1. Fortsetzung und Schluß

Die entscheidende Manipulation der Gedanken vollzieht das Regime durch die Zeitungen, das Radio und die Traummaschine der Armen, das Fernsehen.

Man ist dabei, einen nationalen Zensurrat für Bücher, Film, Theater und Fernsehen einzurichten. Jede Fernsehsendung wird seit September 1971 getaped und bedarf einer Sondergenehmigung durch die Militärs.

Justiz-, Erziehungs- und Kommunikationsministerium koordinieren die Programme, eine Fusion der Fernsehanstalten ist geplant. Außenseiter, die sich der Fusion widersetzen, sollen enteignet werden.

Zensur, betriebseigene Selbstzensur und Furcht ließen alles unkonformistische Presseleben in Brasilien erstarren.

Am 13. August 1971 rief Justizminister Buzaid die Redakteure der wichtigsten Blätter des Landes zu langen Besprechungen. Er hatte vorher gründlich mit General Luiz Carlos de Freitas von der Bundespolizei konferiert.

Seither fällt das Wort Folter nicht mehr. Die Morde der verschiedenen Todesschwadronen haben nur in der Presseberichterstattung ein Ende gefunden.

Die Weltöffentlichkeit hat sich über die drohende Schließung des bewundernswerten “Jornal da Bahia” keine Sorgen gemacht, wohl aber über die mögliche Papierknappheit des infamen “Mercurio” in Santiago de Chile.

Auf dem 27. Kongreß der Interamerikanischen Presse in Chicago Oktober 1971 bezeichnete Júlio de Mesquita Neto, der Direktor des Estado de São Paulo, die brasilianische Pressesituation immerhin als delikat, während Nascimento Brito, Direktor des nach einer TV-Lizenz schielenden “Jornal do Brasil”, die Reaktion der internationalen Presse auf die Zustände in Brasilien brutal und ungerecht nannte. Auch sei die Militärdiktatur eine das Volk repräsentierende Regierung.

Doch auch Júlio de Mesquita Neto errötete nicht, an erster Stelle das düstere Schicksal der Presse unter der Regierung Allendes zu beklagen.

Sind Júlio de Mesquita Neto und Nascimento Brito die täglichen Anrufe der brasilianischen Militärs in den Redaktionen vom “Estado” und vom “Jornal do Brasil” unbekannt geblieben?

Doch regelt die sogenannte “Revolution” nicht nur das Verschweigen von Informationen, verbietet Chansons, Revuen, Theaterstücke, sie lanciert selbst einseitige und falsche Erfolgsmeldungen. Kein Kinoprogramm, in dem nicht zwei oder drei Vorfilme Szenen mit Winzerinnen oder Schwänen zeigten, in dem sich nicht Intellektuelle wie sogar Oscar Niemeyer oder der Gartenarchitekt Burlemarx zu Propagandazwecken benützen lassen, in dem nicht Staudämme, Eisenwerke und Straßen eingeweiht würden.

Nicht genug damit, der Werbefachmann Mauro Salles sagt während eines Symposiums der Katholischen Universität von Pernambuco: Die Werbung hat eine große politische Rolle in der Schaffung eines neuen Brasilien zu übernehmen.

Francis Chaban von “Agence France-Presse”, der Nachfolger eines des Landes verwiesenen französischen Journalisten, nennt die Erschließung Amazoniens in Gegenwart Präsident Medicis “die achte Arbeit des Herkules”.

Ein Siedlungsprogramm, das Hungernde auf dem humusarmen Boden des Amazonasgebietes ansiedelt, wo sie rodend und brennend die wenigen Reserven des Bodens in die Luft jagen und schon nach einer dritten mageren Ernte, um zu überleben, das nächste Stück Land in der gleichen Weise verkarsten werden. Garrastazu Medici ein Herkules? Nicht vielmehr der Koloß der U. S. Steel?

Ermírio de Moraes vor dem Senat: “Diese Straße wird das Amazonasgebiet nicht integrieren, sondern ausliefern, denn die geplante Straße verläuft in Richtung Serra dos Carajás, wo unsere Regierung der U. S. Steel Corporation ein Erzvolumen überlassen hat, das – berechnet auf der Grundlage von 49 Prozent Beteiligung – 12,5 Milliarden Tonnen ausmachen kann, das heißt bei zwei Dollar pro Tonne die astronomische Summe von 25 Milliarden US-Dollar.”

Vielleicht sind die Anstrengungen der Regierung zu einer Massenalphabetisierung der Bevölkerung ehrlicher.

Die “Revolution” wartete immerhin sechs Jahre, ehe sie 1970 der “Mobral”, der brasilianischen Alphabetisierungsbewegung, größere Zuschüsse gewährte.

Wie die Kampagne praktisch aussieht, geht aus dem Programm 1971 in Salvador hervor:

Bis zum 17. Februar: Zusammenstellung der städtischen Propagandakommission. 18. 2. bis 5. 3.: Training der städtischen Repräsentanten. 8. 3. bis 12. 3.: Hausbesuche. 6. 3. bis 13. 3.: Bestimmung von Ort und Anzahl der Alphabetisierungsposten. 13. 3. bis 19. 3.: Ausbildung und Training der Lehrer. 20. 3. bis 27. 3.: Dokumentation. 28. 3. bis 2. 4.: Unterschriften. (!) 5. 4. bis 15. 4.: Beginn der Stunden. 2. 4. bis 3. 5.: Alphabetisierung. 3. Mai: Abschluß.

Von fünf Monaten Geschäftigkeit entfällt also nur einer auf die Alphabetisierung selbst.

Drei Lehrbroschüren werden vom Minister für Erziehung und Kultur in vierter Auflage herausgegeben.

66 Seiten stark, nennt sich eines davon Mathematikbuch und führt den Analphabeten bis zur Division 16:4. Das 66 Seiten starke Lesebuch wird durch 34 Seiten Übungen ergänzt. Beide sollen den Schüler befähigen, einen Brief zu verfassen.

In Salvador mußte das Spiritistencenter die Räume für die Alphabetisierung abtreten. Mitten im Nuttenviertel, in drei notdürftig abgeteilten Klassen brüllten die Lehrer, kanonartig, den allzu zahlreichen Schülern die Lektionen ins Ohr.

Die Lektüren enden: “Jetzt, da Sie lesen und schreiben können, erhalten Sie Ihre Berufskarte. Sie können auch Ihre Wahlberechtigung erhalten und Ihre Militärdienstbescheinigung gegen eine andere umtauschen, auf der zu lesen steht: Alphabetisiert.”

Ihren Namen werden die Millionen der Schnellalphabetisierten wohl nun in ihren Wehrpaß malen können und weiter die Zeichnungen der Comicstrips durchblättern.

1971 vermehrte sich die Zahl der Analphabeten um ein bis zwei Millionen Jugendliche, die das 14. Lebensjahr ohne Schulbildung vollendeten – so der Sekretär der brasilianischen Alphabetisierungsbewegung. Und außerdem: Wie könnte es eine Regierung ehrlich meinen mit der Erziehung zu Lesern und gleichzeitig die Wahrheit in allem Gedruckten unterbinden?

Der größte Propagandacoup ist der herrschenden weißen Klasse jedoch in der Rassenfrage gelungen. Nichts ist zur Verdrehung der Wahrheit wirksamer als die Fakten selbst in falschem dialektischem Zusammenhang. Es gebe in Brasilien keinen Rassismus, geht die Sage; und tatsächlich gibt es weder getrennte Pissoirs für Weiße und Schwarze noch getrennte Parkbänke.

Es gibt keinen Rassismus in Brasilien, denn er ist gar nicht vonnöten. Die Strukturen der Sklavenhalterei haben sich kaum gewandelt.

Ist es nicht Sklaverei, wenn der Baumaterialienhändler mir gegenüber sich fünf Bedienstete – schwarze Bedienstete, versteht sich – hält für je 50 Mark im Monat?

Um sechs Uhr morgens beginnt für den Neger Pelé, der mit dem Nationalalibi nur die Hautfarbe und den Fußballwahnsinn gemein hat, die Arbeit.

Ich habe im Laufe eines Jahres Pelé nur stehend oder rennend Brot und dünne Mehlsuppe und Bohnen schlucken sehen und ihn noch um Mitternacht auf das herrenmenschliche Hupen des weißen Besitzers reagieren.

Keine Sklaverei, in der Garage wohnen oder in vier Quadratmetern stallartigem Unterschlupf, oft nur mit Luftloch – auch in den vielen Bedienstetenzimmern der Luxusappartements in der Großstadt?

Als einziges Vergnügen den Transistor und die Lautsprecher der Werbewagen, die in den Kleinstädten die leseunkundige Bevölkerung einem unerbittlichen Phonterror aussetzen. Keine Sklaverei das tagelange Gezänk unkultivierter, gelangweilter weißer Herrinnen?

Man kann nicht jeden schwarzen Brasilianer mehr gegen ein Kopfgeld an Großgrundbesitzer abliefern, ihn nicht mehr am Pelourinho ausstellen und ihm nur noch in seltenen Fällen die Augen ausreißen – aber die soziale Unterdrückung der ehemaligen Sklaven genügt im allgemeinen vollauf, um den blanken Rassismus zu vermeiden. Selbstverständlich wird kein Schwarzer in die Luxushotels der Städte gelassen. lm Süden enthält das Anmeldeformular noch die Frage: Farbe?

Wie viele Politiker sind schwarz?

Selbstverständlich wird man keinen Schwarzen in den eleganten Klubs der Riesenstädte antreffen. Aber man kann sich die Aufschrift: Neger unerwünscht! sparen – die Preistabelle genügt.

Wie viele Nuancen hat die Volkssprache nicht, um die zunehmende Verweißlichung der Armen gebührend hervorzukehren?! Das Epitheton “Gutes Aussehen” in den Zeitungsannoncen ist bei der Feinfühligkeit der Afrikaner deutlich genug, um einem Schwarzen jede Hoffnung auf den Job zu nehmen.

Wie viele Politiker, wie viele Bischöfe, Ärzte, Professoren, Industrielle, Generäle sind schwarz? Darüber täuschen Pelé und ein oder zwei Schlagerstars, Boxer und Fußballasse nur das gern leichtgläubige Ausland und das Gewissen der eigenen, weißgehaltenen Elite. Es ist einfach, auch für den Touristen. Fahren Sie vom Flugplatz ins Zentrum von Rio. Die sich bücken, sind schwarz, die Straßenfeger, die Chauffeure, die gemeinen Soldaten und Polizisten, die Bettler, die Träger und die Favelabewohner. Die, vor denen sich gebückt wird und die aus den Vorderausgängen der Luxushäuser herausgehen, sind weiß.

Mitte August wurde das Gerichtsmedizinische Institut des Bundesstaates Bahia von etwa 50 Militärpolizisten besetzt. Vom 18. September ab erklärten die Zeitungen des Landes, der Widerstandskämpfer Ex-Hauptmann Carlos Lamarca sei im Bundesstaat Bahia unter einem Baum erschossen worden.

Erlegten Guerrilleros die Köpfe abgeschnitten.

Das Gerichtsmedizinische Institut blieb noch immer besetzt. Warum? In Bahia wurde berichtet, es seien mehrere Widerstandsgruppen festgenommen und gefoltert worden. Die Militärs haben unter anderem für elektrische Schocks Drähte in die Harnwege von Studenten eingeführt. Einige Personen, darunter die Geliebte Lamarcas, Yara Yavelberg, seien bei den Verhören umgekommen; Lamarca selbst habe man mit den von der Haager Konvention verbotenen Dumdumgeschossen in den Unterleib gezielt, alsdann seine Finger einzeln abgerissen.

Lamarcas Leiche durfte im Gerichtsmedizinischen Institut nur kurz von den Journalisten in Augenschein genommen werden. Photographieren war verboten. Ein widerspenstiger Photograph kam ins Gefängnis.

Die Armee stellte selbst zweihundert Negative her und verteilte die Kopien an die Presse.

So willkommen die Beteuerungen der brasilianischen Militärs, es gäbe keine Foltern im Lande mehr, geneigten Ohren auch immer klingen mögen, so unwahrscheinlich bleiben sie – selbst besten Willen vorausgesetzt nach Betrachtung der Geschichte der Grausamkeit in Brasilien und der Geschichte des brasilianischen Selbstverständnisses.

Die Konquistadoren brachten das bekannte Arsenal iberomaurischer Torturen über den Ozean. Sie trafen auf eine indianische Urbevölkerung, mit der sie sich weder identifizierten noch die sie schonten.

Es folgte die Ausrottung der Tupinamba und Tupi-Guarani, Völkerstämme, die ihren indianischen Feinden ihrerseits jedes Mitleid versagten und die ausgeklügeltesten Todesarten zu bereiten wußten.

Afrikaner wurden zur Sklavenarbeit eingeführt – als Untermenschen oder als Tiere betrachtet; noch heute spielen Witzzeichnungen mit der Assoziation Neger – Affe.

Afrikaner wurden von afrikanischen Zwischenhändlern an die Weißen verschachert, Afrikaner, die sowohl Arten der Sklaverei als auch Menschenopfer, Kastration und Folter kannten. Die Peitschenhiebe wurden nach Artikel 60 des Strafgesetzbuches an Werktagen verabreicht, wenn der Verurteilte sie noch ertragen konnte. Unterbrochen wurden sie nur, wenn sein Leben in Gefahr stand.

Patricio erhielt 1000 Peitschenhiebe, am 10., 11., 13., 14. April. Am 8., 9.. 11., 13., 18., 19., 20., 21., 22., 23., 30. Mai und am 5., 6., 10., 11., 12. Juni.

Die Unterbrechung des Auspeitschens zwischen 14. April und 8. Mai wird durch eine Eingabe an den Städtischen Richter erklärt. Der Arzt hatte den Zustand der Verurteilten begutachtet und bestätigt, daß nur zwei unter ihnen in einem Zustand sind, daß sie ihre Strafe weiter abbüßen können. Alle anderen können sie auf Grund der offenen Wunden nicht ertragen.

Narisco, Sklave von José Moreira da Silva, verhaftet mit der Waffe in der Hand in Aqua dos Meninos, zu 1200 Peitschenhieben verurteilt, widerstand der Strafe nicht. Am 29. Januar in die Santa Casa da Misericordia eingeliefert, starb er dort am 27. Mai 1836.

Die junge Republik mit ihrem Wahlspruch Ordem e Progresso verstand es, in den aufständischen Häretikern von Canudos ein neues Gegenbild zu finden. Auf den Feldzügen 1897 gegen die Hippiegemeinschaft wurde gefoltert, und die Gefangenen wurden bei Verhören getötet.

Als man in den dreißiger Jahren die Aufrührer um Lampião im Staate Bahia ausheben wollte, wurden jeder Hirte, jeder Bauer, auch Kinder ohne Pardon von den Regierungstruppen gefoltert.

Den erlegten Guerrilleros schnitt man die Köpfe ab und trug sie – 1938 – in formolgefüllten Blechkanistern im Triumphzug nach Salvador.

Heute sind Kommunisten und Hippies das Gegenbild. Es gelingt der herrschenden brasilianischen Gesellschaft nicht mehr, sich mit einem großen Teil der Intelligenz des Landes zu identifizieren; vielleicht wünschen es die Militärs nicht einmal, daß Intelligenz und Gouvernement, Intelligenz und Volk zu einer Identifikation gelangen.

1968 benutzte die Militärdiktatur ein Buch des Abgeordneten Alves “Foltern und Gefolterte”, um die endgültige Abschaffung der demokratischen Verfassung zu betreiben.

Da wird mangelnde Identifikation zur Schizophrenie: Ein Buch über die Foltern des brasilianischen Militärregimes wird von eben diesem als Beleidigung der Armee gedeutet und dient als Vorwand, um diese Foltern in bisher nicht bekanntem Maße anzuwenden.

Mit Napalm gegen Gesetzesbrecher.

Marcio Moreira Alves schrieb: “Die Brasilianer lernten, die Polizei … und die Kriminellen, die die Polizei verfolgte, als Gleiche aufzufassen.”

Schon anläßlich des Feldzugs gegen Lampião gestand Polizeihauptmann Joaquim Góis zu: “Die Söhne im Innern wurden durch Hunger und Arbeitslosigkeit zum Verbrechen als einziger Möglichkeit des Überlebens gezwungen. Die Vernünftigsten, die ihre Aggressionen und ihre Vorliebe für Gefahr befriedigen wollten, wurden Soldaten oder zogen die Polizeiuniform an.”

Noch heute halten die Morde der verschiedenen Polizeiorganisationen an; den Opfern werden die furchtbarsten Todesarten zugefügt.

Im Januar 1971 wurden im Laufe von vier Tagen drei Kinder von Polizisten erschossen. Im April drangen Militärpolizisten in das Krankenhaus von Alagoinhas ein und verprügelten einen Kranken.

Und am Dienstag, dem 10. August, wurde auf der Jagd nach drei Verbrechern in der Gegend von Santa Cruz Napalm eingesetzt.

Seit Jahren wirbt das Militärregime mit der Bekämpfung der Esquadrão da Morte und anderer Todesschwadronen. Es hat auch tatsächlich einige Verhandlungen gegeben. Die Morde der Polizeikräfte aber gehen weiter. Seit jener denkwürdigen Besprechung Justizministers Buzaid mit den Vertretern der Presse werden nur die Nachrichten darüber spärlicher.

Wie wenig ernst es der Regierung damit ist, beweist die Tatsache, daß Mariel Mariscot de Matos, einer der schlimmsten Mörder der Esquadrão, während seiner Untersuchungshaft Ausflüge nach Copacabana unternehmen konnte, schließlich seine Flucht voraussagen, fliehen, die gegen ihn aufgestellten Zeugen kidnappen und wahrscheinlich foltern konnte. Mariscot ist das dritte Mitglied der Esquadrão da Morte. dem die Flucht aus der Untersuchungshaft gelang.

Marcio Moreira Alves schrieb 1967: “Wenn die Polizei routinemäßig die gewöhnlichen Kriminellen foltert, warum sollten die politischen Häftlinge nicht gefoltert werden?”

So fürchterlich es klingt, aber der politische Häftling befindet sich gewissermaßen in einer privilegierten Situation, denn weltweite Organisationen fragen wenigstens nach seinem Schicksal, während der Arme seit jeher ohne jede Appellationsmöglichkeit jeglichem Polizeiterror ausgeliefert war.

Im Oktober 1971 entdeckte man in Recife das Privatgefängnis einer Textilfirma, das für Arbeiter bestimmt war, die gegen die Ausbeutung durch die Firma protestierten.

Im Gefängnis von São Paulo bricht im August eine Scharlachepidemie aus. In Zellen, die für drei Personen bestimmt sind, hausen bis zu zwölf Gefangene ohne Decken und Matratzen. 1971 stirbt in Campos Gerais ein Strafgefangener, nachdem er acht Tage ohne Essen und Trinken gelassen worden war.

Am 22. Juli 1970, drei Jahre nach der Veröffentlichung von Alves‘ Buch, gab die Internationale Juristen-Kommission in Genf ihren Report über polizeiliche Unterdrückung in Brasilien heraus. Dieser Report beweist, daß alle von Alves aufgezählten Foltern noch angewendet werden und neue Methoden hinzugekommen sind.

Die modernste Computeranlage der Welt für die Polizei von Rio.

Im Gefängnis der Ilha das Flores werden verstümmelte Kinder an den Besuchstagen in die Sprechzimmer gesetzt. Auch hat man Kinder in der Gegenwart ihrer Eltern gefoltert. Es werden Militärärzte zu den Verhören hinzugezogen, die durch Injektionen und so weiter ein Ohnmächtigwerden des Opfers und Zeitverlust bei der Befragung verhindern.

Der Report der Internationalen Juristen-Kommission schreckt nicht vor der Bezeichnung “Konzentrationslager” für die Gefangenenlager in Brasilien zurück.

Es hat eine mutige Provinzzeitung gegeben, die sich nicht mit den Photos der Militärs zufriedengeben wollte. Sie verstand es, sich einen Eindruck von der Leiche Carlos Lamarcas vor der offiziellen Aufbahrung zu verschaffen:

“Sein Körper zeigt die Einschlaglöcher der Dumdumgeschosse in der rechten Achsel, im rechten Arm und der linken Hand. In der Leiste ein weiterer Einschuß. Die einzelnen Glieder des linken Mittel- und Zeigefingers liegen auf dem zerstückelten Geschlechtsteil.”

Wie ist die Reaktion der westlichen Demokratien? Die USA bestreiten 50 Prozent aller ausländischen Investitionen in Brasilien. 1967 kaufte Henry Ford II die brasilianische Autofabrik Willys-Overland do Brasil, um dem Volkswagen am Platz Konkurrenz zu machen, Der Wirtschaftskrieg hatte begonnen. 1971 entscheidet sich Ford für Masseninvestitionen in Brasilien, um von hier aus – wie auch VW – den ganzen südamerikanischen Kontinent zu beliefern. Die Kürzung der US-Auslandshilfe beunruhigt das Regime der Militärs nicht. Das Hauptgeld für sie kommt aus der nordamerikanischen Privatwirtschaft und von internationalen Banken. So kann es sich die brasilianische Regierung leisten, (nach der Rechtswendung in Bolivien) am 27.9.71 einen Kredit von zehn Millionen US-Dollar zu gewähren – am 29. 7. 1971 erhielt sie von der Interamerikanischen Entwicklungsbank 47 Millionen US-Dollar.

Großbritannien richtet die modernste Computeranlage der Welt für die Polizei in Rio ein. Kurz vor Hermann Josef Abs besucht der englische Bankier Leopold Rothschild São Paulo und bespricht Marine- und Stahlinvestitionen. Israel könnte bei der Einführung des Militärdienstes der Frauen behilflich sein, und Frankreich möchte mit Brasilien zusammen Flugzeuge bauen. Frankreich liefert bereits sechzehn Mirages und England sechs Zerstörer, die mit französischen Raketen bestückt werden sollen.

Die Adenauer-Stiftung plant ein Bildungsfernsehen.

Könnte die Bundesrepublik da zurückstehen? Vier Minensuchboote sind in Bremen in Auftrag gegeben. Die Fabrikanten von Maschinenpistolen und Maschinengewehren laufen sich bei den zuständigen Stellen die Hacken ab, um ins Geschäft zu kommen – trotz der immer noch unbequemen Natobestimmungen.

Seit 1969 besteht ein Vertrag zur nuklearen Zusammenarbeit. Die Adenauerstiftung plant ein Bildungsfernsehen aufzubauen für eine bis jetzt nicht eindeutig zu klärende Anzahl von Millionen – sicher aber drei Millionen US-Dollar.

Es mag besser sein, in Brasilien ein Bildungsfernsehen einzurichten als nicht. Es wird von der rechtsstaatlichen Auffassung und der Geschicklichkeit der Herren von der Adenauerstiftung abhängen, ob diese Millionen für einen Propagandacoup der Wirtschaft und der Militärs verschleudert werden oder eine fortschrittliche Ausbildung eines großen Teils des brasilianischen Volkes ermöglichen. Doch die entscheidende bundesdeutsche Wirtschaftstat ist kleinbürgerlicher und grenzt dennoch ans Surrealistische: VW!

Der VW in Brasilien, der Käfer, der sich plageartig an Stränden und im Urwald, in Rush-hours und Garagen breitmacht, ist mehr als ein Auto – er ist eine Lebensform. Es gibt Väter, die versprechen ihren studierenden Söhnen keinen Scheck, sondern einen VW.

Der Besitzer eines VW kann diesen täglich gegen 30 und 50 Mark ausleihen. Er kann von diesem Geld studieren, angeben oder sich ein Taxiunternehmen aufbauen.

Diejenigen, die gezwungen sind, sich einen VW zu borgen, sind weniger glücklich dran. Sie müssen täglich wenigstens 12 Stunden als Taxifahrer arbeiten, und ihr Verdienst von 300 bis 800 DM reicht gerade für ein Arbeiterhäuschen, zu kargem Essen der kinderreichen Familien und zum Rauchen. Die meisten können sich aus zeitlichen und pekuniären Gründen weder eine Zeitung halten noch ins Kino oder in die Kirche gehen. Nur die wenigsten haben einen Versicherungsschutz oder eine Altersversorgung.

Ich habe Väter von 15 Kindern gesehen, die 18 Stunden am Tag arbeiten, um in einem schier unverständlichen Verantwortungsbewußtsein ihre Kinder nicht verhungern zu lassen. Der Volkswagen erfährt im Gebrauch eine seltsame Transmutation. Das Innere überzieht sich mit Plastikblumen, Fransen. Kordeln, Heiligen. Die Bremse funktioniert kaum noch. Der Gang springt heraus. Oft klemmt das Gaspedal. Fast nie wischt im tropischen Regen der Scheibenwischer. Ein Streß ist die Folge, der den New Yorker Verkehr im Vergleich als provinziell erscheinen läßt; Fahrerflucht bei den unzähligen tödlichen Unfällen die Regel.

Das VW-Werk bei São Paulo erteilt nur ungern Auskünfte. Die Höhe des jährlichen Kapitalexports durch VW bleibt unbekannt. Hélio Fernandes, Herausgeber der “Tribuna da Imprensa” in Rio de Janeiro, bereits mehrere Male von den Militärs verhaftet, erhebt seit Mai 1970 unwidersprochen seine Vorwürfe gegen VW.

Die bereits fünfmal wiederholten Behauptungen von Fernandes sind ungeheuerlich:

  • Warum kostet ein Volkswagen in Deutschland 1100 US-Dollar (1970) und der gleiche Wagen, in Brasilien produziert, mehr als 3000 US-Dollar?
  • 1965 kam der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen nach Brasilien und bestätigte, daß VW in Brasilien eine Investition von 100 Millionen US-Dollar vornehmen wollte. Zunächst schickte VW einige alte Maschinen nach Brasilien.
  • Das Verfahren, alte Maschinen mitzubringen, wurde von fast allen Firmen, die sich in Brasilien niederließen, benützt.
  • Brasilien gibt heute mehr Dollar für den VW aus als vorher, als wir Autos importierten.

Fernandes: “Man komme mir nicht mit dem Argument, daß die Automobilindustrie 60 000 Arbeitsplätze geschaffen habe.”

Zehn Millionen Mark für Bau der Bonner Botschaft.

In einer Epoche, wo Städte wie Rom, Paris, New York, Hamburg verzweifelt versuchen, einen Ausweg aus dem Verkehrschaos zu finden, verkauft ein Land wie die Bundesrepublik die Superproduktion von Autos als technologisches Know-how. “Wer ist interessiert daran”, so Hélio Fernandes, “Archive durchzuwühlen, wenn die großen Nutznießer dieser Coups noch reich und mächtig am Leben sind.”

VW plant in São Paulo eine Tagesproduktion von 2500 Käfern. Nach Angaben des VW-Werks betrug der Umsatz in São Paulo 1970 etwa 2,3 Milliarden Mark. Die Bilanz aus Wolfsburg gibt den gesamten Gewinn von VW do Brasil für 1970 mit 46,2 Millionen Mark an, das wären knapp zwei Prozent Umsatzrendite – ein bescheidenes Ergebnis.

Die Intelligenz Lateinamerikas hat es gelernt, die Europäer zu verachten. Es gibt keine schlechtere Empfehlung bei den Studenten, als Bundesdeutscher zu sein; doch selbst reaktionäre Zeitungen empfanden den Bau einer bundesdeutschen Botschaft für zehn Millionen Mark als peinlich.

Die jungen Intellektuellen Lateinamerikas haben es nicht vergessen, daß schon einmal Volkswagen vor Furcht und Elend eines ganzen Volkes rollen mußten.

Ende