Sie haben mich nach Fann gebracht.

Der Doktor hat nichts feststellen können.

Die Radiostationen verbreiten, ich würde gegen Senghor konspirieren.

 

Ich war 1961 Soldat.

1963 trat ich in das staatliche Gesundheitswesen ein.

Mein Vater hat zwei Frauen.

Meine Mutter ist gestorben.

Bevor sie starb, vertraute sie mir einen Bruder an, zwei Schwestern und einen jüngeren Bruder.

Der Hauptgrund: Es existiert eine Ausbeutung des Gehirns mit telepathischen und audiovisuellen Mitteln.

Vorher eine Vergiftung des Gehirns.

Deshalb gehe ich dagegen an und spreche vom Radio.

Ich bin Diola, wie mein Bruder.

Ich bin wegen einer Beschneidung gekommen.

Ich bin nicht beschnitten worden.

Ich habe kein Recht auf eine Frau.

Ich bin Doktor.

Der Vater sagt:

Mein Sohn ist verrückt.

Er spricht für sich allein.

Er flucht.

Wenn das Radio an ist, flucht er und sagt, man spreche über ihn.

Er hat sich mit seinem Bruder geschlagen, weil der ihm gesagt hat, still zu sein.

König David im Schumm sagt:

Ich sage nichts.

Ich habe nichts.

Ich bin hierhergekommen, weil mich meine Mutter hierhergebracht

hat.

Ich habe Angst, denn nachts sehe ich etwas wie einen Geist oder wie eine Schlange, die in mich hineinkriecht.

Dann habe ich Angst.

Ich will allein sein, das habe ich.

Ich will nicht, daß die Leute es wissen.

Ich lasse es zwischen Gott und mir.

Ich habe Schmerzen in meinem Hintern.

Ich spreche für mich selbst, denn mein Herz schmerzt.

Ich sehe nichts.

Ich höre nichts .

Wenn ich schlafe, träume ich, daß ich Geister sehe.

Ich bin hierher gekommen, um zu bleiben.

 

Im nächsten Pinth wird wieder das gemeinsame Essen abgehandelt.

Fisch oder Fleisch?

Die Frauen wollen Fleisch, Fleisch!

Ich denke an das Fleisch auf den Märkten unter der Sonne der Casamance und werfe einen Hai in die Debatte.

Sie akzeptieren den Hai selbstverständlich.

Aber sie sind enttäuscht.

Das harte Fleisch wäre ein Fest gewesen.

Hai ist banal.

 

Die Rhythmen des Händeklatschens, des Singens sind stärker als Anafranil, Largactil, Haloperidol, Nozinan.

Die Rhythmen überwinden Pseudoparkinson, diencephales Syndrom, extrapyramidales Syndrom.

Sollen wir für das Dorf eine Trommel kaufen?

Wenn man davon ausgeht, daß die psychischen Störungen Störungen der Familie, der Gesellschaft sind, dann sind Golan, König David im Schumm, Sagna, der Meckerer, Ibraima, der Hermaphrodit, die hochbusige Aidara erkrankt, weil ihre Gesellschaft zwischen Magie und Säkularisation, Kräutern und Chemikalien, Auto und Hacke unverhältnismäßig aus dem

Gleichgewicht gebracht wurde; weil sie selbst, zwischen Supermarkt und Marktplatz unverhältnismäßig aus dem Gleichgewicht gebracht wurden.

Nun häufen Mamadou und der Chef auf der einen Schale weiße Pillen und Pulver.

Das Ungleichgewicht wird größer.

Die Spannung läßt nach.

Häufe ich auf der anderen Trommel, Balafon, Piepen und Pfeifen, tritt ein neu es Gleichgewicht ein.

Die Spannung nimmt zu.

Nimmt sie zu?

Ist sie nicht genau so groß, wenn die von Nozinan, Largactil, Haloperidol, Anafranil schwere Schale nach unten sinkt und die von Piepen und Pfeifen, Trommeln und Balafon leere nach oben klötert?

Man kann psychische Vorgänge nicht an Hand von Waagen abbilden oder als Bergwerke darstellen.

Ich kaufe die Trommel.

 

Golan packt die Trommel aus.

Er zwitschert.

Er jubelt.

Er beginnt zu trommeln.

Der Diaraf, der Bambara, nimmt die Trommel, trommelt.

Die Frauen nehmen die Trommel, trommeln .

Golan tanzt.

Ibraima tanzt.

Der Diaraf, der Bambara tanzt.

Er reckt den Arsch.

Er stößt den Schwanz.

Er faßt sich vorn hin.

Die Frauen klatschen, springen vor, raffen die Röcke, juchzen, trampeln, steppen.

Fatou wird heute nicht ergriffen.

Leonore bemerkt:

– Mit mehr Haloperidol tanzte Golan exakter.

Beim nächsten Pinth ist die Trommel bereits von Riten eingefangen.

Sie wird von dem Diaraf verwahrt und nur zum Pinth herausgeholt.

Golan, der verrückte Unmündige, soll nicht auf der Trommel trommeln.

Heute fehlen der Chef und Mamadou.

Schweigen.

Ich frage, warum wird nicht immer gemeinschaftlich gegessen?

Weil kein Geld dafür da ist.

Warum kann man nicht gemeinschaftlich etwas verdienen?

Der große Diaraf, der Sarakole sagt, wir brauchen einen Ergotherapeuten.

Und ohne Ergotherapeuten?

Wer kann was?

lbraimas Mutter macht Besen.

Golans Mutter kann schneidern.

Pauls Mutter kann spinnen.

Aidaras Mutter kann Stoffe färben.

Ngagnes Mutter war Händlerin in Kaolack.

Kann man damit nichts anfangen?

Und die Männer sitzen den ganzen Tag unter den Mangos.

Alle lachen.

Sollten die Männer nicht auch mal was tun?

Wir arbeiten genug, sagen die Frauen.

Sie sind mehr dafür, gelegentlich etwas Geld für ein gemeinschaftliches Essen zusammenzulegen oder die durchreisenden Toubabs, die Weißen, zu einer Stiftung anzustiften.

 

Golan hat ein Stück Papier mit Naschzeug in der Hand.

Er verteilt davon an Mamadou, an seine Mutter, an die anderen

Kinder.

Die Mutter ruft ihn gleich zurück.

Er versucht einen Korb zu flechten .

Sie schlägt ihm die Arbeit aus der Hand.

Mamadouruft sie zurecht.

Sie fügt sich.

Golan darf weiterflechten.

Aber als Mamadousich entfernt hat, nimmt sie Golan den Korb

weg.

 

Leonore und ich kommen etwas nach neun.

Die Frauen sitzen unter dem Mangobaum. Aidaras Mutter

schuppt einen kindsgroßen Fisch.

Er heiße “Capitaine”.

Kleine, handgroße in einer Schüssel, “Carpes”, aber es sind keine Karpfen.

Große Tomaten.

Kleine Tomaten.

Rote, große, scharfe Pfefferschoten.

Grüne tomatenähnliche Früchte, die sie “Aubergines” nennen.

Violette, runde Auberginen.

Knoblauch.

Zwiebeln.

Weißkohl.

Trockenfisch, wenig.

Erdnußöl – kein rotes Palmöl.

Petersilie – oder ist es Korianderkraut?

Papierpäckchen mit Gewürzen.

Dürre Stämme tragen die Frauen auf dem Kopf herbei.

Eine holt Glut von zuhause.

Das eine Ende der Stämme wird zwischen drei Steine gelegt.

Feuer entfacht.

Töpfe drauf.

Die Stämme werden unter den Töpfen, zwischen den Steinen nachgeschoben.

Die Frauen zerdrücken die Tomaten und sieben die Schalen und Kerne ab.

Sie gießen Öl in die Töpfe.

Sie zerschneiden den “Capitaine” in Stücke.

Sie zerstampfen die Petersilie oder den Koriander, Pfefferkörner, Lorbeerblätter, Knoblauch, grobes Flußsalz.

Sie bestreichen die Fischstücke mit der Masse.

Sie sieden den Fisch im Öl gar, nehmen ihn heraus, halten ihn zwischen Schüsseln warm.

Sie säubern und teilen die Gemüse, werfen sie in Öl, gießen die Tomatenflüssigkeit hinterher, garen das Gemüse, nehmen es wieder heraus und halten es zwischen Schüsseln warm.

Der Reis kommt hinein.

Sie rühren den Reis um, legen Deckel auf die Töpfe.

Steine drauf.

Als das erste Mal probiert werden soll, tanzt Aidaras Mutter mit der Probe in der Hand.

Fisch, Gemüse, Reis werden auf zwei Schüsseln verteilt und den Männern ausgehändigt.

Im Versammlungshaus hocken sich die Männer um jede Schüssel im Kreis zusammen und essen.

Formen mit den Händen Essensbällchen, lassen die Flüssigkeit abtropfen.

Zu trinken hat der Chef Coca-Cola, Fanta, Bier herangebracht.

Die Männer gießen sich nach der Mahlzeit gegenseitig Wasser aus Tonkrügen über die Hände, sie spülen sich den Mund, kauen auf den Mundhölzern, reinigen sich die Zähne mit barstenartig ausfasernden Stöcken.

Gegen drei essen die Frauen den Rest.

Der Chefund die Frauen danken für das Essen.

Wir danken den Frauen.

Das sind sie nicht gewöhnt.

Mamadou holt seine Platten.

 

Golan aß mit uns.

Jetzt bricht er.

Er erbricht kurz, oft, wenig, eher Speichel.

Ich tanze mit Golan.

Die Männer tanzen untereinander.

Für einen Augenblick tanzen wir zusammen: Golan, seine Mutter,

sein Bruder oder Halbbruder, ich.

Dann stößt die Mutter Golan weg.

Golan versucht, mit einer Schüssel voller Resten zu entkommen.

Die Mutter bricht einen Stock vom Baum, droht ihm.

Golan verkriecht sich in den Schoß des weißen Wolfgang, der gekommen ist, um uns abzuholen.

Golan legt seinen Mund an Wolfgangs Brust.

Golan reckt Wolfgang den sandbedeckten Kopf hin.

Wolfgang streichelt ihn sauber.

Das scheint Golan zu beruhigen.

 

Der große Diaraf, der Sarakole sagt:

– Verstehst du nicht: In Afrika hat der Irre nicht das Recht, mit seinem Pfleger zu reden?!

 

Golans Mutter verkehrt im Haus des Chefs.

Golan kommt zur Frau des Chefs.

Er reckt ihr den Kopf hin, daß sie ihm den Sand aus den Haaren streicht und ihm die Augen sauber wischt.

 

Mamadou: Golan hat den typischen Kopf eines Schizophrenen.

Der Chef: Golan hat den typischen Kopf eines Schizophrenen.

 

Zwei Jungen aus dem Nachbardorf, es sind keine Mancagne, sondern Mandingue, Brüder, haben sich kahlscheren lassen.

Ihre Schädel kommen vom Hof Echnatons, von Amarna.

Der Chef erklärt mir, was der typische Kopf eines Schizophrenen ist. Er beruft sich dabei auf seinen Lehrer, den Arzt Moussa Diop.

– Abgeplatteter Hinterkopf.

– Eingeengte Stirn.

– Übertriebene Form.

– Der Schädel verformt sich zu einer Art Dreieck.

Der Chef nimmt Golan her und zeigt die Merkmale auf.

Hier sind Mamadou und der Chef einig.

Auch der Marxist Mamadou verteidigt eine endogene Determinierung der Schizophrenie.

Unbedacht?

Schlecht informiert?

Erfahrener?

 

Ngagne ist einer der hübschesten unter der hübschen Bevölkerung.

Er ist gefaßt.

Mit einer jugendlichen, nüchternen Mutter.

Und natürlich sagt Mamadou – wie es bei den Psychologen auf der ganzen Welt Sitte ist, wenn sie von einem normal wirkenden sprechen:

– Ngagne ist der Krankste von allen.

Ich möchte dem intellektuellen Ngagne ein Buch mitbringen.

Aber es erscheint mir als eine ungeheure Bevorzugung denen gegenüber, die nicht lesen können.

Und doch, was für eine Vernachlässigung Ngagnes ist es.

 

Ich spiele “Dame“ mit Ngagne.

Senegalesische “Dame“.

Durch einen Handstreich der Afrikaner, wie ein Witz, ist das langweilige Kinderspiel strategisch und taktisch ins Mehrdimensionale gesteigert.

Die Steine dürfen immer nach vorne und hinten schlagen.

Ach, meine weißen Herren fallen reihenweise.

Ein unbedachter Zug zu Anfang und das Brett wackelt bis ins fernste Karo.

Leergeschlagenes Feld.

Wie nachsichtig lacht Ngagne über meine Unvorsichtigkeiten.

Ich bin kein ergiebiger Partner für sein spielerisches System.

 

Der Chef:

– Golan erkennt seine Mutter nicht als Mutter an.

– Die Kinder werden mit zwei Jahren abgesetzt.

Oft gibt man sie dann zu Verwandten.

– Manchmal werden die Kinder auch vorher abgesetzt, wenn zwischendurch, außer der Reihe ein Kind geboren wird.

– Vielleicht ist Golan zu früh abgesetzt worden.

– Golan wurde zur Großmutter gegeben.

– Er hütete das Vieh.

– Vielleicht ist er neun, vielleicht ist er auch zwölf.

Golan schlafend unter der Sonne liegengelassen.

Golan ausgesetzt; man hat versucht, ihm die Fessel zu kappen.

Golan verirrt und vergeblich gesucht.

Golan, der Hyänenjunge.

Golan, der Leopardenjunge.

Golan, der Löwenjunge.

Verlassen von Hyänen, Leoparden, Löwen.

Auf der Suche nach Beeren, Milch.

 

O, ein Sanitätswagen, o!

Ein blaugekleideter Polizist.

Halb Tagfalterblau, halb Nachtfalterblau, o!

Und der Wilde Mann, Tomboug, rennt durch das psychiatrische Dorf, das nach dem verstorbenen Minister benannt wurde, o! o!

Nackt, o!

O! Mit seinem dicken, langen Dioladödel, o!

Er springt über die Zäunchen in die Gärten der Irren.

Er reißt Tomatensträucher aus. Er reißt Tomaten ab.

Er reißt Zaunlatten aus.

Er reißt die Sprößlinge der frischgepflanzten Bäume auf dem Hauptweg ab, alle, o!

Er reißt einen mannsgroßen Ast ab voller baumelnder grüner Mangos.

Er hängt ihn sich über, der Wilde Mann, o! der Papua, o! der Krokodilsmann, o!

Er huscht mit schlapperndem Dödel, mit raschelnden Zweigen, mit wackelnden Mangos in den Wald.

Der Polizist sagt:

– Am Flugplatz wollte er in die laufenden Propeller von Air Afrique rennen.

Der Polizist sagt:

– Ich habe einen Sohn, der ist ein bißchen komisch. Kann ich mit dem nicht auch mal vorbeikommen?

 

Mamadou bereitet alles vor.

Der große Diaraf, der Sarakole steht bereit.

Der kleine Diaraf, der Bambara steht bereit.

Der Wilde Mann kommt aus dem Wald zurück.

Mit den Armen fesselt der große Diaraf, der Sarakole die Arme des Wilden Mannes, o! und legt ihn auf den Boden, o! o!

Der Wilde Mann protestiert gedehnt, wie in erwartetem Genuß.

Der kleine Diaraf, der Bambara kreuzt die Beine des Wilden Mannes und setzt sich drauf, o!

Mamadou kommt mit den Spritzen.

Zwei Ampullen Valium 10 intravenös in den Arm, o!

Zwei Ampullen Haloperidol in den Arsch, o!

Eine Ampulle Largactil in den Arsch, o!

Als sie ihn in den Wagen verstauen, schläft der Wilde Mann schon.

 

Tomboug.

35 Jahre alt.

Aus Ziguinchor.

Depressive Psychose.

Seit dem 30. Februar 1974 ambulant behandelt.

Morgens, mittags, abends je 3 Milligramm Haloperidol

Morgens, mittags je 50 Milligramm Largactil.

Abends 100 Milligramm Largactil und 100 Milligramm Nozinan.

Er kommt von selbst am 17. September 1974 wieder.

Sehr unruhig.

Er kommt am 30. Juni 1975 wieder.

Sehr unruhig.

Er sagt, er will sich beim Zahnarzt die Zähne machen lassen. Erhätte Zähne verloren.

2 Ampullen Valium intravenös .

1 Ampulle Largactil 25 intramuskulär.

1 Ampulle Haloperidol intramuskulär.

1 Ampulle Nozinan intramuskulär.

Die letzten drei Injektionen drei Tage lang.

Am 2. Juli deutliche Besserung.

Keine Fluchtversuche mehr.

Er verlangt Tabletten.

Morgens und mittags 50 Milligramm LargactiL

Abends 100 Milligramm Largactil und 50 Milligramm Nozinan.

Am 12. August 1975 ein neuer Anfall. Ins Dorf aufgenommen.

Schreie.

Er tanzt.

Redefluß.

Aggressivität.

Die Familie hatte die Medikamente nicht mehr gekauft.

Er greift die Leute auf der Straße an.

Er hält sich für den Staatspräsidenten.

Fluchtversuch.

Wird auf seinen Wunsch hin nach Hause entlassen, da sein Kind krank ist.

Kommt am 8. September 1975 wieder, aber will nicht länger bleiben. Er sagt, er müsse seine Reisfelder bestellen und könne auch sein Kind nicht verlassen.

Er soll ambulant behandelt werden.

Die Familie wollte ihn in eine geschlossene Anstalt schaffen.

Dem widersetzte er sich.

Er sagt, er würde seine Medikamente zu Hause nehmen.

Am 19. September 1975 flieht er.

 

– Warum nehmt ihr ihn nicht wieder auf?

– Wenn einer von seiner Familie bereit ist, ihn zu begleiten, nehmen wir ihn auf.

 

Golan füllt Cajounüsse in eine EmailleschüsseL

Er sucht dürre Ästchen, knickt sie von den Mangobäumen ab, richtet sie zu einem Feuerstoß.

Er schüttet die Cajounüsse aus.

Er reißt die geschichteten Äste auseinander.

Er füllt Cajounüsse wieder ein.

Er schichtet einen neuen Feuerstoß.

Er sucht neue dürre Ästchen.

Er knickt Äste von den Mangobäumen ab.

Nun könnte er beginnen.

Er braucht nur das Feuer unter der Emailleschüssel zu entzünden.

Die Mutter kommt.

Sie herrscht ihn an.

Ausgießen.

Knicken.

Schichten.

Auseinanderreißen.

Einfüllen.

Ausgießen. Auseinanderreißen. Knicken. Schichten. Ausgießen.

Er rennt weg.

Er kommt wieder.

Er sucht dürre Ästchen, knickt sie von den Mangobäumen ab, richtet sie zu einem Feuerstoß .

Er füllt die Cajounüsse wieder ein.

Ich hole Streichhölzer.

Ich soll das Feuer anmachen.

Ich will nicht.

Er rennt weg.

Er kommt wieder.

Ich soll das Feuer anmachen.

Ich will nicht.

Ich gebe ihm die Streichhölzer.

Er entzündet das Feuer.

Darüber beginnen die Cajounüsse zu schmoren.

Die Mutter kommt.

Das ist doch falsch, was er gemacht hat.

So macht man das gar nicht.

Das muß ganz anders gemacht werden.

Golan kippt die Cajounüsse aus .

Er reißt das Feuer auseinander.

Er sammelt die halbgaren Cajounüsse ein.

Er ordnet drei Steine einander zu.

Er wirft die Glut hin und her.

Er hat sich verbrannt.

Er steht auf, hebt die Hand unter sein Kinn und schleimt in die Hand.

Wie sich seine Mutter schämt.

Ist es keine Schande mit ihm?

Ach, wäre er nicht da!

Die Mutter ist ganz krank.

Ein Mädchen, eine Verwandte des Ch efs, sammelt die Cajounüsse ein, richtet das Feuer und mokiert sich über den schleimenden Depp.

Die Mutter h olt den gutgeratenen Sohn, zeigt ihn vor.

Der wird was werden.

Golan schlägt auf das Mädchen ein.

Vielleicht sollten Sie Golan mal bewundern und ihn nicht unterbrechen.

Wenn Sie ihm Mut machen, kann er alles vielleicht etwas besser.

Die Mutter scheint das zu verstehen.

Sie schickt Golan, die Hose für seinen Bruder holen.

Golan will nicht.

Ich gehe mit ihm zusammen.

Er hängt die Hose neben seinen Bruder in den Baum.

– Golan, zieh deinem Bruder die Hose an.

– Ich zieh meinem Bruder nicht die Hose an!

– Aber du kannst das doch.

Golan zieht seinem Bruder die Hose an.

Die Mutter wirkt glücklich, daß sie mit Golan Geduld gehabt hat.

Eine Strampelhose.

Cajounüsse.

Feuer.

[S.111-149]